18.06.2010 · Nach erfolgreichen Kinohits in 3D kommen Bilder mit Tiefenwirkung nun ins Wohnzimmer. Was der Zuschauer davon hat, zeigte die erste 3D-Fernsehübertragung der French Open. Die hohen Produktionskosten könnten einen Boom allerdings noch bremsen.
Von Marion KampAuf dem Gelände von Roland Garros, mitten in Paris, herrschte Ende Mai dichtes Gedränge. Schließlich wollten die Besucher der French Open, eines der bedeutendsten Tennisturniere, ihre Lieblinge wie Venus Williams oder Roger Federer plastisch und aus nächster Nähe erleben. Andere Tennisfans konnten das sogar, ohne vor Ort zu sein: Eine mehrtägige Fernseh-Live-Übertragung in 3D, initiiert von Panasonic und vom Französischen Tennisverband, machte es möglich.
Allerdings war das mit dem Sehen so eine Sache. Denn bislang verfügt kaum jemand über ein 3D-fähiges Fernsehgerät - für den Empfang zwingend nötig. Die dreidimensionalen Bilder landeten daher zunächst im Fachhandel: Rund 3500 Elektronikgeschäfte, verstreut über ganz Europa, riefen zum „Public Viewing“ auf. Jeder, der geneigt war, sich hier eine sogenannte Shutter-Brille aufzusetzen, konnte seine Tennishelden auf einem 3D-Plasmaschirm von Panasonic bewundern und - tieferer Zweck der Übung - das Sichtgerät am Ende auch gleich kaufen.
Kristallklare Konturen und flüssige Bewegungsdarstellungen
Allein in diesem Jahr will Panasonic rund eine Million solcher Geräte an den Mann bringen, Konkurrent Samsung strebt sogar die doppelte Verkaufszahl an. Beide Hersteller behaupten, mit der Produktion kaum nachzukommen - so stark sei die Nachfrage. Kinohits wie Avatar oder Alice im Wunderland, die voraussichtlich gegen Ende dieses Jahres auf Bluray-Discs die dritte Dimension auch auf den heimischen Bildschirm bringen werden, dürften die 3D-Konjunktur zusätzlich ankurbeln. Hollywood legt schon nach: Bis zu 40 3D-Filme wollen die Studios noch in diesem Jahr in die Kinos bringen.
Das Publikum wird etliches davon mit der branchenüblichen Verzögerung anno 2011 dann auch auf Bluray-Disc kaufen können. Die Tiefenwirkung erschließt sich freilich nur mit einem 3D-tüchtigen Bluray-Spieler und einem 3D-Fernseher. Wann die ersten Fernsehprogramme mit dem Charme der dritten Dimension in Deutschland starten, steht noch in den Sternen; immerhin betreiben Astra und Eutelsat schon zwei Demo-Kanäle, die eindrucksvoll zeigen, dass die Technik schon reibungslos funktioniert.
Ganz gleich, welche Quellen das 3D-Programm liefern: Sie alle nutzen das Prinzip der Stereoskopie. Und das geht so: Von Natur aus sehen unser linkes und rechtes Auge jeweils ein eigenes Bild. Im Gehirn vereinigen sich diese aus unterschiedlichen Winkeln wahrgenommenen Teilbilder zu einem plastischen Gesamtbild. 3D-Fernseher zeigen, um die Tiefenwirkung zu erzeugen, ebenfalls leicht unterschiedliche Bilder fürs linke und rechte Auge, und zwar nacheinander in schneller Folge. Damit der Zuschauer dabei nicht irritierende Doppelbilder oder Unschärfen sieht, müssen die Endgeräte links und rechts sehr sauber trennen, was hohe Anforderungen an die Signalverarbeitung, die Bildschirme und auch an die 3D-Brillen stellt.
Spielzeugland mit Spielzeugfiguren
Das jüngste 3D-Flaggschiff von Panasonic, TX-P50VT20 genannt, machte während der Tennis-Vorführungen eine exzellente Figur - mit kristallklaren Konturen und flüssigen, überzeugenden Bewegungsdarstellungen. Dennoch hatten wir bei der Übertragung der French Open manchmal der Eindruck, man schaue in ein Spielzeugland mit Spielzeugfiguren. Vor allem wenn der Blick auf die Besucher des Tennisturniers fiel. Auch die ungewollten Doppelbilder schlichen sich trotz Top-Technik gelegentlich ein. Schnelle Kameraschwenks oder eine unterbrochene Infrarotverbindung zwischen TV-Display und der zum 3D-Fernsehen nötigen Shutter-Brille können Gründe dafür sein. Doch solche kurzen Aussetzer schmälerten den guten Gesamteindruck kaum.
