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Kanu Einfach nur Birgit Fischer hinterherpaddeln

27.08.2004 ·  Birgit Fischer hat den deutschen Kajak-Vierer zum Sieg geführt, es war ihr achter Olympiasieg. Auch Christian Gille und Tomasz Wylenzek holten im Canadier-Zweier Gold. Im Canadier-Einer und Kajak-Vierer der Männer gab es Silber.

Von Peter Penders, Athen
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Birgit Fischer war von ihrem Stuhl aufgesprungen, ballte die Fäuste, hielt die Hände vors Gesicht, wippte mit dem ganzen Körper mit - und starrte dabei auf einen Fernseher. Im Grunde ist das ja eine gute Idee, in diesem Pressezelt einen Fernseher aufzustellen, damit alle Journalisten weiter die Rennen verfolgen können. Doch als das deutsche Canadier-Duo Christian Gille und Tomasz Wylenzek da auf dem Bildschirm über die Ziellinie fuhr, war rund hundert Meter entfernt die Pressekonferenz beendet. "Irre, daß die beiden Gold gewonnen haben", sagte die Kanutin, die an diesem Tag doch eigentlich die Hauptfigur war, ging nach draußen und überließ ihren drei jüngeren Kolleginnen den Rest.

So richtig glauben hatten es viele nicht können, als Birgit Fischer im vergangenen Jahr ihren Rücktritt vom Rücktritt erklärt hatte. Nach den Olympischen Spielen in Sydney hatte sie nach ihrer siebten Goldmedaille die Paddel in die Ecke gestellt, eine Zeit lang als Junioren-Bundestrainerin gearbeitet, dieses und jenes rund um den Kanusport gemacht und bei einer PR-Fahrt für das Fernsehen bemerkt, daß ihr dieser Sport immer noch viel, wenn nicht sogar alles bedeutet. "Ich wollte mal sehen, wie weit man in diesem Alter noch kommen kann", sagte die Frau, die 1980 in Moskau ihre erste Goldmedaille gewonnen hat.

"Phänomenal"

Sie kam so weit, wie es die Ungarn wohl befürchtet hatten. Nachdem Birgit Fischer in Australien aus dem deutschen Kajakvierer ausgestiegen war, hatte das einstige Paradeboot nicht mehr viel gewonnen. Im vorigen Jahr war das Flaggschiff der deutsche Kanuflotte gar nur auf dem fünften Platz bei der WM eingelaufen. Da kam der Wunsch der deutschen Vorzeigekanutin, es noch einmal zu versuchen, gerade zur rechten Zeit. Auf der olympischen Strecke von Schinias, eine knappe Stunde von Athen entfernt, lief es genauso, wie es sich der Deutsche Kanu-Verband erhofft hatte. Mit der 42 Jahre alten Birgit Fischer auf der Schlagposition gewann der Vierer wieder soviel an Fahrt, daß sie auf den letzten Metern sogar den Ungarn davonfuhren. "Phänomenal", sagten Chef-Bundestrainer Josef Capousek und Verbandspräsident Ulrich Feldhoff unisono.

"Wir haben alles gegeben, aber am Ende waren wir müde", sagte die Ungarin Kinga Botoa. 450 Meter lang lagen die Ungarn vorne, aber wie in Sydney schob sich das deutsche Boot noch vorbei. Im Ziel jubelte Birgit Fischer sofort und riß die Arme hoch. "Auch wenn das niemand glaubt, man sieht das sofort, ob man vorne ist", sagte die Frau, die sich das richtige Gefühl und das richtige Augenmaß für alles bewahrt hat - für den Wiedereinstieg ins Training, für den Endspurt und für die Zieleinkunft. Die Deutschen lagen nur ganze 19 Hundertstelsekunden vor den favorisierten Ungarinnen.

„Der Mensch ist ja keine Maschine“

"Ich habe nicht gewußt, wer gewonnen hat", sagte die Mannheimerin Carolin Leonhard, "aber ich habe Birgit ja jubeln sehen." Darauf kann man sich wohl so sehr verlassen wie auf alles, was in so einem Vierer mit Birgit Fischer passiert. "Sie gibt mir viel Sicherheit", sagt die 19 Jahre alte Carolin Leonhard, die kaum älter als der Sohn von Birgit Fischer ist, und die an diesem Sonntag auch im Kajak-Zweier mit ihr startet. "Man kann sich auf sie verlassen und sich auf seine eigene Sache konzentrieren", beschreibt Maike Nollen den großen Unterschied zur vorigen Saison, als ihnen die Ungarinnen mit mehr als einer Bootslänge davongefahren waren. "Da hatte ich viel mehr Druck, weil ich ja vorne saß. Jetzt müssen wir einfach nur hinterherpaddeln."

Hinterher paddelte diesmal auch Andreas Dittmer, was für den Neubrandenburger eine gänzlich neue Erfahrung war. Seit 1999 hatte der Weltmeister im Einer-Canadier und Olympiasieger von Sydney kein Rennen mehr über die 1000-Meter-Strecke verloren. Auch in Schinias galt er als eindeutiger Favorit - und mußte mit Silber zufrieden sein. "Ich bin trotzdem stolz über meine Leistung, denn der Mensch ist ja keine Maschine. Selbst wenn man jahrelang dominiert hat, heißt das nicht automatisch, daß man auch hier gewinnt", sagte Dittmer, der mit seinem bekannten Endspurt wie immer noch alles aus seinem Körper herausgeholt hatte. "Aber der Spanier war stärker", sagte der Bankkaufmann, der sich wegen Athen sogar für ein halbes Jahr von seiner Sparkasse hatte freistellen lassen, über den Sieger David Cal. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben: "Morgen greife ich wieder an", kündigte Dittmer für das Rennen an diesem Samstag an.

Tränen nicht zurückzuhalten

So überraschend wie im Einer ging es auch im Zweier-Canadier zu. Erst vor zwei Monaten hatte Trainer Kay Vesely die Positionen im Boot getauscht, statt Tomasz Wylenzek saß nun Christian Gille vorne. Der Wechsel zahlte sich aus, die beiden Deutschen fuhren allen auf und davon. Im Ziel stürzte sich Wylenzek gleich in die Fluten, und feucht ging es auch bei der Siegerehrung zu. Wylenzek konnte die Tränen nicht zurückhalten. "Ich habe immer von Olympia geträumt, und jetzt stehe ich ganz oben auf dem Treppchen", sagte der 21 Jahre alte gebürtige Pole. Auch Gille war tief bewegt. Vor ein paar Wochen war Thomas Zereske, sein früherer Partner im Canadier, an Leukämie gestorben. Mit Zereske war Gille in Sydney Fünfter geworden. "Ich widme ihm den Sieg", sagte Gille, der in Schinias mit einem Trauerflor startete.

Zum Abschluß des ohnehin schon gelungenen Vormittags machte auch der Kajak-Vierer der Männer Capousek mit einer Silbermedaille noch glücklich. "Das ist wie Gold für uns", sagte Björn Bach nach einer wechselhaften Saison des Vierers, vom dem nicht viel in Athen erwartet worden war. Zwei Goldmedaillen, zwei Silbermedaillen am ersten Wettkampftag - da war der gutgelaunte Capousek zum Scherzen aufgelegt: "Der Kajak-Vierer der Frauen ist mit Blick auf Peking 2008 ausbaufähig." Dann wäre Birgit Fischer 46 Jahre alt. Aber wer hätte vor vier Jahren in Sydney schon gedacht, daß sie in Athen ihre goldene Serie bei Olympischen Spiele fortsetzt?

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Jahrgang 1959, Sportredakteur.

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