Home
http://www.faz.net/-gcd-15l5p
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Partnerland der Cebit 2010 Im Land der Internauten

28.02.2010 ·  Spaniens Verhältnis zur digitalen Welt steckt voller Widersprüche: Zwar wächst im Partnerland der Cebit die Zahl der Nutzer des Internet stetig. Doch bislang fischt nur jeder zweite Spanier im Datennetz nach Informationen oder kauft dort ein.

Von Paul Ingendaay, Madrid
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)

Ángel Meseguer zum Beispiel. Der Mann von Mitte fünfzig bewohnt in der Provinz Guadalajara, weitab vom nächsten Dorf, eine einfache Hütte mitten in der nicht gerade lieblichen Natur. Gegen die Kälte, die im Winter über den Berg fegt, hat er einen Ofen, das Holz besorgt er sich am Anfang der kalten Jahreszeit. Im Februar ist er viel draußen, um Trüffel zu sammeln, und hoppelt ihm ein Kaninchen vors Auto, weiß er, wie er ihm das Fell über die Ohren ziehen muss. Ángel sagt, er sei weitgehend Selbstversorger. Das Maximum an Technik, das er sich im Haus gestattet, sind Radio und Mobiltelefon. Mehr braucht er nicht.

Wie Ángel gibt es viele Menschen in Spanien. Immer noch. Die ältere Generation auf dem Land lebt meist mit den Medien einer langsam versinkenden Ära, unter denen das Radio langfristig wohl größere Chancen hat als das Fernsehen. Die Jungen machen sich das Internet zunutze – die einen, weil sie ihrem Geschäft auf die Beine helfen wollen, die anderen, weil sie sonst auf den Dörfern vor Langeweile eingehen würden. Bei einem Besuch in einem Flecken der Provinz Albacete durften wir einmal miterleben, wie eine ganze Busladung lateinamerikanischer Damen auf dem Marktplatz abgesetzt wurde. Jemand hatte eine sogenannte „Frauenkarawane“ organisiert, einen Begegnungstag zur ersten Kontaktaufnahme samt Diskothek in der dörflichen Mehrzweckhalle. Spätere Heirat nicht ausgeschlossen. Der Jüngste unter den Männern verriet uns im Vertrauen, dies sei für Bauern um die fünfzig die einzige Chance, noch an eine Partnerin zu kommen. Er dagegen, Ende zwanzig, klicke sich eifrig durch die erotischen Chatseiten im Netz. An Frauenbekanntschaften jedenfalls herrsche bei ihm dank moderner Technologie kein Mangel, Provinz hin oder her; man müsse ja nicht gleich heiraten.

Manche hoffen, der virtuelle Spuk möge bald vorüber sein

So kurios wie diese Fälle stellt sich das Technikland Spanien immer wieder dar. In den Bereichen digitales Fernsehen, avanciertes Design der Online-Medien oder beim Hochgeschwindigkeitszug AVE, der jeden Vergleich mit seinem deutschen Pendant für sich entscheiden würde, ist das ehemalige Agrarland im Südwesten Europas elegant ins einundzwanzigste Jahrhundert gerauscht. Doch mit seinen jahrhundertealten Fiestas, dem Stierkampf und dörflichen Traditionen macht es gelegentlich den Eindruck, als stecke es noch in den Kinderschuhen der Modernisierung.

Deshalb stößt man bei dem Versuch, in Spanien so etwas wie ein digitales Bewusstsein auszumachen, auf sonderbare Kontraste. Hier die modernste Tageszeitung des Landes mit ihrer Wochenbeilage „Ciberpaís“, auf deren Seiten in schönster Fortschrittsseligkeit die neuesten Entwicklungen der digitalen Ära präsentiert werden; dort das Traditionsblatt „ABC“, dessen Internetausgabe eher vermuten lässt, man hoffe darauf, dass der Spuk im virtuellen Raum bald vorbei sei.

Natürlich wächst die Zahl der spanischen Internetnutzer so stetig wie überall in Europa, nur auf niedrigerem Niveau. Gegenüber den skandinavischen Staaten und den Niederlanden, wo 86 bis 90 Prozent der Bevölkerung zwischen 16 und 74 Jahren regelmäßig online sind, aber auch im Vergleich mit Großbritannien (76 Prozent) oder Deutschland (71) nehmen sich die 54 Prozent Spaniens ziemlich bescheiden aus. Jedenfalls bilden sie kaum den kräftigen Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens ab, den das Land in den letzten fünfzehn Jahren vorzuweisen hatte.

Auswege aus Isolation und Vereinsamung

Bedeutet steigender Wohlstand nicht automatisch technischen Fortschritt? Auch diese Vermutung ist relativ. Inzwischen sind sogar Lettland, Litauen und Ungarn, die das Internet vor sechs Jahren viel weniger nutzten, an Spanien vorbeigezogen. Nimmt man noch die Exportschwäche spanischer IT-Firmen und eine zurückgehende Beschäftigungsquote im Spitzentechnologiesektor hinzu, vervollständigt sich der flaue Eindruck.

