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Berlinale-Partys „Kommunikation ist alles“

20.02.2010 ·  Jede Berlinale ist nur so gut wie ihre Partys. Dabei geht es um mehr als Prominenz und Ziegenkäse mit Artischocken: Auf Galas und Filmfeiern werden Kontakte gepflegt, Projekte vorgestellt, Geschäfte gemacht. Eine Woche feiern zwischen Pflicht und Kür.

Von Julia Schaaf, Berlin
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Sagt ein Regisseur zum Produzenten: „Gib mir doch mal deine E-Mail.“ Fragt der andere: „Habe ich deine Karte schon?“ Beide ziehen ein Bündel Visitenkarten aus dem Jackett, das sie auffächern wie ein Pokerblatt. Samstagabend im Ritz-Carlton: Der Empfang des Medienboards Berlin-Brandenburg ist ein Fixstern im Partykosmos der Berlinale. Andrea Sawatzki herzt Doris Dörrie, Nora Tschirner trägt einen albernen Haarreif mit applizierten Eiskristallen aus Filz. Um den Hals von Klaus Wowereit hängt ein roter Schal mit Bärenmuster aus vergangenen Jahren. „Muss aufgetragen werden“, brummt der Regierende. Von der Bühne bitten die Gastgeberinnen um Ruhe: „Sonst gibt es kein Geld!“ Das wirkt, wenigstens kurz.

Kontakte zwischen Häppchen und Alkohol

Jahrelang kann jeder Filmfreak Visionen anschieben; erst mit der Finanzierung geht die Arbeit richtig los. Wenn aber Filmförderung der Treibstoff der Branche ist, sind die Partys ihr Schmiermittel. Regisseur Dennis Gansel („Die Welle“) sagt: „Ohne Partys ginge es gar nicht.“

Er muss es wissen. Dank einem mutigen Vorstoß auf einer dieser Feiern hat Iris Berben in einem Kurzfilm mitgespielt, den er mit Anfang zwanzig drehte. Am Vorabend hat er Jürgen Prochnow („Das Boot“) angequatscht, ein Idol seiner Jugend.

So etwas geht nur, weil sich zwischen Alkohol und Häppchen Altmeister und Novizen umeinander schieben und jede Begegnung beiläufig scheint. Draußen in der Kälte hoffen Filmhochschüler auf abgelegte Einlassbändchen, die sie mit Tesafilm wieder zusammenkleben. Es geht um mehr als Ziegenkäse mit Artischocken.

DiCaprio-Party ohne DiCaprio

Eigentlich haben sie sich Mühe gegeben: „Welcome to Ashcliffe Hospital“ steht am Eingang der einstigen Münzprägeanstalt. In Anlehnung an die Psychiatrie für Kapitalverbrecher aus Martin Scorseses „Shutter Island“ tragen die Kellnerinnen weiße Kittel. Auf den Tischen stehen Pillenbecher mit Smarties. Nur: Wo bleibt DiCaprio? Steckt der Hauptdarsteller im „Grill Royal“? Kommt er nach dem Essen? Oder ist es ein gutes Zeichen, dass Wim Wenders durch die spärlich bevölkerte Halle schlendert?

Marie Bäumer ist das egal. Leonardo DiCaprio hat sie schon einmal getroffen, als schlaksigen Jungen, den sie auf höchstens siebzehn schätzte. Das war beim Filmfestival in München, wo der tatsächlich Einundzwanzigjährige in „Basketball Diaries“ auftrat und wissen wollte, wo denn die nächste Party sei. „Da haben sich unsere Wege getrennt“, sagt Bäumer. Sie hat sich für die Berlinale einen Stundenplan gemalt, so voll, dass man jeden Schüler bedauern würde.

Als Jessica Schwarz hereinrauscht und Kai Wiesinger Currywurst isst, hat sich Regisseur Dani Levy gerade auf den Heimweg gemacht. Eigentlich mag er interessante Locations. Aber die DiCaprio-Party ohne DiCaprio findet er „öde, langweilig, seelenlos“.

Schnelle Freundschaften

Netter ist es im „Quatsch Comedy Club“, wo die Premiere des Mammutprojekts „Henry 4“ gefeiert wird. Mit seinem Schal in der Hand holt Wowereit an der Bar Mineralwasser, um anschließend mit Alfred Biolek zu plaudern. Michel Friedman umarmt die junge Hauptdarstellerin Chloé Stefani wie eine langjährige Freundin. Tatsächlich wurden beide einander erst im Lauf des Abends vorgestellt.

Christine Urspruch, kleinwüchsige Pathologin aus dem Münsteraner Tatort, hat ihr persönliches Berlinale-Highlight schon hinter sich. „Ich habe Leonardo gesehen“, wispert sie selbstironisch. Sie saß in der Maske im Hotel Grand Hyatt, als der Schauspieler hereinkam und um Reinigungsflüssigkeit für seine Kontaktlinsen bat. Er stand hinter ihr. Schaute in denselben Spiegel wie sie. Sagte: „Hi everybody.“ Schaute wieder in den Spiegel. „Wie im Märchen“, sagt Urspruch. Sie kichert.

