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„Digitales Klassenzimmer“ Microsoft zeigt es den Kleinen

05.03.2010 ·  Lehrer und Schüler benutzen bereits digitale Medien im Unterricht. Damit es aber nicht bei Power-Point-Präsentationen bleibt, hat Microsoft auf der Cebit das „digitale Klassenzimmer“ vorgeführt. Das Projekt hat nur einen Haken.

Von Andreas Brand und Marco Dettweiler, Hannover
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Wenn ein riesiger Konzern wie Microsoft sich der Bildung kleiner Schulkinder zuwendet, ist die Aufmerksamkeit besonders groß. Ein „digitales Klassenzimmer“ hat das amerikanische Unternehmen auf der Cebit für deutsche Schüler eingerichtet. Weil der Name des Projektes viel verspricht, ließ es sich sogar Kanzlerin Merkel nicht nehmen, Microsofts mögliche Lösung für den mittelmäßigen Bildungsstand an deutschen Schulen zu sichten.

Das gläserne Klassenzimmer besteht im Wesentlichen aus zwei Sitzgruppen für Schüler. Ein Tisch ist mit Netbooks verschiedener Hersteller bestückt, auf denen Schüler einen Stadtrundgang für ihre Klassenfahrt nach Sevilla planen. Die kleine Pilar ist elf Jahre alt und findet dieses Klassenzimmer „sehr schön“. Das Mädchen fände es „toll“, wenn Räume „auf dem Gymnasium oder woanders in Zukunft auch mal so aussehen“. Bei der Bewertung des digitalen Klassenzimmers wirkt Pilar etwas zu erwachsen. Kindliche Begeisterung sieht eigentlich anders aus.

Quizspiele auf dem Surface

In anderen Ecke umzingeln Mädchen und Jungs einen Tisch mit berührungsempfindlicher Oberfläche. Virtuelle Quizkarten werden hin- und hergeschoben, die Kinder haben Spaß. Den Tisch hat Microsoft nicht speziell für dieses Event erfunden. „Surface“ gibt es seit mehr als einem Jahr. Mindestens 10.000 Euro verlangt Microsoft für das Standardmodell. Spezialwünsche für Kunden, also etwa Schulen, kosten noch einmal ein paar tausend Euro mehr. Ein Massenprodukt für Schulen werden die Lehrmittel des Klassenzimmers also sicherlich nicht.

Eigentlich kennt man solche Objekte nur aus Filmen. Microsofts Hightech-Tisch lässt sich ausschließlich mit den Fingern steuern. Das ist spektulär aus und wird es vorerst auf für den Privatkunden bleiben.

Als Besucher des digitalen Klassenzimmers fragt man sich, welche Ziele Microsoft mit diesem Showroom verfolgt. „Wir wollen zeigen, was heute schon möglich ist: eine moderne Nutzung von IT im Unterricht“, sagt Henrik Tesch von Microsoft. Bildung sei dem Unternehmen besonders wichtig. Er ist Leiter der Abteilung „Citizenship Corporate Affairs“ und betont immer wieder, dass Microsoft Bildung „sehr wichtig“ sei. So biete das Unternehmen sein Windows-Betriebssystem und bestimmte Office-Anwendungen für Schüler und Lehrer kostenlos an.

Innovative Lehrer braucht das Land

Die Investitionen könnten sich dennoch lohnen. Schließlich schaffen solche Aktionen eine Kundenbindung auf breiter Basis. Schüler werden einmal erwachsen und kaufen sich einen Computer. Tesch formuliert es etwas pädagogischer: „Wir brauchen Menschen, die in Sachen Computer ausgebildet sind und frühzeitig in der Schule damit anfangen.“ Dafür braucht es allerdings Lehrer, die mit Computern umgehen können. Von denen gibt es laut Tesch nicht allzu viele. „Wir hören von vielen Lehrern, dass sie allein gelassen sind, wenn es darum geht, sich die Kenntnisse neuer Medien anzueignen.“ Microsoft hilft mit dem „Innovative Teachers Network“. 18.000 Lehrer sind auf dieser Plattform schon vernetzt.

Ein Lehrer, der sich schon sehr früh damit beschäftigt hat, neue Medien in die Schule zu integrieren, ist Thomas Schmidt. Er betreut das digitale Klassenzimmer während der Cebit. Allerdings nicht als aktiver Lehrer sondern als Geschäftsführer des Unternehmens Helliwood. Microsoft und Schmidt arbeiten seit Jahren in diesem Bereich zusammen. „Mich hat geärgert, dass das Land Berlin keine innovativen Lehrer braucht“, sagt Schmidt, „deshalb habe ich nach dem Referendariat die Schule wieder verlassen.“ Von seinen Mathematik und Physik-Kenntnissen profitiert nun sein Unternehmen Helliwood, das es in den letzten elf Jahren auf immerhin zwanzig Mitarbeiter gebracht hat.

Ersatz für grüne Tafel

Schmidt zeigt am Cebit-Stand, dass sich ein digitales Lehrmittel bereits durchgesetzt hat, denn es gehört in einigen Schulen zur Grundausstattung. Bis zu 25.000 sogenannter „Whiteboards“ sollen in Deutschlands Schulen bereits stehen. „Stellen sie sich vor, die grüne Tafel ist weiß und sie können mit der Hand direkt multimediale Elemente verschieben“, sagt Schmidt. Ein weiterer Vorteil der weißen Tafel sei, dass man „die ganze Welt des Internets ins Klassenzimmer holen kann.“ Soweit ist es im digitalen Klassenzimmer noch lange nicht. Schmidts Worte hören sich visionär an. Der ehemalige Lehrer tut viel dafür, seinem ehemaligen Arbeitgeber zu zeigen, dass in der Schule noch viel Innovation nötig ist.

Doch das Whiteboard kann nur der Anfang der digitalen Revolution in der Schule sein. Die Tafel könnte flüssiger auf die Handbewegungen reagieren. Wer die mit Farbe und grafischen Elementen vorgefertigten Darstellungsformen sieht, ahnt schon, dass die Power-Point-Seuche auch bald die Schule befallen könnte. Selbst wenn „die Bedienung der Tafel kinderleicht“ ist und „Kinder an der Tafel zusammenarbeiten“ können, wird nicht hinreichend deutlich, warum Schulen viel Geld für solche Gerätschaften ausgeben sollen, wenn es an anderen Ecken fehlt.

Kein Geld für Toilettenpapier

Annette Blottner war eine der Auserwählten, die mit ihrer Berliner Schulklasse das digitale Klassenzimmer in Hannover testen durfte. Die Begeisterung ihrer Schüler kann sie nicht teilen. Es sei schon ganz nett, aber „wenn die Kinder das jeden Tag haben, nutzt sich der Neuheitseffekt auch schnell ab“. Die 41 Jahre alte Lehrerin sieht für den breiten Einsatz digitaler Medien „in den nächsten Jahren wenig Chancen“.

In ihrer Grundschule arbeitet sie lieber mit herkömmlichen Lehrmitteln wie Büchern. „Es sollte nicht das Ziel sein, alle Klassenzimmer zu digitalisieren, andere Medien sind genauso wertvoll.“ Jedenfalls sei der Lerneffekt gegenüber analogen Methoden nicht besser. Blottner und andere Lehrer kämpfen momentan noch mit ganz anderen Problemen. „Was wichtiger ist, sind Gelder für grundlegendere Dinge. Es fehlt Geld für die Sanierung der Schulgebäude, für die Anschaffung von Lehrbüchern - und sogar für das Toilettenpapier.“

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Jahrgang 1977, Redakteur für Multimedia bei FAZ.NET.

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