Es klingt kompliziert, kryptisch und staubtrocken: XML3D. Doch hinter diesem Kürzel steckt eine Erfindung, die bald jedem begegnen könnte, der im Internet unterwegs ist. Das Deutsche Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken zusammen mit der Universität des Saarlandes haben es geschafft, eine „Sprache“ zu entwickeln, mit der dreidimensionale Objekte auf Webseiten dargestellt werden. Das Besondere dabei ist, dass der Nutzer nichts zusätzlich herunterladen muss wie bei anderen 3D-Darstellungen im Internet.
Was immer kompliziert klingt, ist für den Surfer in der Anwendung die einfachste Sache des WorldWideWeb. Er öffnet in seinem Browser wie üblich eine Webseite und findet eine integrierte dreidimensionale Darstellung: etwa eine Stadt, ein Gebäude oder Auto. Mit dem Mauszeiger kann der Surfer sich darin bewegen, Details zoomen und drehen oder an gekennzeichneten Stellen weitere Informationen aufrufen. Interaktivität spielt bei dieser 3D-Darstellung eine große Rolle.
„Wir wollten die Konzepte von HTML beibehalten“, sagt Philipp Slusallek. Er ist für den Forschungsbereich „Agenten und Simulierte Realität“ zuständig und leitet das XML3D-Projekt. Der Clou an dieser Anwendung sei, dass man „beliebige Inhalte“ dreidimensional darstellen könne. Zwar gebe es auch anderen Möglichkeiten wie die Erweiterung „Flash“ oder die Enwicklungsumgebung „Unity“, die häufig etwa für Browserspiele benutzt wird. Doch diese Programmierarten verlangten immer von Nutzer, dass er ein zusätzliches Modul installiert. Slusallek sieht genau darin den Grund, warum dreidimensionale Inhalte nicht schon längst Standard auf Webseiten sind. Er hofft auf eine Entwicklung wie sie bei der Implementierung von Videos stattgefunden hat. Seit es Youtube gibt, ist es sehr einfach, Videos auf Webseiten, Blogs oder selbst E-Mail einzubinden.
XML3D soll 3D also in die Weiten des WWW tragen. Das DFKI zeigt an einigen Beispielen, wie das aussehen kann. Auf einem „manipulierten“ Wikipedia-Eintrag lässt sich etwa die Architektur Venedigs per Mauszeiger von allen Seiten betrachten. „Monkey Islands“ und „Mars City“zeigen, wie ein Browserspiel aussieht und funktioniert. Die 3D-Ansicht der Stadt Saarbrücken erinnert an virtuelle Flüge wie bei Google Earth, nur dass dabei auf Daten der Open-Street-Map, einer freien Wikiweltkarte, zugegriffen wird und nicht wie bei Google ein zusätzliches Modul installiert werden muss. Ganz neu ist „Ball View“: Auf dieser Webseite ist es möglich, Molekülmodelle in drei Dimensionen zu drehen und zu vergrößern. Eine Chatfunktion ist integriert, Slusallek denkt schon eine Schnittstelle mit Skype. Das Szenario ist klar: Forscher aus aller Welt können auf einer Webseite ein bestimmtes Molekül untersuchen. Einer bewegt es, die anderen schauen zu.
Mit dem Dreieck fängt alles an
Am Anfang eines XML3D-Objektes steht sein Design mit vielen kleinen Dreiecken, aus der es sich zusammensetzt. Ist die Darstellung mitsamt Farben und Animationen fertig, wird das Ganze exportiert. Zusammen mit einem Javascript-Code kann das 3D-Objekt auf der Webseite, die mit HTML beschrieben wird, eingebunden werden. Der Vorgang ist vergleichbar mit dem Einbinden eines Youtube-Videos. Weder der 3D-Designer noch der Videofilmer müssen viel von HTML oder einer anderen Sprache verstehen.
Das DFKI hat vor einem Jahr das erste Mal XML3D in der Grundversion auf der Cebit vorgestellt. Möglichkeiten zur Animation und Bereiche in der Physik sind hinzugekommen. Mittlerweile hat das W3C, also das Gremium für die Standardisierung von Webtechnologie, das 3D-Internet des DFKI als Standard vorgeschlagen. Auch zeigen erste Unternehmen Interesse: Für BMW haben die Saarbrücker Forscher eine Webseite entwickelt, auf der Nutzer Autos modellieren können, indem sie Farben wechseln oder Türen öffnen.
Auch die EU will mit dabei sein und hat in ihrem mehreren hundert Millionen Euro schweren Projekt „Future Internet“ das Institut beteiligt. Doch während sich das DFKI auf europäischen Dimensionen bewegt, versucht man auch seiner Heimat treu zu bleiben. Die Saarlouiser Bürger können ihre ehemalige Festungsstadt, von der nicht mehr viel steht, nun in einem Modell auf dem Computer noch einmal vollständig begehen - natürlich in 3D.
