Home
http://www.faz.net/-gcc-15mye
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Berlinale: Filme des Wettbewerbs Die Kindheit des Jägers

17.02.2010 ·  „Shekarchi -Zeit der Zorns“ ist ein politischer Film von Rafi Pitts, der den Iran als Brutstätte sinnloser und ansteckender Gewalt ins Blickfeld rückt. Der Wettbewerbsbeitrag „Bal“ von Semih Kaplanoglu bietet das landschaftsintensive Porträt einer anatolischen Imkerfamilie.

Von Andreas Kilb
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Der Jäger ist eine alte Figur des politischen Films. Wenn die Macht des Staates versagt oder irreläuft, nimmt er die Gewaltanwendung selbst in die Hand, sei es, um die alte Ordnung wiederherzustellen oder ihren Untergang zu beschleunigen. In Rafi Pitts' „Shekarchi - Zeit des Zorns“ ist der Mann mit der Flinte im Kofferraum ein Agent der Unordnung. Auf dem Höhepunkt des Films steht Ali, der Held, gespielt vom Regisseur selbst, mit einem Jagdgewehr auf einem Hügel über der Teheraner Stadtautobahn und erschießt den Fahrer eines Polizeiautos. Der Beifahrer will fliehen, aber Ali bringt auch ihn mit einem Distanzschuss zur Strecke. Zuvor hat er erfahren, dass seine Frau und seine Tochter bei einer Demonstration von Ordnungskräften erschossen worden sind. Die Tat ist also ein Racheakt, aber sie hat auch etwas von einem Statement, einem verzweifelten Manifest. Nach den Morden flieht Ali an die Küste, wo er rasch aufgespürt wird. Er fährt einen Chevrolet Camaro, einen Wagen, wie ihn in amerikanischen Krimiserien der siebziger Jahre die detectives benutzen. Als er das Auto wechselt, ist sein Schicksal besiegelt.

Rafi Pitts ist ein intellektueller Cineast, der mit Jacques Doillon und Leos Carax gearbeitet hat und das halbe Jahr über in Paris lebt. Das sieht man seinem Film nicht an. „Zeit des Zorns“ ist so direkt und lakonisch, wie man es mittlerweile vom iranischen Kino gewohnt ist, und zugleich von einer beiläufigen Brutalität, die man bei Kiarostami und den anderen Meistern aus Teheran so noch nicht gesehen hat.

Jegliche Orientierung geht verloren

Dabei lässt Pitts kaum eine Gelegenheit aus, die Erlebnisse seines Amokläufers mit der Gegenwart des Landes zu verknüpfen. Als Ali am Anfang von der Nachtschicht in einer Autofabrik nach Hause fährt, hört er im Autoradio die Stimme des Ajatollahs Chamenei. Sie spricht von großen Veränderungen, die Iran bevorstehen, von den Feinden der islamischen Revolution und der Strafe, die sie erwartet. Ali Alawi ist kein Feind der Revolution, nur ihr privates Opfer. Aber seine Geschichte formuliert den schärfsten denkbaren Widerspruch zu den Sprüchen aus dem Radio. Als Ali schließlich erwischt wird, irrt er mit zwei schwerbewaffneten Polizisten durch den Wald, bis die drei jegliche Orientierung verloren haben. Bald geht es nur noch darum, wer wen zuerst erschießt. Bei Rafi Pitts ist Iran eine Brutstätte sinnloser und ansteckender Gewalt. Und der Chevy, den sein trauriger Jäger fährt, trägt die Farbe der persischen Oppositionsbewegung: grün.

Grün ist auch die Leitfarbe des türkischen Wettbewerbsbeitrag „Bal“ von Semih Kapanoglu, dessen voriger Spielfilm „Süt“ gerade noch in den deutschen Kinos läuft. „Bal“, zu Deutsch „Honig“, erzählt von einer Imkerfamilie, die in einem Bergdorf in Nordostanatolien lebt, Vater, Mutter, Kind. Zu Beginn sieht man, wie der Vater auf der Suche nach einem Bienenstock einen Baum erklimmt, dann knickt ein Ast, und der Imker schwebt zwischen Leben und Tod. Am Schluss erfährt man, dass er abgestürzt und gestorben ist. Die Zeit dazwischen aber gehört seinem kleinen Sohn, der mit seinen siebenjährigen Augen neugierig und verstört auf diese ländliche Welt blickt, auf den Mond, der sich im Wassereimer spiegelt, die Seile und Messer in der Werkstatt des Vaters, das Moos auf den Steinen im Wald.

Das Kino, es ist wahr, hat eine angeborene Neigung zu Kindergeschichten, wahrscheinlich, weil es selbst noch so jung ist unter den Künsten. Und vielleicht machen es sich manche Filme auch zu einfach, wenn sie die Probleme der Welt aus der Perspektive kleiner Jungen und Mädchen betrachten. Aber das gilt nicht für „Bal“. Dieser Film will in Wahrheit nichts weiter, als eine abgelegene und verwunschene Landschaft zu zeigen, ihre Häuser, ihre Dorfschule, ihre Wälder, ihre Bewohner. Und weil seine Grundstimmung das Staunen ist, kann sein Held kein Erwachsener sein. Denn zum Glück des Schauens, wie es „Bal“ seinen Zuschauern gewährt, gehört der Zauber des Anfangs, des ersten Mals. Auch der Jäger war einmal ein Kind.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

Jüngste Beiträge