Home
http://www.faz.net/-gcb-6kxfx
Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Denk ich an Deutschland Eine Frage der Identität

 ·  So richtig glücklich sind die Deutschen nicht mit dem Euro. Das entspricht historischer Erfahrung: Ist eine Währung nicht ruiniert, wird ihre Ablösung nur schwer akzeptiert. Und die D-Mark hat im Herzen der Deutschen eben einen besonderen Platz.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Am 1. Juli 1990, drei Monate vor der Wiedervereinigung, kam die D-Mark zu den Bürgern der DDR. Auch bei ihnen galt die West-Währung als Garant für Wohlstand und Stabilität, seit Anfang der fünfziger Jahre das westdeutsche Wirtschaftswunder begonnen hatte. Von der Gründung bis zur Auflösung der DDR kamen fast vier Millionen „Republikflüchtige“ und legal Ausgereiste zu ihr. Viele Zurückgebliebene waren froh, wenn sie aus dem Westen D-Mark geschenkt bekamen, die sich in der DDR faktisch zu einer Parallelwährung entwickelt hatte. Diese verschaffte Zugang zu Gütern und Diensten, die gegen Zahlung in Mark der DDR entweder nicht oder nicht so schnell zu haben waren. Bis zu ihrer Ablösung durch den Euro blieb die D-Mark, in West und Ost, eine Erfolgsgeschichte: „Vom Besatzungskind zum Weltstar“, wie Hans Roeper es schon 1978 in seinem Buchtitel ausdrückte. Sie war die einzige Markwährung Deutschlands, die abgeschafft wurde, ohne gescheitert zu sein.

Genau das aber wurde ein Hindernis für die Akzeptanz des Euro. Nach Allensbach-Umfragen bekundeten im Januar 2002 angesichts des reibungslosen Bargeldumtausches 49 Prozent der inländischen Bevölkerung großes Vertrauen in die neue europäische Gemeinschaftswährung. Bis zum November 2002 war dieser Prozentsatz – wohl im Zusammenhang mit dem Gefühl, man habe sich eher einen „Teuro“ eingehandelt – auf 21 gefallen. Danach nahm das Vertrauen wieder zu, 2007 auf 31, 2009 sogar auf 44 Prozent – womöglich als Folge der Finanzkrise, welche die Nützlichkeit des Euro als Schutz vor Währungskrisen demonstriert hatte. Die Schuldenkrise Griechenlands und anderer Euro-Länder sowie die Rettungspakete der EU und des IWF aber haben 2010 den Prozentsatz wieder auf 32 gedrückt. Zwei Feststellungen legen allerdings nahe, dass der Euro bei den Deutschen doch eine Zukunft hat: Von den unter Dreißigjährigen wünschten sich im April 2010 nur 31 Prozent die D-Mark zurück – gegenüber 62 Prozent bei denjenigen, die 60 Jahre und darüber waren. Nur neun Prozent der Befragten hielten eine Abschaffung des Euro und die Rückkehr zur D-Mark in Deutschland für möglich.

Wer heute noch in D-Mark umrechnet

Im Alltag blieb der D-Mark in großen Teilen der Bevölkerung die Funktion einer Recheneinheit erhalten. 2008 wurde geschätzt, dass etwa die Hälfte der Deutschen Euro-Preise noch in D-Mark umrechnen, vor allem wenn sie eine besonders starke Preiserhöhung wittern. Das ist bei einem Umtauschkurs von 1 zu 1,95583, also rund 1 zu 2, natürlich viel einfacher als etwa für Österreicher mit ihrem Euro-Schilling-Verhältnis von 1 zu 13,7603. Unsere Nachbarn mussten ihre Wahrnehmung schon deshalb schneller als wir in Deutschland umstellen. Doch je älter jemand ist, umso stärker hat sich das Preisgefüge in der alten Währung als Beurteilungsmaßstab für „teuer“ oder „billig“ in sein Bewusstsein eingeprägt. Ein Finanzpsychologe meinte 2008, wer heute noch in D-Mark umrechne, der werde das sein Leben lang tun.