Durch die Woche mit Klamotten von der Stange

Im Gedränge in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung am Sonntag gibt es zwei Ohnmächtige und Schauspieler Wotan Wilke Möhring, der sich rührend um den einen kümmert. Mit der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen lädt der zweite Großfinancier der Branche. Blitzlichtsalven donnern auf Jürgen Vogel wie ein Kugelhagel im Film. Während des Festivals geht er deshalb manchmal mit Kapuze ins Kino. Regina Ziegler steht am Tresen und redet über Projekte, Projekte, Projekte. „Kommunikation ist alles“, sagt die Produzentin („Henry 4“). Und: „Hier geht es um die Zukunft.“

Die unmittelbare Zukunft der österreichischen Schauspielerin Franziska Weisz besteht in einem straff getakteten Montag, wenn Benjamin Heisenbergs herausragender Beitrag „Der Räuber“ gezeigt wird. Ihr Film im Wettbewerb der Berlinale – „für mich ist das wie ein Kopforgasmus“, sagt sie. Dann erzählt sie von einem Friseurbesuch und verwechselt Udo und Christoph Wal(t)z: Große Schauspielerei ist ihr offenbar wichtiger als Styling. Durch die Berlinale kommt sie mit geliehenen Kleidern von jungen Wiener Designern; der Rest ist Schlussverkaufsware von H & M.

Sebastian Koch benutzt sein Rotweinglas, um sich einen Zwei-Meter-Klops vom Leib zu halten, dessen Rücken zentimeterweise näher rückt. Er streicht mit dem Glasfuß von oben nach unten über das blaue Hemd. „Merkt nichts.“ Noch einmal. „Hört nichts.“ Noch einmal. „Sieht nichts.“ Endlich dreht sich der Fremde um und geht.

Eine Gala der Peinlichkeiten

Ein Film nach einem derart konfusen Drehbuch, stümperhaft produziert, hätte auf der Berlinale keine Chance. Trotzdem gilt die Charity-Gala „Cinema for Peace“ am Montagabend – von der sich Festivalchef Kosslick distanziert – als einer der gesellschaftlichen Höhepunkte während des Filmfests. Liegt es an der Besetzung? An Leonardo DiCaprio? An der Ausstattung, die mit großen Roben im Konzerthaus am Gendarmenmarkt ein bisschen an Kostümfilm erinnert?

Eigentlich ist die Veranstaltung ein Nacheinander der Peinlichkeiten: Gastgeber Bob Geldof preist die Arbeit der abgewählten Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) und beleidigt Nachfolger Dirk Niebel (FDP). Die Akustik ist eine Katastrophe. Und weil angesichts der vielen Auszeichnungen für weltverbessernde Filme keine Zeit zum Essen ist, setzt irgendwann Besteckgeklapper ein.

Typisch deutsche Charity-Kritik

Trotzdem sagt Heike Makatsch, dass die angespielten Filme sie jedes Jahr zu Tränen rührten: Es geht um Meinungsfreiheit in Burma und Versöhnung nach dem Völkermord, um Kindersoldaten, Ökologie und die Wurzeln des Terrors. Katja Riemann hält Charity-Kritik für typisch deutsch. Noch vor Jahren hätte sie selbst lieber die teuren Kleider verkauft und den Erlös an Hungernde gespendet. Heute sieht sie das anders. Sie ruft Oscar-Preisträger Danis Tanovi („No Man’s Land“) zu Hilfe: „Der ist schlauer als ich.“

Merkwürdig, sagt der Regisseur, beim Abendessen mit den Katastrophen dieser Welt konfrontiert zu werden. Aber die Schönen und Reichen im Saal könnten genauso gut dinieren, ohne solche Bilder anzuschauen. Also gut. Würde trotzdem bitte jemand vom „Talent Campus“ der Berlinale ein überzeugendes Veranstaltungskonzept entwickeln?

Wer bei Boss feiert, gehört dazu

Plötzlich ist Sommer. Die Stadt ist immer noch von Eisbuckeln überzogen, aber im Innenhof der italienischen Botschaft wachsen diesen Mittwoch Lorbeer und Oleander. Während die meisten Partys der Berlinale wieder in den gängigen guten Clubs stattfinden, hat Hugo Boss für eine Nacht ein Gewächshaus errichten lassen. In einem kleinen Teich schwimmen Goldfische und falsche Seerosen; es gibt echte Carabinieri, Einlassbändchen aus Stoff und immer kalten Champagner. Das Risotto unter dem Wolfsbarsch ist bissfest.

Im Pflichtkalender des Festivals ist die Party des Modesponsors Kür; wer hier feiert, gehört dazu. Die Klatschreporterinnen haben sich fast so aufgebrezelt wie die Gäste. Die Stimmung ist aufgekratzt und gelöst zugleich.

