Zweidimensionale Unterhaltung hat uns lange genügt. Vor der morgen eröffnenden Internationalen Funkausstellung ist jedoch ein gewaltiger Rummel um die stereoskopische Zukunft des Fernsehens ausgebrochen, kräftig befeuert von der Elektronikindustrie, die in Berlin knapp fünfzig neue 3D-Fernsehmodelle präsentieren wird. Die Quersumme, so ließe sich unken, soll wohl erhalten bleiben: Wo der Inhalt eindimensional geworden ist, muss eben die Form in die dritte Dimension vorstoßen (wobei die vielen nulldimensionalen Inhalte einmal außen vor gelassen seien).
Allerdings steht dem dreidimensionalen Heimvergnügen noch manche Hürde im Weg. Zunächst der Preis: Knapp zweitausend Euro muss für die meisten der neuen Fernsehgeräte gezahlt werden, die sich allerdings auch für den 2-D-Betrieb im hochauflösenden HD-Format eignen. Stets nötig sind zudem spezielle Brillen, die mit wenigen Ausnahmen nach dem „Shutter-Prinzip“ arbeiten, also synchron zum Fernsehbild abwechselnd das rechte und das linke Brillenglas abdunkeln, so dass jedes Auge sechzig Einzelbilder in der Sekunde zu sehen bekommt. Die Brillen kosten um die hundert Euro und sind nicht kompatibel: Wer also Freunde zum 3D-Heimkino einlädt, sollte mehrere Brillen vorhalten. Immerhin entwickelt das Unternehmen Xpand zurzeit Universalbrillen, deren Prototypen im aktuellen Praxistest der Computerzeitschrift „c't“ sehr gut abgeschnitten haben.
Da kommt „Ghosting“ auf uns zu
Wer sich dem vollen 3D-Effekt hingeben möchte, sollte sich außerdem einen 3D-Blue-ray-Player für mehrere hundert Euro anschaffen, um einen der ebenfalls nicht billigen 3D-Filme - von denen bislang nur drei erhältlich sind, einige weitere im Bündel mit manchen Fernsehgeräten - darauf abzuspielen, denn nur hier wird Dreidimensionalität in HD-Qualität geboten, während die diversen Demokanäle (von Eutelsat oder Astra, im Dezember will auch Canal+ einen Testkanal freischalten) mit der halbierten Auflösung arbeiten.
Daneben hat der „c't“-Test auf technische Mängel aufmerksam gemacht, so etwa auf das „Ghosting“ (Doppelbilder) bei geringer Drehung mancher Brillen, auf das Flimmern einiger Geräte und auf die Reduktion der Schirmhelligkeit durch die Brillen um mehr als zwei Drittel, so dass man 3D-Fernsehen nur in abgedunkelten Räumen genießen sollte. Die räumliche Hochrechnung des traditionellen Fernsehprogramms sei zudem eine reine Spielerei, die nur in Ausnahmefällen das gewünschte Ergebnis erziele.
Andere Länder, die gleichen Anlaufschwierigkeiten
Dennoch wird die Ifa ganz im Zeichen des 3D-Fernsehens stehen. Mehrfach war zuletzt zu hören (so etwa von George Jeffrey, dem Präsidenten von National Geographic Channels), wir stünden am Beginn einer echten Revolution, größer als der Übergang vom Schwarzweiß- zum Farbfernsehen. Programmatisch hält der Vizepräsident des zum Disney-Konzern gehörenden Senders ESPN die erste Ifa-Keynote am Eröffnungstag. ESPN hat unter anderem einige Spiele der Fußball-WM dreidimensional ausgestrahlt.
Auch der englische Bezahlsender BSkyB sendet vereinzelt Sportereignisse in 3D (in der auflösungsreduzierten Variante). In Spanien soll bald die erste 3D-Fernsehserie entstehen. Das alles aber sind nur erste, tastende Versuche. Selbst in Asien, wo der jüngste 3D-Hype seinen Ursprung hat, scheint ein dreidimensionales Vollprogramm noch in weiter Ferne.
„Kommt Zeit, kommt Rat“
Es stellt sich damit die Frage, ob hier die Form dem Inhalt davongeeilt ist. Höchst verhalten reagieren jedenfalls die noch ganz mit dem Ausbau des HD-Standards beschäftigten deutschen Sender auf das große Berliner Versprechen. Sie reisen mit völlig anderen Erwartungen zur Ifa an, wo sie die Verschmelzung von Fernsehen und Internet (Hybridfernsehen) propagieren wollen. So sagte die ARD-Sprecherin Ulla Fiebig im Gespräch mit dieser Zeitung: „Mit Blick auf die nicht abgeschlossene Standardisierung und die geringe Verbreitung entsprechender Endgeräte ist ein Einstieg in die 3D-Verbreitung nicht vorgesehen und auch aus Kostengründen nicht machbar.“ Auf der Ifa führe man vor, wie „Video-on-Demand-Angebote aus den HbbTV-Mediatheken der ARD (...) zeitsouverän abgerufen werden“. Auch die (aus der kommunikationsgeschichtlichen Kreidezeit stammenden) Videotexte würden künftig „in modernen, digitalen Versionen gezeigt“. Der Fernseher als abgerüsteter Computer - revolutionär klingt das nicht.