Doch Zahlen spiegeln nur einen Teil der spanischen Wirklichkeit wider. Offensichtlich zieht es die Gesellschaft in verschiedene Richtungen. Vergangenes Jahr machte eine Initiative in Bilbao von sich reden, die den Computer als nützliches Werkzeug in Altersheime brachte, gerade zu jenen, die mit neuen Technologien keine Erfahrung hatten. Hintergrund der Aktion war keineswegs, die Rentner in Online-Kunden zu verwandeln, sondern ihre geistigen Fähigkeiten zu erhalten und ihnen sozialen Austausch zu ermöglichen. Schreiben auf interaktiven Tafeln, Kombinations- und Wiedererkennungsspiele oder das Navigieren im Netz sind für die Ältesten Auswege aus Isolation und Vereinsamung. Im Altersheim, so einer der Initiatoren, würden normale Internetanschlüsse kaum genutzt. Die Schwelle sei einfach zu hoch. Doch Geräte, die den unerfahrenen Nutzer an die Sache heranführten wie in der Schule, kämen sehr gut an. Nach einigen Monaten waren mehr als 50 Prozent der Heimbewohner zu regelmäßigen Computerbenutzern geworden.

Ebay ist nur ein überteuertes Luxuskaufhaus

Andere Phänomene des digitalen Zeitalters sind in Spanien eher schwach entwickelt. Obwohl die Medien des Landes gern betonen, die spanische Sprache werde von 400 Millionen Menschen auf der Welt gesprochen, hat sich die Macht des Hispanischen auf der Welt noch nicht in der angemessenen Netzpräsenz niedergeschlagen. Im Gegenteil. Die spanische Version der Online-Enzyklopädie Wikipedia bringt es zwar auf mehr als eine halbe Million Einträge, liegt damit aber lediglich in derselben Gruppe wie das Niederländische oder Italienische und weit entfernt vom Deutschen (mehr als eine Million) oder dem Spitzenreiter Englisch, der mehr als drei Millionen Einträge hervorgebracht hat.

Beim Thema E-Commerce wiederum scheint die Spanier ein tiefes, kaum erklärbares Misstrauen zu befallen. Zum Gebrauch der Kreditkarte sind sie ja gern bereit, erst recht, sich teure Geräte und halbe Wohnungseinrichtungen auf Pump zu kaufen, ohne deswegen schlechter zu schlafen. Aber eine CD über das Internet bestellen? Das kommt in Zeiten, da Skandinavien und England längst die 50 Prozent übersprungen haben, nicht einmal jedem sechsten Spanier in den Sinn. Online-Shopping gilt als unsichere Sache. Oder es entfremdet die Menschen von der Ware. Oder es spendet keine authentische Kaufbefriedigung. Natürlich hilft diese Haltung nicht unbedingt, Preisvergleiche anzustellen und das günstigste Angebot zu erwischen. Wozu durchaus passt, dass Spanier keinen ernsthaften Secondhandmarkt kennen.

Ein Online-Portal wie Ebay, das in Deutschland die Stöber- und Feilschbedürfnisse zahlloser Käufer befriedigt, bietet in Spanien nicht nur wenige, sondern vor allem überteuerte Artikel zum Kauf an. Nun ist bei alldem zu bedenken, dass der Import neuer Technologien und amerikanischer Gesellschaftstrends in Spanien eine hohe Hürde überspringen muss: Die Bewohner dieses Landes sprechen nämlich kaum Englisch. Sie misstrauen auch großen Teilen der nordamerikanischen Kultur, vom Hamburger bis zur CIA, obwohl ihnen klar ist, dass technischer Fortschritt heute vor allem über die englische Sprache läuft. Das hat einerseits zur Folge, dass die Kioske aufwendige Sprachkurse zum Selbststudium anbieten, ohne dass ein nennenswerter Effekt zu erkennen wäre. Und andererseits, dass sich die englischkundige Minderheit im Land bisweilen wie eine Sekte aufgeführt und besonders ihr avanciertes, im Anglojargon daherkommendes Computerwissen wie eine Geheimwissenschaft weiterreicht.

Vom Internet spricht er wie von fernen Galaxien

Ungefähr so – unter dem Siegel der Verschwiegenheit – muss die lustige spanische Bezeichnung „internautas“ (Internauten) entstanden sein. Sie meint in diesem Land niemand anderen als den Benutzer des Internets. In der innerspanischen Debatte der letzten zwölf Monate hat der Begriff allerdings eher die Bedeutung von Stoßtrupp, Technoavantgarde oder „Das Imperium schlägt zurück“ angenommen.

Die Internauten nämlich vertreten die totale Freiheit von jedem Gedanken an Werkschutz, Kopierschutz und Urheberrecht. Im vergangenen Jahr hat der Konflikt schon den spanischen Kulturminister den Posten gekostet. Auch seine Nachfolgerin, eine Filmemacherin und Drehbuchautorin, liegt mit den Internauten im heftigen Clinch. Bis heute ist nicht klar, wie die spanische Regierung die Urheber von Musik oder Filmen vor dem illegalen Herunterladen durch die Internauten schützen will.

In diesem Durcheinander könnte man es auch mit Javier Marías halten, dem bedeutendsten Schriftsteller des heutigen Spanien. Marías besitzt zwar einen DVD-Spieler, ja selbst ein Faxgerät, aber weder E-Mail-Konto noch Computer. Obwohl es mehrere Websites gibt, die seinem literarischen Werk gewidmet sind, ist der Autor und bekennende Mobiltelefonhasser noch nie in seinem Leben durchs Internet gesurft.

Wenn er von den virtuellen Welten schreibt, die er nur vom Hörensagen kennt, setzt er Ausdrücke wie „ins Netz stellen“ oder „hineinhängen“ in Anführungszeichen, als spräche er von fernen Galaxien. Vielleicht sollten wir das in Gedanken auch tun. Kommt es einem nicht manchmal wie ein Wunder vor, was im Netz alles steht und hängt?

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

Jüngste Beiträge