02.09.2010 · Die IFA zeigt die heißesten Neuheiten aus den Welten der Bildschirme und der Traumküchen: Die großen Mattscheibenthemen heißen 3D und Web-TV. Bei Wasch-, Spül- und Kaffeemaschinen steht Ressourcenschonung im Vordergrund.
Von Monika Schramm und Wolfgang TunzeWenn uns die Internationale Funkausstellung, offiziell eigentlich nur noch kurz IFA genannt, vom kommenden Freitag an für sechs Tage in die Glitzerwelt der digitalen Medien und in die Genuss-Sphären moderner Hausgeräte entführt, begegnet uns auf Schritt und Tritt auch der lange Atem der Geschichte: Das Mega-Event unter dem Berliner Funkturm startet nun schon zum 50. Mal. Und schon anno 1924 half die „Große Deutsche Funk-Ausstellung“ dem Radio den Weg zum Massenmedium zu ebnen. Unvergessen sind jene goldenen Worte, mit denen kein Geringerer als Albert Einstein 1930 die „7. Deutsche Funkausstellung und Phonoschau“ eröffnete: „Sollen sich auch alle schämen, die gedankenlos sich der Wunder der Wissenschaft und Technik bedienen und nicht mehr davon geistig erfasst haben als die Kuh von der Botanik der Pflanzen, die sie mit Wohlbehagen frisst.“
Wir sind da heute viel gnädiger: Wie ein 3D-Fernseher tickt, erklären wir zwar gern, aber nicht jeder muss es wirklich wissen. Obwohl es hilft, Qualitäten einzuschätzen - sogar schon an den Messeständen. Gelegenheit dazu gibt die IFA reichlich, und wir sind selbst gespannt auf alle Neuheiten, die imstande sind, obendrein auch noch die passenden Bilder auf die Mattscheibe zu bringen. Panasonic hat bereits einen ersten 3D-Kamkorder angekündigt, Sony wird seine 3D-fähigen Fotokameras zeigen, aber wir ahnen: Da kommen noch einige weitere Überraschungen auf uns zu.
Da bleibt kein Pixel auf dem anderen
Gespannt sind wir auch auf gewisse Wunder der Mathematik, um bei Einstein zu bleiben: Etliche der neuen 3D-Fernseher versprechen, 3D-Szenarien aus ordinären 2D-Vorlagen zu errechnen - ein kühner Anspruch, der sehr viel mehr verlangt als nur satte Rechenleistung. An letzterer jedenfalls wird das Fernseher-Flaggschiff von Toshiba nicht scheitern. Es lässt - lange angekündigt und nun am Start - nicht weniger als die acht Kerne eines Cell-Prozessors auf die Bilder los. Da bleibt kein Pixel auf dem anderen. 3D-Ware aus Hollywood wird in Berlin zwar allenthalben aus den Bildflächen ragen, aber das reale Angebot auf Bluray-Scheiben bleibt in diesem Jahr voraussichtlich noch schmal; erst 2011 rechnen Marktbeobachter mit größerem Repertoire. Doch die Abspielgeräte sind schon fit für die dritte Dimension: Die IFA wird eine Fülle neuer 3D-tauglicher Bluray-Player zeigen - sowohl als Einzelgeräte als auch in Kombination mit kompletten Heimkino-Anlagen.
Das andere große Mattscheibenthema der Saison 2010 heißt Web-TV, das in etlichen semantischen Variationen davon kündet, dass sich Fernsehen und Internet künftig ganz selbstverständlich die Mattscheibe teilen. Die Internet-Angebote kommen zumeist mit bunten Symbolen auf die Bildfläche - so ähnlich wie die Apps auf dem iPhone. Die Technik dahinter ist überwiegend herstellerspezifisch, und das ist ein Schwachpunkt dieser Form von medialer Horizonterweiterung. Immerhin: Es gibt bereits einen Standard, der den Technik-Flickenteppich dereinst vereinheitlichen soll. Er heißt HbbTV und steckt schon in etlichen IFA-Neuheiten von Loewe, Philips, LG und Toshiba, weitere werden folgen. Was aus dem Fernsehen wird, wenn das Internet immer mehr Zeit der Zuschauer bindet und schon jetzt kräftig an den Werbeeinnahmen nagt, ist eine Frage von medienpolitischen Dimensionen. Etwas kryptisch „Medienpolitik @ IFA“ heißt das Diskussionsforum, in dem solche Themen in hochkarätiger Runde und unter Beteiligung von Rheinland-Pfalz-Ministerpräsident Kurt Beck öffentlich erörtert werden - am Montag, 6. September von 13 bis 14 und am Dienstag, 7. September, von 10 bis 12 Uhr, jeweils im ICC.