Besagte Brillen, die mittlerweile wie moderne Sonnenbrillen aussehen, haben Gläser aus Flüssigkristall (LCD). Damit versperren sie dem linken und rechten Auge abwechselnd die Sicht, damit bei ihnen nur das für sie bestimmte Teilbild landet. TV-Gerät und Brille müssen folglich perfekt aufeinander abgestimmt sein. Panasonics 3D-Brillen sind zwar recht groß, lassen sich dank verstellbarer Positionen aber recht bequem tragen und bei Bedarf vor die echte Sehhilfe setzen. Schaut man durch sie hindurch, kann man neben der Mattscheibe auch alles andere um sich herum erkennen.
Eindruck, durch ein klares Fenster zu schauen
Zugegeben: Mit dem Gestell auf der Nase mag man sich etwas albern vorkommen. Aber ein dreidimensionales Fernseherlebnis ohne Brille gibt es vorerst leider nicht: Mindestens zehn Jahre dürfte die Entwicklung eines brillenlosen Modells, das mehrere Zuschauer gleichzeitig betrachten können, noch dauern. Jede Menge Zeit also, in der die Elektronikbranche wichtige Erfahrungen sammeln kann. Beispielsweise, ob sich bei längerem 3D-TV-Genuss die viel diskutierten Kopfschmerzen einstellen oder nicht. Wir blieben beim Tennis-Geschehen auf den Plasma-Schirmen von solchen unangenehmen Begleiterscheinungen verschont und hatten eher den Eindruck, durch ein klares Fenster zu schauen, als in das Bild hineingezogen zu werden.
Die nahezu störungsfreie Bildqualität und die ruhige Kameraführung bei dem Tennisturnier trugen sicherlich dazu bei. Apropos Kamera: Neben einem ruhigen Händchen benötigen die Kameramänner eine Zusatzausbildung sowie viel Gefühl für spannende Perspektiven. „Der Blick auf den Tennisplatz von oben - die Totale - offeriert wenig Linien und wirkt eher langweilig. Aufnahmen am Netz entlang hingegen bieten dem Auge eine gewisse Tiefe“, sagt Werner Starz von Eurosport.
Mit oder ohne Brillen
Der zusätzliche Aufwand macht 3D-Übertragungen derzeit noch rund 40 Prozent teurer als herkömmliche Produktionen. Wird das den erwarteten 3D- Boom bremsen? Fest steht, dass sich 3D-Fernsehen zunächst auf bestimmte Ereignisse beschränken wird - etwa auf Kino-Hits oder große Sport- und Kulturveranstaltungen. Die Tagesschau und das übrige Fernsehprogramm werden auf lange Sicht zweidimensional bleiben. Für die 3D-TV-Geräte ist das kein Problem: Sie beherrschen auch 2D-Darstellungen. Die stereoskopischen Fernseher von Samsung können sogar 2D-Inhalte in 3D konvertieren, was je nach Motiv mal besser, mal schlechter aussieht.
Außerdem ist ein 3D-Fernseher mit Plasma-, Full-HD- und 600-Hertz-Technik bei den Koreanern bereits für 2000 Euro zu haben. Hinzu kommen jedoch die Brillen, welche sich der Hersteller zum Preis von 90 bis 120 Euro je Stück extra bezahlen lässt. Beim knapp 2600 Euro teuren 50-Zöller von Panasonic gehören zwei Shutter-Brillen zum Lieferumfang. Wer sich ein noch größeres Modell mit 165 Zentimeter Bildschirmdiagonale leisten will (65 Zoll), sollte schon mal sparen: Panasonics TX-P65VT20E gibt es Ende Juli für 5000 Euro. Und wer sich sonst nichts gönnt, findet sein Traumgerät vielleicht auf der Internationalen Funkausstellung im September: Panasonic will dann einen 3D-Giganten mit dem Diagonalmaß 152 Zoll, das sind fast vier Meter, präsentieren - allerdings vorerst nur für den professionellen Einsatz.
Ganz ehrlich
Martin Buchwald (Denken)
- 18.06.2010, 12:40 Uhr
Hoffentlich werden die 2D Filme weiter existieren.
Robert Arnold (RobertArnold)
- 18.06.2010, 21:16 Uhr