03.03.2010 · Wer sich durch das Internet bedroht fühlt, muss jetzt besonders aufpassen. Einige Hersteller auf der Cebit packen das Web nun auch in den Fernseher. Wird nun aus der Glotze ein Computer?
Von Andreas Brand und Marco Dettweiler, HannoverDie Hersteller von Fernsehern haben ein Problem mit Computern. Sie erleben seit Jahren, dass ein Rechner mit Monitor ein ordentlicher Ersatz für ein TV-Gerät sein kann. USB-Sticks oder PC-Steckkarten mit Kabel, Satellit- oder DVB-T-Tuner machen aus dem Computer einen Fernseher. Aus eins mach zwei: Das spart Platz und Geld. Zudem können Nutzer von Computern mit TV-Funktion Filme oder eine Sendung schauen und nebenbei durch einen Mausklick mal schnell Zusatz-Infos googeln oder einen Filmtipp per Twitter verschicken.
Im letzten Jahr auf der Ifa hatte Philips als einer der ersten Fernsehhersteller reagiert: Webanwendungen wurden in manche Geräte integriert. NetTV bringt Youtube auf den Flachbildschirm, bietet einen Zugang zur Mediathek der Öffentlich-Rechtlichen und hat sogar eine Browseranwendung. Philips NetTV ist ambioniertes Projekt, funktioniert bisher aber nicht zufrieden stellend. Auf der Cebit findet man nun neue Ideen, wie man den Fernseher mit dem Internet zusammen bringen kann.
HDTV-Satelliten-Internet-Receiver
VideoWeb stellt dort in Halle 13 einen hybriden HDTV-Satelliten-Internet-Receiver 600S vor. Das klingt kompliziert. „VideoWeb ist ein digitaler Satellitenreceiver, der die Welt von Satellit, HDTV und Internet verbindet“, erklärt Matthias Greve. Der Geschäftsführer von VideoWeb setzt auf Käufer, die vom analogen auf digitalen Satellitenempfang umsteigen, weil sie das HDTV-Programm empfangen wollen, und sich daher einen neuen Receiver kaufen müssen. Der Receiver von VideoWeb ist eine Neuheit, weil das Gerät per Netzwerkkabel und Internetanschluss auch „viele interaktive Anwendungen“ bietet.
Es hat lange gedauert, doch auf der IFA liegt das Surfen auf dem Fernseher nun voll im Trend. Philips packt zum Beispiel „NetTV“ in seine Geräte. Jetzt können auch Internetnutzer auf ihrer Couch liegen bleiben. Andreas Brand und Marco Dettweiler präsentieren die IFA-Höhepunkte.
Ein weiterer Mehrwert sind „Videos in HD-Qualität“, die direkt vom Server über das Internet auf den Fernseher gestreamt werden. Video-on-demand hat allerdings seinen Preis: Bis zu 7 Euro kostet es, einen hochaufgelösten Film für 24 Stunden auszuleihen. Dafür ist die Online-Videothek von VideoWeb immer frisch bestückt: Geschäftsführer Greve hat mit sechs großen Hollywood-Studios ein Kooperation abgeschlossen, die ihm die Streamingdaten auf seinen Servern „zeitgleich mit dem DVD- und Bluray-Markt“ garantierten.
Nachfolger von Videotext mit HbbTV
Die Bedienoberfläche des Portals sieht aufgeräumt und übersichtlich aus - wohl auch deshalb, weil man sich im Design stark an der iPhone-Oberfläche mit seinen quadratischen, leicht abgerundeten Icons orientiert hat. Einige Symbole dürften den meisten bekannt vorkommen. Im Angebot von VideoWeb finden sich Facebook, Twitter, Picasa oder Google Maps. Dahinter stecken jedoch speziell für VideoWeb programmierte Anwendungen, die das Internet in abgespeckter und TV-adäquater Form auf den Fernseher bringen. Das bedeutet etwa Twitter: Tweets lesen ja, schreiben nein. Webseiten lassen sich so programmieren, dass sie auf Fernsehgeräten nicht als solche identifizierbar sind und als TV-Anwendung erscheinen.