Nun ist die Einführung eines neuen Zahlungsmittels meistens ein heikler Vorgang. In der Geschichte der Markwährung in Deutschland waren wie anderswo die Bildung und die Auflösung von Staaten und Staatsformen mit Währungsumstellungen verbunden. Das galt für die Gründung des Deutschen Reiches 1871, für den Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik, für die Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR 1949, der ein Jahr zuvor zwei separate Währungsreformen vorausgegangen waren, sowie für den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik 1990. Gegen neue Währungen gab es keine Widerstände in der Bevölkerung, wenn die alten durch Kriege und Revolutionen ruiniert waren, wie 1923 und 1948. Die Finanzierung der Weltkriege und der Kriegsfolgeausgaben aus der Notenpresse hatten die Mark beziehungsweise die Reichsmark wertlos gemacht. Damals sehnte sich die Bevölkerung nach Reformen, die eine neue stabile Währung schaffen würden. Auch bei der Einführung der D-Mark in der krisengeschüttelten DDR zum 1. Juli 1990 war dies der Fall.

Der Vorteil der Aversion vor der Inflation

Durch Meinungsumfragen ist empirisch festgestellt worden, dass es wegen der beiden extremen Weltkriegsinflationen in der deutschen Bevölkerung eine größere Inflationsaversion gibt als in den meisten anderen europäischen Ländern. Schon Reichskanzler Heinrich Brüning habe nur deswegen seine rigorose Deflationspolitik Anfang der dreißiger Jahre politisch durchsetzen können. Diese kollektive Angst mag ein Grund dafür sein, dass die deutschen Gewerkschaften seit Gründung der Bundesrepublik für vergleichsweise maßvolle Lohnabschlüsse zu haben waren. Aber Lohnzurückhaltung hatte in den frühen Wirtschaftswunderjahren vor allem dieselbe Funktion, die sie auch heute in der Euro-Währungsunion hat: Sie soll ein exportorientiertes Wirtschaftswachstum erzeugen. Dass die Aversion vor der Inflation in anderen europäischen Ländern weniger stark ausgeprägt ist, erschwert es diesen, im Wettbewerb mit der deutschen Wirtschaft mitzuhalten.

Ein Blick in die Historie zeigt ein paar erhellende Parallelen zwischen der Einführung des Euro und, ausgerechnet, der Einführung der Markwährung nach der Reichsgründung 1871. Im Unterschied zu den Währungsreformen 1923, 1948 und 1990 in der DDR waren bei der Einführung der Mark zu Lasten der verschiedenen Währungssysteme in Deutschland damals erhebliche Widerstände zu überwinden. Die existierenden Währungen hatten auch durch den Krieg mit Frankreich nicht an Stabilität und Vertrauen verloren. Aber sie waren unpraktisch geworden für die Abwicklung des mit der Industrialisierung stark gewachsenen Handels. Natürlich wollte auch der neue einheitliche Bundesstaat seine währungspolitische Souveränität zum Ausdruck bringen. Neben der Verteilung währungspolitischer Kompetenzen zwischen Reich und Einzelstaaten war zum einen die Frage nach der Bindung der neuen Währung nur an das Gold oder im Rahmen einer Doppelwährung auch an das traditionell vorherrschende Silber besonders strittig. Zum anderen musste um einen mehrheitsfähigen Namen für die neue Währungseinheit gerungen werden.

Erwartungen auf Wohlstandssteigerung

Die faktische Leitwährung des Zollvereins, der Taler der Großmacht Preußen, ließ sich ebenso wenig durchsetzen wie beispielsweise der Gulden der süddeutschen Staaten. Der diplomatisch versierte Präsident des Reichskanzleramts, Rudolf Delbrück, der die Empfindlichkeiten der nichtpreußischen Landesfürsten kannte, schrieb die Mark zu 100 Pfennigen als Währungseinheit in den Entwurf für das Gesetz „betreffend die Ausprägung von Reichsgoldmünzen“, das nach kontroversen Beratungen am 4. Dezember 1871 als ein erster Schritt auf dem Weg zur Goldwährung in Kraft trat.

Trotz des Übergangs zur Mark hatte Preußen seiner alten Währung einen kleinen Vorteil verschafft: Der Goldgehalt der auszuprägenden 10- und 20-Mark-Münzen wurde so festgelegt, dass der weiterhin gültige preußische Silbertaler exakt 3 Mark in Gold wert war, während ein süddeutscher Silbergulden 1,71 Goldmark entsprach. Deutschland hatte die exotisch anmutende Mark als Währung eingeführt, die es damals nur in der Freien und Hansestadt Hamburg und dort ohne Münzprägung nur als Buchgeld der 1619 gegründeten Hamburger Bank gab. Hilfreich für die Akzeptanz der Mark war, dass Hamburg zwar deutsch, aber kein Rivale um politische Macht in Deutschland war. Aber es war seit Jahrhunderten ein äußerst erfolgreiches kleines Staatsgebilde. Vom reichen Hamburg den Namen der Währungseinheit zu übernehmen bedeutete auch, Erwartungen auf Wohlstandssteigerung zu stärken.

Erhebliche Widerstände in der Bevölkerung

Dass Deutschland bis 1913 nur noch hinter den Vereinigten Staaten, aber vor England auf Platz zwei der Rangliste der Industrieländer aufgestiegen war, erfüllte solche Erwartungen tatsächlich. Aber im Ersten Weltkrieg zerrann ein Großteil des Wohlstands wieder, und die jahrzehntelang stabile Mark, seit Kriegsausbruch vom Gold abgekoppelt, endete in einer vernichtenden Hyperinflation sowie in einer Währungsreform mit Umstellung auf die wieder goldgedeckte Reichsmark.

In drei zentralen Aspekten ähnelt die Einführung des Euro der Einführung der Markwährung im Deutschen Reich: Die zugunsten der Einheitswährung abgelösten dezentralen Währungen waren stabil und genossen das Vertrauen der Bevölkerung. Deshalb wurde die Umstellung auf die Gemeinschaftswährung nicht herbeigesehnt; stattdessen gab es in der Bevölkerung erhebliche Widerstände. Es war nicht leicht, und es machte Kompensationen und Kompromisse erforderlich, die Mitgliedsländer des neuen Währungsraums zum währungspolitischen Souveränitätsverzicht zu bewegen.

Mit der Währung gegen den „europäischen Bürgerkrieg“

Ein wichtiger Unterschied liegt allerdings darin, dass die damalige Mark-Währungsunion in dem neu entstandenen Bundesstaat mit eigenen finanzpolitischen Kompetenzen auf eine stabile Grundlage gestellt war. Demgegenüber steht die Euro-Währungsunion auf dem unsicheren Boden eines Staatenbunds, solange dieser sich nicht zu einem Bundesstaat mit eigener Besteuerungskompetenz und Finanzausgleichsregeln weiterentwickelt. Die Finanzhilfe für Griechenland und die Finanzvorsorge für andere Problemländer des Euroraums könnten als Schritte auf diesem Weg der Weiterentwicklung begriffen werden. Leider wird das von unseren Politikern unserer überwiegend skeptischen Öffentlichkeit so nicht vermittelt.

Gerade die politische Funktion des Euro ist bei den Deutschen und anderen Europäern noch nicht zu einer Herzensangelegenheit geworden. Die Gemeinschaftswährung soll die politische Integration Europas vorantreiben und als ein weiteres Bollwerk gegen den Rückfall der Nationalstaaten in einen „europäischen Bürgerkrieg“ wie von 1914 bis 1945 wirken. Im Gegensatz zur Reichsgründungszeit fehlt es heute freilich an Enthusiasmus für den Einigungsprozess, nicht in erster Linie bei den politischen Eliten, sondern bei Europas Bürgern.

Nur wenn diese Begeisterung stark würde, wäre die Übertragung von partikular verteidigten Souveränitätsrechten auf einen europäischen Bundesstaat möglich. Der Gründungsprozess der Vereinigten Staaten zeigt dies ebenso wie die Reichsgründung 1871. In beiden Fällen ebneten größere militärische Konflikte den Weg. Heute müsste man andere Wege finden, um in Europa den Willen zur politischen Integration aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Es wäre, diesmal unter friedlich-demokratischen statt militärischen Vorzeichen, das größte Projekt der europäischen Einigung seit Karl dem Großen. Kein Staat der Welt wäre kulturell reicher und attraktiver.-

„Denk ich an Deutschland“. Unter diesem Titel findet am 22. Oktober 2010 in Dresden zum zweiten Mal eine Konferenz der Alfred Herrhausen Gesellschaft und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung statt. Entscheidungsträger und andere kluge Köpfe diskutieren über den Zustand des Landes, welche Stärken und welche Schwächen es hat - und was wir daraus lernen müssen.

Der Autor lehrte bis 2007 als Professor für Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsgeschichte an der FU Berlin.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen