23.02.2010 · Noch nie war so viel Internet mobil: Auf dem Mobile World Congress in Barcelona tobt der Wettstreit der Betriebssysteme um jene mobilen Geräte, mit denen man unterwegs ins Internet geht.
Von Michael Spehr und Raymond WisemanKeine Handy-Messe, sondern ein Wettstreit der Betriebssysteme jener mobilen Geräte, mit denen man unterwegs ins Internet geht: So könnte man knapp die Ergebnisse des Mobile World Congress zusammenfassen, der in der vergangenen Woche in Barcelona stattfand. Das mobile Internet wird zur Wachstumsindustrie, E-Mail, WWW und soziale Netzwerke stehen im Vordergrund des Interesses. „Mobile first“, verkündet nun Google. Nicht mehr einzelne Funktionen neuer „Gadgets“ faszinieren, sondern die Systeme, die dahinterstecken. Wer sich in Apples iPhone-Welt begibt, denkt an mehr als 150.000 Zusatzprogramme, die er auf sein Smartphone laden kann oder die nahezu perfekte Anbindung an die iTunes-Musikbibliothek. Anhänger des jungen Android-Betriebssystems begeben sich voll und ganz in die Hand von Google. Mit Google Talk hält man den Kontakt zu Bekannten aufrecht, mit dem Reader liest man Nachrichten, mit Buzz und Latitude erkundet man Aufenthaltsorte der Freunde und die Umgebung. Das Smartphone spiegelt virtuelle Lebenswelten wider, und bei einer solchen Systementscheidung ist es nunmehr egal, ob die Kamera des Wunschgerätes mit 5 oder mit 8 Megapixel auflöst.
So wundert kaum, dass sich die alten Hersteller angesichts dieser neuen Herausforderungen schwertun. Nokia laviert mit seinem betagten Betriebssystem Symbian, für Barcelona wurde die Version „3“ fertiggestellt, aber die wohl wichtigere Ankündigung ist der Schulterschluss mit Intel. Aus Nokias Maemo - eine Linuxvariante, die ein kümmerliches Schattendasein fristet - und Intels Moblin wird nun Mee Go: ein Zukunftsprojekt, offen wie Linux und nicht allein auf Smartphones oder Handys ausgerichtet, sondern auch auf Notebooks und andere Produkte der Unterhaltungselektronik. Nur konsequent, dass die Finnen kein einziges neues Handy in Barcelona zeigten.
Geschlossene versus offene Systeme
Dass man in Systemen denken muss, ist der Grundstein von Apples Erfolgsgeschichte. Und die soll sich nun mit der „Wholesale Applications Community“ wiederholen. Zwei Dutzend Netzbetreiber und Gerätehersteller wie LG, Samsung und Sony Ericsson haben sich darin zusammengeschlossen, um eine offene Plattform für Handy-Zusatzprogramme bereitzustellen. Also eine Kampfansage an Apple mit seinem geschlossenen und streng kontrollierten App Store. Alle gegen einen - oder einer gegen alle: Adobe will sein Air (Adobe Integrated Runtime) in einer mobilen Version auf Smartphones bringen, bislang war es nur für Windows, Mac OS X und Linux erhältlich. Air setzt auf Flash und ermöglicht den Betrieb von Flash-Anwendungen außerhalb eines Browsers. Es soll unter Android, Symbian, Palms Web OS, Windows Mobile und auf den Blackberrys laufen. Die Frage ist, ob die anvisierten Partner mitspielen. Warum sollten sie Adobe die Kontrolle über ihre Geräte überlassen?
Samsung will eine große Welle schlagen und präsentierte in Barcelona zusammen mit dem Smartphone „Wave“ ebenfalls ein neues Betriebssystem namens „Bada“, das in vielen Details dem iPhone OS geradezu verblüffend aus dem Gesicht geschnitten ist. Nur: Warum will man das iPhone kopieren, wenn es das Original gibt, fragten viele Messebesucher auf Twitter. Dass Garmin wieder mal ein „Nüvifone“ ankündigt, gilt mittlerweile als „running gag“ der Mobilfunkmesse: Diese Übung pflegen die Amerikaner seit zwei Jahren.
