28.02.2010 · Im Vergleich zu anderen Branchen ist die IT-Industrie sehr gut durch die Krise gekommen: Microsoft, HP und Cisco aber auch deutsche Unternehmen wollen expandieren. Und statt wie im Vorjahr zu fallen soll der weltweite Umsatz wieder steigen.
Von Stephan FinsterbuschDie IT-Industrie gibt sich mit Blick auf das laufende Jahr so optimistisch wie lange nicht - und sie hat einigen Grund dazu: Denn die Weltwirtschaft scheint aus der Krise zu kommen und die Gefahr der Deflation gebannt zu sein. Die im vergangenen Jahr vielerorts eingefrorenen Technik-Budgets der Kunden aus der Unternehmenswelt tauen wieder auf, und die Firmen beginnen, viel Geld in den Auf- und Ausbau ihrer technischen Infrastruktur zu stecken. Das treibt die Nachfrage nach neuen Computern, neuer Software und den rund um Geräte, Betriebs- und Anwendungssystemen angebotenen Dienstleistungen.
So stehen Themen wie zentral verwaltete Datenverarbeitungen (Cloud-Computing), bessere Auslastung der Ressourcen (Virtualisierung) und Benutzerfreundlichkeit ganz oben auf der Agenda vieler Anbieter, Anwender und der diesjährigen Cebit-Messe in Hannover. Informationstechnologie (IT) habe das Potential, bis zu 40 Prozent der Steigerung der Effizienz in einem Unternehmen auszumachen, heißt es beim Branchenriesen IBM. Daher wird es auf der Messe in Hannover nach den Worten von Cebit-Chef Ernst Raue in dieser Woche um die Präsentation von Problemlösungen, Anwendungen und Benutzungen gehen. Vor allem aber wird es für Anbieter wie SAP, Microsoft oder IBM darum gehen, ihre Produkte zu verkaufen. Denn der Markt ist wieder auf Wachstumskurs.
Sehr gut durch die Krise gekommen
Das Analystenhaus Gartner geht davon aus, dass die IT-Ausgaben auf der Welt in diesem Jahr insgesamt 3,4 Billionen Dollar betragen. Das wären knapp fünf Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Im Krisenjahr 2009 waren die Ausgaben noch um mehr als vier Prozent gegenüber dem Vorjahr gefallen. Nun scheint die Branche wieder auf einen Wachstumspfad einzuschwenken. Richard Gordon, Vizepräsident von Gartner, erklärte: „Im letzten Quartal 2009 hatten wir erwartet, dass IT-Ausgaben erst im kommenden Jahr wieder das Niveau von 2008 erreichen würden. Doch nun können wir damit rechnen, dass wir das schon in diesem Jahr erreichen werden.“
Für Deutschland erklärte der IT-Hightech-Verband Bitkom in Berlin, dass vier von fünf Anbietern für die kommenden Monate mit einem „spürbaren Anstieg der Nachfrage“ rechnen. „Im Vergleich mit anderen Wirtschaftszweigen ist die IT- und Telekommunikationsbranche sehr gut durch die Krise gekommen“, sagte Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer. Nur jedes dritte Unternehmen gebe an, unter der Krise gelitten zu haben. „IT hilft Unternehmen, Kosten zu sparen und gleichzeitig die Leistung zu steigern“, erklärte Scheer. Kunden rüsteten nun ihre technische Infrastruktur zur Speicherung, Verarbeitung und Analyse von Daten für Geschäftsprozesse auf, modernisiere und investiere.
Cisco, HP und die Software AG expandieren
Auf die anziehende Nachfrage haben sich Anbieter wie die amerikanischen IT-Riesen Microsoft, Hewlett-Packard und Cisco oder die deutschen Softwareschmieden SAP und Software AG in den vergangenen Monaten durch Akquisitionen, Produktoffensiven, strategische Allianzen sowie Ausweitungen ihrer Geschäftsbereiche eingestellt. Jean-Philip Courtois, Präsident von Microsoft International, sagte: „Vom Netzwerkrechner bis zum Mobiltelefon sind wir mit neuen Produkten auf die Märkte gekommen, und es läuft gut.“ Mark Hurd, Vorstandschef von HP, dem größten Hersteller von Personalcomputern auf der Welt, sagte jüngst, es gebe „ein sich beschleunigendes Momentum im Markt“. John Chambers, Chef des Netzwerkausrüsters Cisco, erklärte, „das vergangene Quartal hat gezeigt, dass sich die Industrie in die richtige Richtung bewegt“ - nämlich nach oben.
HP und Cisco suchen aggressiv nach neuen Möglichkeiten für Wachstum. Während Cisco mit dem Aufbau einer Sparte für Netzwerkrechner Hewlett-Packard in einem von dessen Kernbereichen attackiert hatte, konterte HP den Angriff mit der Übernahme von 3com, einem direkten, aber kleineren Konkurrenten von Cisco. Darüber hinaus verkündeten die Chefs von HP und Microsoft im Januar eine Vertiefung ihrer Zusammenarbeit bei den Firmenkunden. Dort will auch Oracle dem Branchenprimus SAP Marktanteile abjagen. Nach einer 40 Milliarden Dollar teuren Akquisitionstour in den vergangenen fünf Jahren holt sich der Softwareanbieter Oracle nun durch die Übernahme von Sun Microsystems eine Hardwaresparte ins Haus. Dagegen hält der Konkurrent SAP auch nach dem Wechsel der Vorstandsspitze an der Strategie fest, ein reiner Anbieter von Computerprogrammen zur Verarbeitung von Unternehmensdaten zu bleiben. Nach dem Umsatzrückgang im vergangenen Jahr darf der nun amtierende neue Vorstand um das Führungsduo Jim Hagemann Snabe und Bill McDermott nun wieder mit Wachstum rechnen. Davon geht auch der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Streibich von der Darmstädter Software AG aus. Die übernimmt gerade für knapp eine halbe Milliarde Euro den Konkurrenten IDS-Scheer, schmiedet so ein zweites großes deutsches Softwarehaus, visiert die Umsatzmilliarde und die Expansion auf wichtigen Weltmärkten an.