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Digitale Revolution Kein Kurzschluss in den „Connected Worlds“

 ·  Bewunderung hier, Skepsis dort: Die Digitale Revolution birgt nicht für alle das Paradies. Gerade das fordert eine realistische Gesamteinschätzung. Ein Gastbeitrag von Achim Berg, Vorsitzender der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland.

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Während in deutschen Feuilletons und Talkshows die Kritiker der digitalen Revolution den Ton angeben, öffnen sich die Tore zur weltgrößten Leistungsschau der Informations- und Kommunikationstechnologie in Hannover. „Connected Worlds“ heißt das Motto der Cebit 2010, ein Motto, das offensichtlich nicht für die getrennten Welten von Kulturkritik und Hochtechnologie gilt. Bewunderung hier, Skepsis dort - ein Gegensatz, der zu einer realistischen Gesamteinschätzung auffordert. „Connected Worlds“ ist in der Tat ein gut gewählter Slogan, um die Leistungen digitaler Technologien deutlich zu machen. Für Wirtschaftsunternehmen, Wissenschaftler, Politiker oder soziale Bewegungen gilt: Computer und Internet erlauben ihnen heute ein schnelles, reibungsloses Zusammenarbeiten über Standorte, Ländergrenzen und Kontinente hinweg.

Computer und Internet verbinden zugleich sachlich, räumlich und zeitlich getrennte Bereiche wie Arbeit, Familie oder Gesundheit, und dies in einer Weise, die mehr individuelle Autonomie ermöglicht. Seien es frisch gebackene Eltern, die dank Home Office, Handy und flexibler Präsenzzeiten nun die Chance erhalten, Haushalt, Kindererziehung und Berufstätigkeit zu vereinbaren und stärker nach individuellen Gesichtspunkten aufzuteilen und zu gestalten. Ebenso durchdringt digitale Hard- und Software heute als Schlüssel- und Querschnittstechnologie alle traditionellen Industrien (Maschinenbau, Automobile, Medizintechnik), durchdringt alle traditionellen Verwaltungs-, Energie- und Verkehrssysteme und sorgt so für eine höhere Effizienz von Produkten und Dienstleistungen.

Die Grenzen der digitalen Welt erkennen

Selbst eine ökologische Neugestaltung der Industriegesellschaft im Ganzen und eine erfolgreiche Klimapolitik setzen den Fortschritt digitaler Technologien voraus: Ob intelligente Stromnetze und -zähler oder „grüne“ Rechenzentren - Computer, Internet & Co. bieten nicht nur Tools zur wissenschaftlichen Analyse und Berechnung von Klimamodellen. Sie sind selbst wichtiger Bestandteil der Lösung einer globalen Bedrohung. Aber: Auch wenn ihre bisherige Leistungsbilanz durchaus den Zusatz „zivilisatorisch“ verdient, so hat uns die digitale Revolution offensichtlich nicht ins Paradies geführt. Sicherheits- und Urheberrechtsprobleme, Killerspiele und Kinderpornographie - die Kritik an solchen Defiziten und Schattenseiten begleitet die IT-Branche von Anfang an und wird von ihr auch sehr ernst genommen. Aktuell konzentriert sich die Kritik auf zwei Problemkreise.

Die Überforderung: Die psychischen und kognitiven Folgen der digitalen Revolution werden unter Experten recht kontrovers diskutiert. Wo uns insbesondere das Internet mit Informationsfluten und Datenmengen konfrontiert, die von undurchsichtigen Programmen und komplizierten Algorithmen sortiert, aggregiert und gewichtet werden, dort verlieren wir - so lautet eine These - die Kontrolle über unser Denken. Thematisiert wird damit ein Unbehagen in der digitalen Kultur, das viele Menschen teilen: Angst vor Überforderung. Gleichzeitig gedeiht aber eine Generation junger Menschen - neudeutsch gern als „Digital Natives“ bezeichnet -, die wie selbstverständlich mit der Flut surft und deren „Echtzeit-Kommunikation aus allen Rohren“ via Instant Messaging, Twitter, Facebook & Co. bereits ihre Erwartungshaltung an Arbeitsprozesse und die technologische Ausstattung ihrer künftigen Arbeitgeber prägt. Wie passt das zusammen? Nun: Wollen wir die Kontrolle über unser Denken behalten, müssen wir vor allem eins tun: einen souveränen Umgang mit der digitalen vernetzten Welt lernen und damit auch „ihre“ und „unsere“ Grenzen erkennen und setzen.