iZone und eLibrary
Die Welt des guten Tons, ebenfalls ein unentbehrlicher Bestandteil der IFA-Themen, präsentiert sich auch in diesem Jahr in der üblichen Fraktionierung: Wertkonservatives HiFi zeigt unter anderem Denon als würdiger Repräsentant der einschlägigen Marken: Der Hersteller wird 100 Jahre alt und widmet diesem Jubiläum sogar einen neuen, technisch dann sicherlich ultimativen Analogplattenspieler, in limitierter Auflage, versteht sich. Passend dazu gibt es schöne, puristische Stereo-Komponenten nach alter Väter Sitte. Dass auch Marantz und Yamaha nach kurzer Abstinenz in diesem Jahr wieder auf der IFA ausstellen, wird die Anhänger der gehobenen Klänge zusätzlich freuen. Onkyo steht für das Lager all derer, die mit gewaltigen Mehrkanal-Aggregaten das Heimkino repräsentieren. Und zu solchen Gerätschaften zählen in diesem Jahr natürlich 3D-taugliche Video-Schnittstellen, das Technik-Stichwort dazu heißt HDMI 1.4a. Pioneer reiht sich in die Phalanx der Anbieter von Abspielstationen für den iPod ein - unter anderem mit einer interessanten Neuheit, die sogar den Disco-Mix aus zwei Apple-Playern erlaubt.
Die Welt der schicken Geräte mit dem kleinen „i“ am Anfang, ob es nun um Apps für iPod und iPhone geht oder um Zubehör in allen Varianten, hat auf der IFA sogar eine eigene Spezialabteilung: Sie heißt iZone und ist in den Hallen 15.1 und 16 zu finden. Und noch eine weitere Themeneinheit könnte viele IFA-Besucher interessieren: Die eLibrary, Halle 13, widmet sich ganz dem elektronischen Lesen und den dazu nötigen mobilen Geräten.
Sensorik für Füllmenge, Verschmutzungsgrad und Wasserhärte
Schon zum dritten Mal sind die Hersteller von Hausgeräten auf der IFA mit dabei, die neue Abteilung Home Appliances hat sich als Volltreffer für die Anbieter der „weißen Ware“ erwiesen. Mit großer Selbstverständlichkeit präsentieren sie hier ihre Neuheiten, und es werden von Jahr zu Jahr mehr. Ihre großen Themen sind Ressourcenschonung beim Einsatz von Wasser und Strom und auf der anderen Seite Wellness, Komfort, Lifestyle.
Energieeffizienz ist sozusagen der Motor für die Branche, Smart Grid ist hier ein Stichwort. Diese neue Technik ermöglicht es, dass sich Wasch- und Spülmaschinen dann automatisch anschalten, wenn der Strompreis günstig ist. Die Energieanbieter müssen nämlich künftig unterschiedliche Tarife anbieten, und diese Informationen holen sich die vernetzten Hausgeräte aus dem Web und agieren entspreche. Miele hat bereits die ersten Maschinen damit ausgerüstet, von der Bosch Siemens Hausgeräte GmbH und anderen großen Anbietern ist Ähnliches zu erwarten. Siemens hat schon den Vorhang von einer neuen Waschmaschine gehoben, die das Wassermanagement einen Schritt weiterbringen soll: i-Dos heißt das Präzisions-Dosiersystem, mit dem sich fast die Hälfte des heute noch fürs Waschen verbrauchten Wassers einsparen lässt. Man hat nämlich herausgefunden, dass rund 90 Prozent aller Kunden falsch dosieren. Meist geht es nach dem Prinzip „Viel hilft viel“, aber das kostet Energie und vor allem Wasser, weil die Waschmittelmengen aus der Wäsche wieder ausgespült werden müssen. i-Dos mit seiner ausgefeilten Sensorik für Füllmenge, Verschmutzungsgrad und Wasserhärte kann das alles viel besser. Und dazu muss man den Tank für das Flüssigwaschmittel nur alle 20 Wäschen auffüllen. Die ersten i-Dos-Geräte werden in Berlin präsentiert, sie sollen um 1200 Euro kosten.
