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Ronny Weller Dem Gewichtheben droht eine düstere Zeit

26.08.2004 ·  Dann der fatale 200-Kilo-Versuch, überrissen und der verhängnisvolle Versuch, die Last noch zu halten. Weller hielt sich sofort die Schulter, probierte noch ein paar Stoßübungen in der Aufwärmhalle.

Von Christian Eichler, Athen
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Vier Zentner über dem Kopf, die nach hinten wegkippen, dabei ein "knirschendes Geräusch" in der Schulter - vielleicht ist so die sportliche Karriere von Ronny Weller zu Ende gegangen. "Vielleicht bin ich mit 35 Jahren zu alt für diese Scheiße." Mit diesen harschen Worten stürmte der einst stärkste Mann der Welt nach dem tristen Abgang vom Heberpodium durch den Keller der Nikaia-Halle in Athen, bei der letzten und schwersten Heber-Entscheidung der Olympischen Spiele.

Der Versuch, etwas Einmaliges zu schaffen, als erster Gewichtheber bei fünf Olympischen Spielen Medaillen zu gewinnen, ging schief. "Wie das eben so ist bei älteren Formel-1-Fahrzeugen", sagte mit melancholischem Humor Mannschaftsarzt Bernd Dörr, der als erste Diagnose einen Sehnenabriß in der Schulter vermutete, aber nicht überrascht schien: "Es gibt ja offenbar einen Grund dafür, daß noch niemand fünf Medaillen gewann." Mit Mitte dreißig ist man noch jung, doch nicht mit der Last dieser Sportart: Sein Vater und früherer Trainer Günter Weller hatte den Sohn schon vor Olympia als "alten Mann" bezeichnet.

Die Worte klangen fast wie ein Nachruf

Vor 16 Jahren gewann der gebürtige Vogtländer für die DDR in Seoul Bronze, wurde dann Olympiasieger 1992 und zweimal, 1996 und 2000, Olympiazweiter. Nun aber scheint diese für einen Stemmer in der schwersten Gewichtsklasse unglaublich lange Laufbahn zu Ende. Bundestrainer Frank Mantek war "ganz wehmütig". Seine Worte klangen fast wie ein Nachruf: "Ronny war der größte Gewichtheber, den Deutschland je hatte." Weller selbst sagte nach der ersten Enttäuschung, er wolle "eine Nacht darüber schlafen", ehe er sich entscheidet, ob es weitergeht. Der Ärger, sagte Weller, werde aber erst richtig kommen, wenn er sich das Ergebnis ansehe. Aus dem wird nämlich deutlich, daß der große Traum, "Geschichte zu machen" mit der fünften Medaille, mehr als realistisch war.

Unter frenetischem Jubel fiel Reza Zadeh auf die Knie

Nur die Goldmedaille war wie schon vor vier Jahren von vornherein außer Reichweite. Sie holte sich wie in Sydney der kolossale Iraner Hossein Reza Zadeh, der nach 210 Kilogramm im Reißen schon mit seinem ersten Stoß von 250 Kilogramm als Sieger feststand und sich daraufhin den Luxus leisten konnte, seinen eigenen Weltrekord im Stoßen zu attackieren. Mit dem letzten Versuch brachte er die 263,5 Kilo nach oben. Unter dem frenetischen Jubel seiner Landsleute in der Halle fiel der Nationalheld auf die Knie, küßte den Boden, dankte dem Himmel und küßte die Aufschrift auf seiner Brust, die den Namen eines besonders starken, frühen Kämpfers für den Islam trägt.

Den Verdacht, der ihn seit seinem Auftauchen aus dem Nichts mit 22 Jahren bei seinem Sieg in Sydney 2000 begleitet, wischte er abermals beiseite: "Mein Glaube verbietet Doping." Reza Zadeh war mit 472,5 Kilogramm, der Einstellung seines eigenen Zweikampf-Weltrekordes und damit zwölfeinhalb Kilo über Wellers Bestmarke, nicht zu schlagen. Doch hinter dem Letten Viktors Scerbatihs (455) patzten die anderen Kandidaten. So hätten Weller 447,5 Kilo gereicht, um statt des Bulgaren Welitschko Tscholakow Bronze zu gewinnen. 450 Kilogramm waren angepeilt.

Weller hielt sich sofort die Schulter

Zunächst, so Mantek, "lief alles nach Plan". Der erste Versuch gelang, 195 Kilo im Reißen, und dann sollte in zwei Schritten die Steigerung bis 205 gelingen. Doch dann der fatale 200-Kilo-Versuch, überrissen und dabei der verhängnisvolle Versuch, die Last noch zu halten. Weller hielt sich sofort die Schulter, probierte noch ein paar Stoßübungen in der Aufwärmhalle. "Doch an Weitermachen war nicht zu denken", sagte Doktor Dörr. Ausgerechnet die Schulter: An Knien, am Rücken, an all den typischen Heber-Körperteilen, die unter der Last von Tausenden Tonnen Eisen über viele Jahre leiden, hatte der Dreizentner-Mann schon Verletzungen und Verschleiß erlitten; doch noch nie an der Schulter.

Kein Resultat unter den ersten Zehn

Für das deutsche Gewichtheben könnte damit eine düstere Zeit anbrechen. Nach dem bitteren Ende im Superschwergewicht hat der Verband, der noch in Sydney durch Weller und Marc Huster zweimal Silber gewonnen hatte, in Athen kein einziges Resultat unter den ersten zehn erzielt. Von den fünf Startern verletzte sich Jörg Mazur schon vor dem Wettkampf, Weller im Wettkampf, und Andre Rohde startete angeschlagen; der 37 Jahre alte Ingo Steinhövel war bei seinen fünften Spielen mit Platz 14 auf Abschiedstour, und der einzige, der jung und gesund war, Andre Rohde, hob "mit weichen Knien", wie Trainer Mantek urteilte: "Und mit weichen Knien kann man nicht heben." Nun droht die Degradierung der Sportart in die unterste Förderstufe. Die Last, diesen Absturz mit einem Kraftakt zu verhindern, hat sogar den stärksten Mann Deutschlands in die Knie gezwungen. Ronny Weller wollte Geschichte machen und hat sich verhoben.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. 8. 2004, Nr. 199
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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