Aufgeräumte Oberflächen
Auch Microsoft kündigt zunächst einmal an, tut das aber mit großem Tamtam. Steve Ballmer höchstpersönlich zeigte in Barcelona das neue Betriebssystem für Smartphones: Windows Mobile ist tot, die Zukunft soll Windows Phone 7 heißen. Es ändert sich nicht nur der Name, sondern das gesamte System. Jetzt ist Schluss mit der Anlehnung an die Windows-Oberfläche und das Startmenü, das im Laufe der Jahre mal unten, mal oben und zuletzt bildschirmfüllend erschien. Mit Windows Phone 7 wirft Microsoft sämtliche Altlasten über Bord wie beispielsweise den Stift, der Microsofts Pocket PCs seit der Präsentation des ersten Geräts - 1996 in Las Vegas - begleitete. Nun ist - wie beim iPhone oder unter Android - die Steuerung mit den Fingerspitzen auf dem Bildschirm angesagt, und das moderne Multitouch mitsamt der Zwei-Finger-Gesten ist direkt im Betriebssystem verankert. Die Oberfläche wirkt geradezu erstaunlich aufgeräumt, die Gestaltung der Symbole und Hintergründe schnörkellos, schlicht und schön.
Der Weg zu E-Mail, Kontakten, Terminen und zur Wiedergabe von Medien, Fotos und ins Internet führt bei Microsoft nicht länger über den Start von Einzelanwendungen. Stattdessen sind alle Aufgaben konsequent in den Startbildschirm integriert. Sechs Schaltflächen, „Hubs“ genannt, sind die neuen Anlaufpunkte für eine aufgabenorientierte Bedienung. Wer beispielsweise seine Kontakte durchstöbert, sieht gleich die zugehörigen Nachrichten, seien es SMS, E-Mail oder Beiträge in sozialen Netzwerken. Die Hubs sind wiederum in Kacheln gegliedert, sogenannte „Tiles“, über deren Berührung sich weitergehende Informationen abrufen lassen. So ist man mit einem Blick informiert, was sich gerade in den sozialen Netzen tut. Der Gedanke ist nicht neu, aber hier konsequent umgesetzt: Wer eine bestimmte Person sucht, findet sie mit Windows Phone 7 nicht nur in seinem privaten Adressbuch, sondern auch auf Bildern, in Facebook oder Twitter.
Microsoft hält seinen Laden zusammen
Natürlich macht Microsoft mit diesem neuen Smartphone-Betriebssystem seine eigenen Dienste stark. Das zeigt sich nicht nur in der Betonung des Windows Marketplace, der angeblich dem App Store von Apple Konkurrenz machen soll, sondern auch in anderen Details. Mit der Suchtaste lassen sich Informationen im Gerät und über Microsofts Suchmaschine „Bing“ im Internet finden. Adressen und Telefonnummern werden in E-Mails und Kalendereinträgen erkannt und automatisch in Hyperlinks konvertiert, so dass sich durch Antippen direkt die passende Landkarte von „Bing Maps“ abrufen lässt. Xbox Live wiederum hat im Hub „Spiele“ sein mobiles Frontend gefunden, während „Musik & Video“ als Hub für die Medienwiedergabe neben Radioempfang und Podcasts auch die Medienplattform Zune integrieren. Überhaupt orientiert sich Windows Phone 7 sehr stark am Microsoft-Musikspieler Zune, der bislang nur in Amerika erhältlich ist. Die Office-Programme für den geschäftlichen Einsatz sind jedoch ebenfalls dabei. Alte Software von Windows Mobile läuft angeblich nicht auf den neuen Geräten.
Der einzige Wermutstropfen bei Windows Phone 7: Es kommt erst zum Jahresende. Bis dahin wird jedoch Apple sein neues OS 4 für das iPhone vorgestellt haben - und Android entwickelt sich derzeit so rasant, dass es jeden Monat spektakuläre Neuheiten gibt. Wir sind gespannt auf die nächsten Modelle des taiwanischen Herstellers HTC, etwa das für den April angekündigte „Desire“. Es läuft mit Android 2.1 und ist quasi der „große Bruder“ des hier unlängst vorgestellten Google-Handys „Nexus One“. Nur haben die Asiaten in vielen Details nachgebessert, und wie immer gibt es als feines Extra die „Sense“-Oberfläche, die nicht nur hübscher aussieht als das Original, sondern auch eine vollständige Exchange-Synchronisation mitbringt.