Selbst Küchenmaschinen lernen das Kochen
Die Küche wird immer mehr (wieder) zum Mittelpunkt des Familienlebens. Leise Spülmaschinen mit nur sieben Liter Wasser je Durchgang passen da ebenso dazu wie große Kühlschränke, die trotz verschiedener Temperaturzonen und vieler Extras nur wenig Strom verbrauchen, sowie die neuen Herde, auf denen man bei Bedarf Kochfelder zusammenschalten kann. Die Zahl der einzeln kombinierbaren Kochmodule wächst weiter. Strom, Gas, Induktion, Teppan Yaki, Grill, Wok: Ganz nach Wunsch setzt man sich sein individuelles Kochfeld zusammen, zum Beispiel mit der Serie Crystal von AEG. Dampfgarer dienen dem Trend zu gesunder Ernährung, ob als Funktion im Einbaubackofen oder als separate Geräte. Selbst Küchenmaschinen lernen das Kochen: Kenwood hat das dem vielseitigen Cooking Chef beigebracht und ihm dazu ein Induktionskochfeld implantiert. Für rund 1200 Euro geht der Cooking Chef derzeit in den Handel.
Kaffeeautomaten sind ein weiterer Schwerpunkt im Angebot, weil hier noch eine gigantische „Versorgungslücke“ besteht: Millionen von Haushalten haben noch keinen. De'Longhi bereichert die Vielfalt mit einer neuen kompakten Magnifica S und einer Weiterentwicklung der Ecam 23.450 B, die mit einer Energiesparfunktion den Stromverbrauch um bis zu 70 Prozent gegenüber herkömmlichen Vollautomaten reduzieren soll.
Die Sonderausstellung „TecWatch“ zeigt, wohin die digitale Reise geht
Was uns die 52. oder vielleicht auch erst die 55. IFA bringen könnte, ist unter dem Berliner Funkturm ebenfalls schon zu sehen - oft noch im Laborstadium. Der Rahmen für den Blick in die Zukunft heißt „IFA Tec Watch“. Die kleine, aber feine Technikausstellung inmitten der bunten Warenwelt gehört zu jenen Stationen, die begeisterte IFA-Besucher nicht auslassen sollten. Hier, in der Messehalle 8.1, zeigen Forschungseinrichtungen wie die Fraunhofer-Institute, Hochschulen, mittelständische Ideenschmieden und die Entwicklungsabteilungen großer Unternehmen, wohin die digitale Reise geht.
Zum Beispiel in die dritte Dimension: Das Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut präsentiert Lösungen für die 3D-Darstellung ohne Brille - für professionelle Anwendungen bieten sie sich heute schon an. Die Berliner Forscher zeigen auch, wie iPod- und iPhone-Videos auf den Bildschirm streamen können - einfach im Browser, ohne zusätzliche Apps. Und sie machen vor, wie eine Küche auf dezente Gesten hin mit der Hausarbeit loslegt. Ideen aus anderen Fraunhofer-Einrichtungen machen das iPad zum Musikinstrument, erlauben die Entwicklung plattformübergreifender Apps oder verwandeln den Fernseher in ein hochkarätiges Videokonferenzsystem, das auch gleich noch zum gemeinsamen Spielen einlädt. Um elementare Lebensbedürfnisse geht es, wenn die Uni Potsdam Vernetzungen vorführt, die betreutes Wohnen alter Menschen unterstützen - einschließlich sensibler Alarmsysteme mit höchst anspruchsvoller Geräusch- und Bilderkennung.
Datenaustausch zwischen Versorgern und Verbrauchern
So genannte „Grüne Technik“ ist ein besonderer Schwerpunkt im E-Haus, einem Prototyp für vernetzte Lebensumgebungen. Hier zeigen die Industrieverbände ZVEH, ZVEI und VDE unter anderem spannende Perspektiven des Energiemanagements: Smart Grids, also künftige Stromnetze, die den Datenaustausch zwischen Versorgern und Verbrauchern ermöglichen, helfen, Kosten zu senken und den Verbrauch an die Angebotsschwankungen der Energiequellen anzupassen.
Die Technische Universität Braunschweig, bewährte Denkfabrik für das digitale Fernsehen DVB, stellt die nächste Generation dieser Normenfamilie vor - speziell für Kabel und Terrestrik. Die neue Technik nutzt die Frequenzressourcen flexibler und effizienter. So schafft sie zum Beispiel die Voraussetzung für rasch wachsende HDTV-Angebote auf allen Übertragungswegen - auch in 3D.
Die Fusion von Web und TV auf einem Bildschirm ist natürlich auch ein zentrales Thema der Tec-Watch-Aussteller. Sie präsentieren, etwa am Stand der Deutschen TV-Plattform, den neuen Standard HbbTV im praktischen Einsatz, haben aber jenseits der gegenwärtigen medialen Horizonte noch ganz andere Anwendungen im Visier - etwa so, wie es die Beuth Hochschule für Technik demonstriert: Web-TV, E-Learning und Wissenschaft interaktiv - für die Berliner Forscher passt das jetzt schon perfekt zusammen.