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Yojo Yamada Hart auf hart, das macht Herumtreibern Spaß

09.02.2010 ·  Der Wettbewerb der Berlinale schließt mit „Otouto“ des japanischen Altmeisters Yoji Yamada. In seinem Heimatland ist er eine lebende Legende.

Von Andreas Platthaus
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Yoji Yamada kommt in diesem Jahr zum siebten Mal mit seinen Filmen nach Berlin, und nicht nur, dass man den mittlerweile Achtundsiebzigjährigen für sein Lebenswerk mit einer Berlinale-Kamera auszeichnet, er wird mit seinem jüngsten Werk „Otouto“ auch den Abschluss des Wettbewerbs bestreiten - am Abend der Gala, auf der die Preise des Festivals verliehen werden.

In Japan gilt Yamada nach Kurosawas Tod als der große alte Mann des Kinos, doch seine internationale Karriere kam erst 2002 in Schwung, als er „Samurai der Dämmerung“ drehte. Mehr als vierzig Jahre Regieerfahrung hatte Yamada schon hinter sich, ehe er sich mit diesem ersten Kostümfilm ans Jidaigeki-Genre wagte, dem traditionell in Japan die höchste Achtung entgegengebracht wird. „Samurai der Dämmerung“ stellte einen Helden vor, der nichts lieber tun würde, als sich dem Schwertkampf zu entziehen. Häusliche Szenen dominieren, der Arbeitsalltag eines Samurai in der Verwaltung des Fürstentums wird gezeigt, und dieses Wagnis brachte Yamada 2004 eine Oscar-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film ein. Mit „The Hidden Blade“ und „Love and Honor“, die beide wie schon „Samurai der Dämmerung“ auf der Berlinale im Wettbewerb liefen, setzte er 2004 und 2006 diese pazifistische Umdeutung des japanischen Krieger-Mythos fort.

Sechsundsiebzig Filme in achtundsiebzig Lebensjahren

Yamada ist stets sein eigener Autor, und die Liste realisiserter Drehbücher ist mit 106 Einträgen noch umfangreicher als sein Werk als Regisseur, das mittlerweile sechsundsiebzig Filme umfasst. 1931 in Osaka geboren, heuerte Yamada 1954 bei Shochiku, dem wagemutigsten der damals drei großen japanischen Filmstudios, als Regieassistent an, doch erst mit Drehbüchern hatte er Erfolg. Schon sein erstes, „Kiiroi sakurambo“, wurde 1960 von dem renommierten Regisseur Yoshitaru Nomura umgesetzt, für den Yamada im Folgejahr die nächste Geschichte schrieb: „Zero no shoten“, einen Noir-Krimi, der das japanische Publikum begeisterte. Darin findet sich bereits die für Yamada typische Erzählstimme eines der Protagonisten, und es ist gleichfalls bezeichnend, dass es die einer Frau ist, der frisch verheirateten Teiku, deren Mann verschwunden ist. Auch in Yamadas später Samurai-Trilogie spielen Frauen eine für das Genre ungewöhnlich wichtige Rolle.

Nomura empfahl nach „Zero no shoten“ den Verantwortlichen von Shochiku, dem gerade dreißigjährigen Yamada eine Chance als Regisseur zu geben, und so debütierte er 1961 mit der Komödie „Nikai non tanin“ (Der Fremde aus dem zweiten Stock). Von da an spezialisierte Yamada sich mehr und mehr auf solche leicht melancholischen Humoresken, in deren Mittelpunkt meist erwachsene Herumtreiber stehen, die es im modernen, geschäftigen Japan schwer haben, sich durchzuschlagen.