Ursula Karven – in Boss – sitzt auf einem Hochbeet im Rindenmulch, Iris Berben – in Boss – küsst Germany’s Last Topmodel Barbara Meier auf beide Wangen, über die Sohn Oliver sagt: „Das ist meine Süße.“ Auch Karoline Herfurth trägt Boss. „Als Dankeschön“, sagt sie. Weil es diese Suite im Hyatt gibt, wo man klingeln darf und sich tolle Kleider ausleihen. Die Schauspielerin gehört zu den wenigen Prominenten, die tatsächlich über Festival-Filme reden können.

Es wird getanzt und geknutscht

Die Berben und ihr Begleiter teilen sich eine Zigarette. Wen interessiert jetzt noch, dass nicht geraucht werden darf?Es wird ja sogar getanzt und ein bisschen geknutscht. Model Eva Padberg schwingt einen Arm in die Luft und wiegt sich auf den Holzbohlen, ihr Mann legt den Arm um sie. Bettina Zimmermann gerät mit dem Absatz zwischen die Planken. Sie strauchelt.

Zu Ehren von Hanna Schygulla, die am Donnerstag einen Preis für ihr Lebenswerk bekommt und von der „Vogue“ mit einer Soirée gewürdigt wird, macht Modeschöpfer Dirk Schönberger den DJ: „The Human League“, „D.A.F.“, und „Soft Cell“.

La Schygulla wirkt erschöpft und setzt sich, erst zu Margarethe von Trotta, dann zu ihrer kubanischen Freundin Alicia Bustamante. Im Gewirr der Stimmen hört sie schlecht. Sie ist ätherisch schön, das Herz des Abends. Viele Gäste sind wirklich wegen ihr gekommen, und auch der Geehrten bedeutet die Auszeichnung eine Menge: „Dass ich nicht vergessen bin und beim Publikum noch ankomme.“

Sie erzählt, dass sie einen Bauplatz in Prenzlauer Berg besichtigen will, weil sie mit dem Gedanken spiele, aus Frankreich nach Berlin zurückzukehren. „Es ist mehr ein Ausschau-Halten. Es ist keine Eile.“

„Wer stellt mich Fatih Akin vor?“

Buschgroße, duftende Sträuße in lichtem Rosa-Grün, dekorative Obstschalen mit Erdbeeren und Artischocken und eine fast intime Salonatmosphäre: So entspannt kann feiern sein. „Und wer stellt mich jetzt Fatih Akin vor?“, fragt Wolfgang Joop und geht prompt selbst auf den Filmemacher zu.

Dieter Kosslick streichelt nacheinander Bibiana Beglau und der kleinen Herfurth übers Haar. Sechzig Termine am Tag: Das sei wie ein Marathon, sagt er. Deshalb gehe er Montagmorgen auch zunächst wieder ins Büro: „Da kann man nicht einfach aufhören.“ Erst in der Woche darauf will er verreisen und gezielt die Einsamkeit suchen, weil er dann in dieses Loch falle, das so empfindlich macht. „Ich versuche da, meine Mitte wiederzufinden.“

Filme, Spaß und viel Gerede

Soll so die Woche enden? Im Anschluss an eine Talkrunde mit Roland Emmerich, Leander Haußmann und Til Schweiger hat Tele 5 am Freitag in die „Puro Sky Lounge“ geladen. Der Blick von oben fällt auf die verregnete Gedächtniskirche, aber auch das reißt es nicht heraus.Die selbsternannte „Branchenparty des Jahres“ ist eine Werbeschleife des Privatfernsehens. Deutsche C–Prominenz drängt sich zu Discostampf, es gibt einen Verkaufsstand für Fotoapparate, ein Milchgetränkehersteller mixt Drinks.

In den zehn Minuten, die Bettina Zimmermann nach Bekannten sucht, bekommt sie von einer Promotion-Dame eine Videokamera im Wert von 150 Euro geschenkt. Roland Emmerich wird am Aufzug nach seiner Einlassberechtigung gefragt. Vor den Fotografen flüchten er und seine Clique in den Gang vor den Toiletten. Als er geht, fasst ihn Omar bei der Hand, sein Freund, dieser spindelige Latino mit dem auftoupierten Haar, ein Musiker aus Oklahoma mit Wohnsitz in L. A.

Hannes Jaenicke steht noch im Foyer. Am Vorabend war er mit Emmerich essen bei einem In-Italiener in Charlottenburg. Plötzlich stürmten Zivilpolizisten den vollbesetzten Laden, nahmen den Besitzer mit und schickten Spürhunde durch. Drei Stunden durfte niemand das Lokal verlassen. „Wie in einem frühen Scorsese-Film“, sagt Jaenicke. Seine Berlinale-Bilanz: Filme, Spaß und viele Gespräche über die Nachfolge des Geschäftsführers der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen. Jetzt noch einen Abend Preisverleihung. Und dann mal wieder ausschlafen.

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Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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