Bewerten, verstehen, aber auch ignorieren

Auch das Internet stellt für die Wissensvermittlung keinen Stein der Weisen und keinen Nürnberger Trichter bereit. Bewerten, verstehen, aber auch ignorieren - das bleibt auch im Zeitalter von Suchmaschinen, sozialen Netzwerken, Blogs, Wikis & Co. eine individuelle Leistung. Doch die muss als vierte Kulturtechnik erlernt werden. Dänemark lässt als eines der ersten Länder weltweit Internetrecherchen während der Abiturprüfung zu. Offensichtlich weil erkannt wird, dass Schule und Gesellschaft nicht nur eine enorm wichtige Rolle für die Vermittlung von Wissen, sondern auch von digitaler Medienkompetenz haben. Dazu zählt es, die digitale Spreu vom Weizen trennen zu können, Glaubwürdiges von Stimmungsmache zu unterscheiden, Nützliches von Banalem. Das Ganze basierend auf Erfahrungswerten, Erwartungshaltungen und wie in (fast) jeder Abiturprüfung - auf dem Mut zur Lücke. Vor der Suche kommt also das Denken! Also suche ich genau dann nicht online, wenn ich weiß, dass zu meiner Frage nichts Relevantes gefunden wird und es nur wertvolle Prüfungszeit kostet. Solche Souveränität ist die Grundlage für einen produktiven Umgang mit dem Web.

Der zweite Problemkreis beschäftigt sich mit dem „gläsernen Menschen“, bislang eher eine Horrorvision für Datenschützer und Bürgerrechtsgruppen. Sie kritisieren eine schleichende digitale Enteignung, den stetigen Entzug privater Freiräume und persönlicher Daten. Eine allseits akzeptierte, permanente Balance zwischen privater Freiheit und öffentlicher Sicherheit kann es auf diesem Feld ohnehin nicht geben: Mit jedem neuen Innovationszyklus der digitalisierten Datenerhebung und je nach terroristischem oder kriminellem Bedrohungsszenario wird diese Balance immer wieder neu zu bestimmen sein. Und das ist absolut notwendig, damit es beim weiteren Ausbau der „Connected World“ nicht zum Kurzschluss kommt, wenn ihr das wichtigste Bindeglied eines jeden Netzwerks abhandenkommt: Vertrauen. Vertrauen ist die Grundlage für jede weitere Vernetzung und damit für weitere Innovationen. Wir stehen hier erst am Anfang.

Tweet an alle: „Ärmel hoch!“

Schon aus Eigeninteresse wird die IT-Branche die Sicherheit ihrer Produkte permanent verbessern und den Nutzern transparent machen, welche Daten sie von ihnen erheben muss, um bestimmte Services anbieten zu können. Damit die Zukunftstechnologie CloudComputing wirklich weltweit und barrierefrei Services für Consumer und Effizienzgewinne für Unternehmen anbieten kann, bedarf es durch die Politik weiterer internationaler Vereinbarungen, die das Thema Datenschutz und Sicherheit auf ein einheitliches Niveau heben. Und selbstverständlich müssen wir auch manchem „Digital Native“ klar- machen, dass seine totale Entspanntheit im Umgang mit Bildern, Videos und persönlichen Informationen auf SchülerVZ und Co. über kurz oder lang zu einer ähnlichen persönlichen Überforderung führt.

Aber machen wir uns nichts vor. Die Einführung von Computer und Internet bringt für die Gesellschaft ebenso dramatische Umwälzungen mit sich wie die Einführung der Schrift für die Antike, wie die Einführung des Buchdrucks für die frühe Neuzeit. Und schon am Beginn dieser Umwälzungen müssen wir feststellen: Kein zivilisatorischer Fortschritt ohne Kehrseite. Auch die vernetzte Gesellschaft der Zukunft wird sich mit ihren eigenen Widersprüchen und inneren Konflikten herumplagen müssen. In den „Connected Worlds“ wartet also genügend Arbeit: Tweet an alle: „Ärmel hoch!“

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