Ganz Japan zu Gast

Der einheimische Ruhm Yamadas beruht vor allem auf einer Filmreihe, in der er dieses Motiv von 1969 an insgesamt achtundvierzig Mal immer neu variiert hat - mit dem Komiker Kiyoshi Atsumi in der Rolle des Tunichtguts Torajiro Kuruma, nach dem die Serie ihren außerhalb Japans gängigen Titel bekam: „Tora-san“. In Japan selbst hieß sie „Otoko wa tsurai yo“ (Es ist schwer, ein Mann zu sein), und bis auf den dritten und vierten Teil drehte Yamada sämtliche Filme selbst. Erst mit dem Tod von Atsumi endete 1996 diese umfangreichste Serie der Kinogeschichte, die in Japan bis zum Schluss ein Kassenknüller blieb und dem Unternehmen Shochiku das Überleben in schwierigen Jahren sicherte.

Nur acht Mal gelang es Yamada, in den siebenundzwanzig Jahren der Arbeit an „Tora-san“ ernsthaftere Stoffe dazwischenzuschieben, darunter 1977 „Das gelbe Taschentuch“ und 1991 „Meine Söhne“, in dem der Regisseur einem seiner großen Vorbilder, Yazujiro Ozu, dessen Karriere bei Shochiku begonnen hatte, Reverenz erwies. Von Ozu hat Yamada die Vorliebe für statische Interieurs übernommen, die er in „Kabei“ vor zwei Jahren auf den Höhepunkt führte. Auch dieser Film lief auf der Berlinale im Wettbewerb, und wie Yamada darin am Beispiel der Frau eines 1940 verhafteten Gelehrten das immer noch heikle Thema des extremen Nationalismus der frühen Showa-Zeit aufnahm, ist meisterhaft. Seine Hauptfigur und ihre beiden Töchter bewegen sich kaum aus ihrem kleinen Haus, und doch ist ganz Japan dort zu Gast in Gestalt von Polizisten, Studenten, Nachbarn, Telegrammboten und nicht zuletzt einem dreisten, aber herzensguten Onkel aus dem provinziellen Nara, in dem man leicht einen Zwilling von Torajiro Kuruma erkennen kann.

Ein halbes Jahrhundert Kinowissen

Der Titel von Yamadas neuestem Film, „Otouto“, bedeutet „Kleiner Bruder“, und hinter dieser Figur verbirgt sich wieder einmal ein Streuner, der sein Dasein auf der Straße fristet. So wie Tora-san es in jedem seiner achtundvierzig Filme getan hat, kehrt auch dieser Tetsuro eines Tages überraschend nach Hause zurück, wo sich seine ältere Schwester gemeinsam mit ihrer Tochter und Schwiegermutter bemüht, den Familienbetrieb zu bewahren. Die erwartbaren Konflikte zwischen den Geschlechtern und Generationen führen das Leitmotiv von Yamadas Filmen fort, doch nun ist der Regisseur nach zehn Jahren wieder in der unmittelbaren Gegenwart angekommen, die er mit „Tora-san“ so intensiv begleitet hat wie kein anderer Filmemacher irgendwo sonst auf der Welt. Wobei Yamada es aber genau wie Ozu immer auch verstand, seine Darsteller zu grandiosen Leistungen herauszufordern - das kann man besser noch als in den burlesken Szenen der früheren Werke in den elegischen Passagen der jüngeren bewundern, und deshalb ist die Rückkehr zum Typus des Herumtreibers ein riskanter Schritt. Allerdings hat mit Ryo Kase einer der profiliertesten jungen japanischen Darsteller die Hauptrolle übernommen und wird sie eher ernst anlegen.

Und damit nicht genug: Die Berlinale zeigt in der Forum-Sektion noch einen weiteren neuen Film von Yamada, der als ganz direkte Hommage an Ozu den Titel „Kyoto Story“ trägt. Angesiedelt im Stadtteil Uzumasu, wo sich das wichtigste japanische Filmstudiogelände befindet, erzählt er eine jugendliche Liebesgeschichte. Entstanden ist das Werk aus einer Zusammenarbeit zwischen Yamada und japanischen Filmstudenten, wobei mit Tsotumo Abe ein junger Coregisseur dem Altmeister zur Seite stand. Aber der fühlt sich noch jung genug, um am 17. Februar im Rahmen des Berlinale Talent Campus aufzutreten und dort das Kinowissen weiterzugeben, das er in einem halben Jahrhundert angesammelt hat.

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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