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Harman auf der IFA Eine Luxusfirma muss nach China

03.09.2010 ·  Der Auto-Audio-Zulieferer Harman will nach Einbrüchen durch die Wirtschaftskrise stark wachsen. Über die nächsten sechs Jahre soll sich der Umsatz mit den hochpreisigen Produkten des Unternehmens verdoppeln. Ohne den Fernen Osten geht das nicht.

Von Thiemo HeegBerlin
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Aufsehen erregte die Firma Harman vor kurzem nicht durch ihre sündhaft teuren Audiosysteme, sondern durch das überraschende mediale Engagement ihres Gründers. Sidney Harman, der im August 92 Jahre alt geworden ist und erst im Alter von 88 Jahren von seinem Posten als Vorstandsvorsitzender zurückgetreten war, übernahm das finanziell darbende amerikanische Nachrichtenmagazin „Newsweek“ von der „Washington Post“ für angeblich einen Dollar. Verkürzt könnte man formulieren: Legende kauft Legende. Denn Harman hat sich mit der Gründung des gleichnamigen Unternehmens 1952 als Pionier der Hifi-Industrie einen Namen gemacht.

Nun zeigen sowohl der Fall „Newsweek“ wie auch der Fall Harman: Ein Legendenstatus muss nicht notwendigerweise das wirtschaftliche Überleben sichern. Angeblich sollen Luxushersteller krisenfest sein, weil die Reichen vermeintlich unabhängig vom jeweiligen Konjunkturzyklus kaufen. Doch die Jahre 2008 und 2009 demonstrierten das Gegenteil. „Die Wirtschaftskrise hat uns stark getroffen“, sagt Dinesh Paliwal, der seit drei Jahren an der Spitze des Konzerns steht, im Gespräch mit dieser Zeitung auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin. „Unsere Umsätze sanken und wir gerieten in die Verlustzone.“ Doch man habe überlebt, weil „wir machen, was wir machen“.

„Der Betrieb läuft auf des Messers Schneide“

Besonders stolz ist Paliwal, dass die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in der wirtschaftlich schwierigen Zeit nicht gekürzt wurden - im Gegensatz zu anderen Bereichen, worüber Mitarbeiter unter anderem in Deutschland klagen. Bei der Tochtergesellschaft Harman Becker, einem der größten deutschen Automobilzulieferer, wurden im Juni Berichte über Lieferprobleme bekannt. Mitarbeiter sollen den aus Amerika verordneten Sparkurs dafür mitverantwortlich gemacht haben. So seien Vorlaufzeiten in der Produktion gekürzt worden; Engpässe hätten kaum mehr abgefedert werden können. „Der Betrieb läuft auf des Messers Schneide“, werden Arbeitnehmer zitiert.

Vorstandschef Paliwal kann freilich auf Zahlen verweisen, die seinen Kurs stützen. Im gerade abgeschlossenen Geschäftsjahr 2010 erwirtschafteten Harmans rund 11.000 Mitarbeiter einen Umsatz von 3,4 Milliarden Dollar - das entspricht einem Zuwachs von 18 Prozent. Mit 116 Millionen Dollar machte das im amerikanischen Börsenindex S&P 500 notierte Audiounternehmen wieder einen operativen Gewinn, nachdem 2009 noch ein Verlust von 86 Millionen Dollar angefallen war.

Umsatz in China binnen eines Jahres fast versechsfacht

Dabei will es Dinesh Paliwal nicht belassen. Gern verweist er darauf, dass Harman kein Massenhersteller wie Sony sei und es auch nicht werden wolle. „Unser Ziel ist nicht die schiere Masse“ - die es allerdings für Musikanlagen auch nicht gibt, die bis zu einer viertel Million Dollar kosten. Der gebürtige Inder, der die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt und zu den bestbezahlten Managern in den Vereinigten Staaten gehören soll, plant im großen Maßstab. Die Ziele sind leicht zu merken: „2016 wollen wir ein Sechs-Milliarden-Dollar-Unternehmen sein, mit einem Gewinn von 600 Millionen Dollar und mehr.“ Das bedeutet, dass das Unternehmen in sechs Jahren seinen Umsatz in etwa verdoppeln will.

Viel Hoffnung setzt Paliwal dabei auf Länder wie China, in denen Harman bis vor kurzem noch kaum vertreten war. Die aktuellen Wachstumsraten sind nur in Superlativen zu beschreiben. Zuletzt hat der Autoausrüster dort binnen eines Jahres den Umsatz von 35 auf fast 200 Millionen Dollar vervielfacht. Die Umsatzmilliarde in China wird für 2015 angepeilt. Das scheint machbar zu sein, wenn man Paliwal vom Materialismus der Chinesen erzählen hört. „Sie lieben es, ihre Freunde zu fragen: Ich habe das, und was hast du?“. Dabei kommt eine Harman-Anlage im Auto offenbar ziemlich gut an, wie die Geschäftszahlen zeigen.

Als Konsequenz dieses Geschehens dürfte der Luxushersteller sein Engagement ausgerechnet im fernöstlichen Billiglohnland verstärken. Harman muss damit, wie Paliwal es darstellt, auf seine Autokunden reagieren, für die das China-Geschäft immer wichtiger wird und die künftig verstärkt produzieren. „Sie sagen uns: Ihr seid zu langsam. Ihr solltet näher bei uns sein, wie ihr es in Deutschland bereits seid“, berichtet der Konzernchef. Das ist offenbar nicht übertrieben: Schließlich rechnen Analysten damit, dass in zwei bis drei Jahren der chinesische Markt für Luxusmarken wie Porsche - die Harman neben vielen anderen beliefert - wichtiger sein wird als der deutsche. Vor diesem Hintergrund scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, wann China Europa als derzeit noch größten Markt für Harman ablöst.

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