Hybrid Broadcast Broadband TV (HbbTV) ist ein neuer Standard, mit dem dies gelingt. Besonders gut lässt sich dies an dem neuen Videotext erkennen. Es ist der Versuch, dieses alte, durch Internet längst überholte Format in das Webzeitalter zu retten. Es könnte ein erfolgreicher Versuch sein. Auf dem Fernseher am VideoWeb-Stand überzeugt das Angebot der ARD, die bis jetzt der einzige Sender ist, die den Videotext anbietet. Es lassen sich Informationen zum aktuellen Programm abrufen oder Nachrichten in Text- und Videoform anschauen. Das Angebot ist klar und übersichtlich. Die einzige Schwäche ist die Schriftgröße. Steht das Sofa an der anderen Wand des Wohnzimmers, könnte es schwer werden, den „Super-Videotext“ zu lesen. Die Daten für HbbTV kommen übrigens per Internet auf das TV-Gerät. Hier zeigt der Receiver von VideoWeb eine Schwäche: Es steht lediglich eine Lan-Schnittstelle zur Verfügung. Zwischen Internetrouter und Receiver muss also ein Lan-Kabel verlegt werden.
Alle Ecken und Fouls und Tore
Auch die Telekom unternimmt seit etwa drei Jahren den Versuch, mehrere Medien miteinander in einem Paket zu verbinden. Triple-Play heißt die Kombination von Internet, Fernsehen und Telefon im Fachjargon. „Wir haben dafür nun den Namen Entertain“, sagt Telekom-Pressesprecher Marc Sausen. Zuvor nannte man es „T-Home“. Die Telekom packt das Thema allerdings von der anderen Seite an. Bei Videoweb stand der Fernsehempfang an erster Stelle, bei der Telekom ist es umgekehrt. „Jeder Nutzer, der ein Entertain-Paket hat, kann auch Fernsehen schauen“, sagt Sausen und verweist auf das Bedürfnis der Deutschen, dies auch tun zu wollen. Über eine Million „Entertainer“ zahlen der Telekom mindestens 45 Euro im Monat dafür, beliebig lange surfen, telefonieren (jedenfalls ins deutsche Festnetz) und Fernsehen schauen zu können. Voraussetzung dafür ist ein DSL-Zugang mit 16 Megabit pro Sekunde. Für Datengeschwindigkeitsfanatiker steht V-DSL bereit. Der superschnelle Zugang mit 50 Megabit kostet allerdings noch einmal zehn Euro mehr.
Die Telekom setzt weiterhin auf Triple-Play. „Auf der Cebit stellen wir Neuerungen zum Thema Liga Total vor“, sagt Sausen. Man könne also nicht nur jedes Fußballbundesligaspiel anschauen, sondern im Nachhinein auch „alle Fouls, alle Ecken, alle Tore.“ Wer sich jeden Samstag „die Sportschau selber mixen“ will, muss noch einmal knapp 15 Euro drauflegen. Ein weitere Neuigkeit ist die One-Klick-Aufnahme. Die funktioniert sogar unterwegs mit dem iPhone. „Einfach in der Programmübersicht den Film oder die Sendung auswählen und schon nimmt der Entertain-Rekorder das Ganze auf“, sagt Sausen.
Das Internet ist noch nicht angekommen
Am Stand von VideoWeb und der Telekom wird deutlich, dass aus der Idee, das Internet in den Fernseher zu packen, bereits sinnvolle Anwendungen entstanden sind. Die Online-Videothek bei VideoWeb konnte ebenso überzeugen wie die One-Klick-Aufnahme-Möglichkeit bei „Entertain“. Doch das Web landet auf dem TV-Gerät nicht eins-zu-eins. Die Webseiten werden dem Darstellungsmedium angepasst. Das ist einerseits notwendig, andererseits auch immer ein Kompromiss.
Von dem Vorschlag, die Geräte dem Internet anzupassen, halten weder Greve noch Sausen viel. Der Mann von der Telekom sieht keinen Nutzen in einem Browser, weil man für diese Anwendung „immer noch eine Tastatur und eine Maus“ brauche. Und der VideoWeb-Chef macht klar, dass er „keinen PC“ liefere, „sondern einen Sat-Receiver. Es macht keinen Sinn, das komplette Internet auf den Fernseher zu bringen. Dafür habe ich meinen Laptop.“ Vielleicht schaut man also doch besser Fernsehen mit dem Computer.