„Kommt Zeit, kommt Rat“, pflichtet selten einmütig Petra Fink bei, Pressesprecherin der Pro-Sieben-Sat.1-Gruppe: Man beobachte die Entwicklung des 3D-Fernsehens nur aus der Distanz. Beim Kölner Konkurrenten erhält man dieselbe Auskunft: „In der gesamten RTL-Gruppe gibt es dazu keine konkreten Planungen.“ Der ZDF-Intendant Markus Schächter dämpft ebenfalls die Hoffnungen: Dreidimensionale Produktionen seien „noch viel zu aufwendig und teuer“. Immerhin will man die neue Technik konkret prüfen. Ein ZDF-Pilotprojekt wurde soeben im Rohschnitt fertiggestellt, eine 3D-Hommage von Wim Wenders an die Tänzerin Pina Bausch. Der HDTV-Fachmann des ZDF, Tobias Schwan, will das aber nicht als Einstieg in ein neues Zeitalter verstanden wissen. Solche szenischen Produktionen könne man ja ausprobieren, aber an 3D-Liveproduktionen als Zusatzangebot sei überhaupt nicht zu denken. Weil hier eine ganz eigene Dramaturgie zu befolgen sei, müssten alle Ereignisse, die man zwei- und dreidimensional übertragen wollte, von zwei Teams gefilmt werden.
3D-Technik als absoluter Zukunftsmarkt
Schwan hat auch seine Zweifel, ob die Zuschauer wirklich mit Brille im dunklen Kämmerchen sitzen möchten: „Vielleicht ist das alles nur ein temporärer Hype.“ Gegenwärtig existiere das 3D-Fernsehen vor allem in den Verheißungen der Geräteindustrie, die natürlich größtes Interesse daran habe, nach den HD-Geräten eine neue Produktlinie abzusetzen. Auf der Ifa wird das ZDF jedenfalls das Hybridfernsehen bewerben, also einfach die Fernsehtauglichkeit seiner Mediathek.
Enthusiastischer klingt da Bernhard Burgener, der Vorstandsvorsitzende der Constantin Medien AG, die neben dem Filmgeschäft den Sender Sport1 (ehemals DSF) betreibt. Testweise hat man jüngst das Eröffnungsspiel der Eishockey-WM 2010 auf dem Internetsender „Liga total!“ dreidimensional gestreamt. Auch im Filmsegment, so Burgener, setze man „konsequent auf das 3D-Format, da wir diese Technik als absoluten Zukunftsmarkt betrachten“. Folgen für das aktuelle Fernsehprogramm hat das jedoch keine. Nicht einmal den „Sexy Sport Clips“ gönnt man - in Anlehnung an das berühmte Tutti-Frutti-3D-Experiment der neunziger Jahre - echte Rundungen. Vielleicht wartet man da noch auf das Anfass-Format der Zukunft.
Die Akzeptanz ist noch völlig unklar
„Etwas in der Pipeline“ hat man einzig beim Abosender Sky, wo schon lange mit einem Einstieg ins 3D-Fernsehen geliebäugelt wird. Er sehe gute Chancen, im nächsten Jahr einen 3D-Kanal zu starten, sagte Sky-Chef Brian Sullivan dem „Handelsblatt“. Der Probelauf soll bald beginnen. Unternehmenssprecher Armin Sieber wollte jedoch auf Anfrage lediglich verraten, dass Sky auf der Ifa bekanntgebe, welche Inhalte in Zukunft dreidimensional ausgestrahlt würden. Dass die Akzeptanz noch völlig unklar sei, betont auch er. Der Verband der Deutschen Fußball-Liga (DFL) prüft, ob er künftig ein Spiel pro Spieltag in 3D anbietet.
Gemeinsam mit den Bemühungen der Telekom, die im Zusammenhang mit ihrem neuen „Entertain“-Programm eine 3D-Online-Videothek aufbaut und laut Pressesprecher Malte Reinhardt bereits von morgen an erste Inhalte anbietet, dürften die Pläne von Sky in Deutschland der am weitesten gediehene Versuch sein, das Format 3D-Fernsehunterhaltung mit Inhalten aufzufüllen.
Wenn´s an Inhalten mangelt...
adrian kroflin (neretovin)
- 02.09.2010, 18:59 Uhr
@Mogelpackung 3D : Bei Spielen akzeptabel
Torlin Monger (TMonger)
- 02.09.2010, 19:20 Uhr
