Home
http://www.faz.net/-gch-137r5
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Betty Heidler Fast eine Selbstverständlichkeit

06.07.2009 ·  Bei den deutschen Meisterschaften gewann Betty Heidler ihren fünften Titel im Hammerwerfen. Für die WM plant sie einen noch größeren Coup.

Von Claus Dieterle, Ulm
Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (0)

Nur ein paar rote Strähnen und das Eintracht-Trikot verraten, wer sich da unter dem grauen Regenschirm ein paar Meter links vom Hammerwurfkäfig auf einem Handtuch ganz klein gemacht hat. Betty Heidler sucht Schutz vor der prallen Sonne im Ulmer Donaustadion, und da bietet der Schirm ein kleines, aber wirkungsvolles Versteck. Privatinitiative ist eben bei einem sensiblen Hauttyp gefragt, weil es der Veranstalter nicht geschafft hat, bei deutschen Meisterschaften für die Hammerwerferinnen ein paar Schatten spendende Sonnenschirme aufzustellen. Aber jedes Mal, wenn die Weltmeisterin im Trikot der LG Eintracht Frankfurt ihre kleine Schatteninsel verlässt, sich den Wurfhammer greift und in den Käfig steigt, ist sie voll konzentriert.

Und jedes Mal, wenn sie den Ring nach vier rasend schnellen Drehungen und einem hohen Abwurf wieder verlässt, steht an der Anzeigetafel die Ziffer sieben vorne: Alle sechs Würfe landen jenseits der 70-Meter-Marke. Und schon der erste entscheidet den Kampf um den Titel. 74,25 Meter - so weit schleudert im Moment keine Konkurrentin den Hammer. Auch ihre Vereinskollegin Kathrin Klaas nicht, die es aber immerhin auf die respektable Weite von 72,76 Metern bringt und von Bundes- und Vereinstrainer Michael Deyhle, der als aufmerksamer Beobachter oben auf der Tribüne in der Kurve sitzt, demonstrativ Beifall erhält.

Das Niveau für 75 Meter und mehr hat sie

Mit seiner Besten ist er hingegen nicht ganz zufrieden. Der Meistertitel, das gibt Deyhle unumwunden zu, ist mittlerweile schon fast zur Selbstverständlichkeit geworden. Es ist ja auch schon der Fünfte in Serie, aber die Weite ist für eine, die schon mal 76,55 Meter geworfen hat, nicht ganz, was man sich vorgestellt hat. Der deutsche Rekord ist zwar drei Jahre alt, und er steht momentan noch nicht zur Debatte, aber auch Betty Heidler sagt später, dass sie ihr Ziel knapp verfehlt hat: „Ich wollte schon über 75 Meter werfen.“ Sie hat sogar versucht, die beiden letzten Versuche auf Risiko zu werfen, weil der Titel längst sicher war. Aber es war ein langer, zäher Wettkampf, mit vielen Unterbrechungen, weil immer wieder die Läufer den Weg kreuzten, und da kommt man einfach nicht in den Rhythmus für große Weiten, sondern fängt im Prinzip jedes Mal wieder von vorne an.

Das Niveau für 75 Meter und mehr hat sie. Bis auf drei Zentimeter ist sie im Juni schon an diese Marke herangerückt. Es ist eine Saison, in der bislang alles passt. Athletisch, technisch und auch vom Kopf her. Der hat ihr früher häufig Streiche gespielt, wenn es darauf ankam, und noch vor einem Jahr, bei den deutschen Meisterschaften in Nürnberg, hat die Weltmeisterin von 2007 nach enttäuschenden 68,64 Metern gejammert: „Ich brauche einen neuen Kopf.“ Bis zu den Olympischen Spielen in Peking fand die Erneuerung jedenfalls nicht statt: Platz neun mit 70,06 Metern.

„Ich muss mir nichts mehr beweisen“

Diese Saison läuft bislang ganz anders. Betty Heidler, die sonst bisweilen verkrampft und verbissen wirkte, kommt jetzt locker und entspannt daher. Sie merkt es ja selbst: „Ich bin wesentlich lockerer geworden.“ Sie hat inzwischen erkannt, woran sie im vergangenen Jahr gescheitert ist. „Ich wollte bei jeder Gelegenheit der Öffentlichkeit beweisen, dass mein WM-Titel kein Zufall, sondern verdient ist. Damit bin ich nicht zurechtgekommen“ (siehe: Leichtathletik-WM: Betty Heidler gewinnt Hammerwurf-Gold).

Jetzt geht sie die Dinge aus einer anderen Perspektive an: „Ich muss mir nichts mehr beweisen“, lautet das neue Credo. An ihrem Saisonziel hat das allerdings nichts verändert. Betty Heidler ist nur Wahl-Frankfurterin des Hammerwerfens wegen, weil am Main eben der Schleuder-Experte Deyhle sitzt, aber ihre Wurzeln liegen in Berlin. Und wenn eine vom WM-Fieber schon gepackt ist, dann die 26 Jahre alte Athletin. Das Olympiastadion wäre genau die Bühne für den großen Coup, die WM der richtige Zeitpunkt für den Ausreißer nach oben, auf den sie noch wartet. Leicht wird das nicht, die Jahresbeste Martina Hrasnova aus der Slowakei ist ihr mit 76,90 Metern ein Stück voraus, und sie rechnet auch noch mit den bislang auffällig wurfschwachen Russinnen. Aber sie sagt ganz selbstbewusst: „Natürlich werde ich meinen Titel verteidigen“ (siehe: „Berlin, Berlin“: Betty Heidlers Hammer-Wildcard).

Sie laufen, werfen, gehen, springen und haben dabei nur ein Ziel: Die Leichtathletik-WM vom 15. bis 23. August in Berlin. FAZ.NET begleitet die Topathleten auf ihrem Weg zu dem Sportereignis des Jahres: „Berlin, Berlin“ - Der Countdown zur Leichtathletik-WM 2009. Noch sechs Wochen (siehe: FAZ.NET-Sonderseite zur Leichtathletik-WM).

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen