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Dressurreiten Glamour statt Druck für den alten Rusty

26.08.2004 ·  Ulla Salzgebers bestes Pferd, der lettische Wallach Rusty, ist bereits sechzehn Jahre alt und soll nicht mehr für Punkte piaffieren.

Von Evi Simeoni, Athen
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"Ich möchte einmal wieder sagen können: Komm, wir fahren nach Italien." Das ist ein Herzenswunsch von Ulla Salzgeber. Die Dressurreiterin entspannt für einen Moment ihre Miene, die sie seit Tagen angestrengt zu kontrollieren versucht. Nun zeigt sich, daß diese Olympischen Spiele mehr für sie waren als ein Kampf um Medaillen. Athen bedeutet Ende und Neuanfang. Sie hat die Freude verloren, nicht am Reiten, sondern am Spitzensport, der sieben Jahre lang ihr Leben war.

Sie will damit aufhören, zumindest mit dem Streß der großen Championate. Und sie will einen neuen Anfang machen, sich um ihren Beruf als Ausbilderin von Reitern und Pferden kümmern, "und wieder reiten, weil ich es gerne tue, und nicht für die Funktionäre, den Verband und die Richter." Ihr bestes Pferd, der lettische Wallach Rusty, ist bereits sechzehn Jahre alt und soll nicht mehr für Punkte piaffieren. Und sie selbst ist müde.

Hochkonzentriert und wild entschlossen

Kein Wunder. Im Einzelfinale zeigte sich deutlich, wieviel Energie der Medaillenkampf die schwarzhaarige Amazone kostete. Welch ein finsteres Gesicht sie zur Schau trug! Hochkonzentriert und wild entschlossen, die Lippen zusammengepreßt, die Mundwinkel nach unten gezogen - so preschte sie auf ihrem Pferd los zum letzten Angriff. Aus den Lautsprechern schallten die bombastischen Klänge von Carl Orffs Carmina Burana, als sie den Kampf aufnahm. Doch er war schon verloren.

Jeder wußte, daß ihre Waffen, mit denen sie jahrelang scharf und präzise zugeschlagen hatte, diesmal nicht ausreichen würden gegen die hochgerüstete Rivalin aus den Niederlanden. Die olympische Goldmedaille, das große Ziel der entschlossenen Frau aus Bad Wörishofen, war schon verloren an die Niederländerin Anky van Grunsven mit ihrem jungen und exaltierten Hannoveraner Salinero, der die Piaffen in Serie produziert und bei der Passage seine Beine wirbeln läßt wie ein Revuegirl.

Nun gibt es Glamour statt Druck

Ulla Salzgeber hätte ihrem sechzehnjährigen Letten, mit dem sie auch in Athen wie immer ihren Pflichtbeitrag zur geforderten deutschen Mannschafts-Goldmedaille geleistet hatte, so gerne einen triumphalen Abschied bereitet. Doch auch wenn es Silber wurde - nun ist es vorbei mit den erschöpfenden Kämpfen. Zuhause wartet Wallstreet, auch ein großes vierbeiniges Talent. Wie sie ihn in Zukunft einsetzen wird, weiß sie noch nicht genau. "Es ist auch keine Rede davon, daß Rusty schon in Rente gehen wird", sagt die 45jährige Amazone. "Ich werde ihn weiter reiten, aber zum Vergnügen." Auf Shows soll er auftreten und seine Kunststücke zeigen, ohne daß man ein altersbedingtes Zucken bei der Piaffe gleich panisch bekämpfen müßte, weil die strengen Punktrichter alles sehen. Das Gnadenbrot und die Weide können warten, nun gibt es Glamour statt Druck und der Applaus wird keine unliebsame Störung mehr sein.

Es ist ein Abschied nicht ohne Verbitterung. Trotz aller entbehrungsreichen Jahre hat sie nicht immer das bekommen, was sie sich erträumte. Nicht nur der Einzel-Olympiasieg 2004 entging ihr. Vor zwei Jahren, bei den Weltmeisterschaften in Jerez, beeinträchtige Reisefieber die Form von Rusty, so daß sie mit Platz drei zufrieden sein mußte. Vor vier Jahren, bei den Olympischen Spielen in Sydney, verpatzte sie mit Rusty am ersten Tag den Grand Prix. Auch damals wurde sie Dritte, und das nur, weil sie in der Kür mit eisernen Nerven weiterkämpfte, obwohl mitten in der Prüfung ihre Musik ausgefallen war.

Dopingaffäre veränderte Ulla Salzgebers Leben

Doch nicht wegen der Rückschläge und Nervenproben will Ulla Salzgeber dem Spitzensport den Rücken kehren. Es war die Dopingaffäre um ihr Paradepferd, die sie so verbitterte. Die positive Probe beim Weltcupfinale 2003 veränderte Ulla Salzgebers Leben. Nach dem Gesetz war sie Täterin - doch sie fühlt sich als Opfer. Immer wieder berief sie sich darauf, daß der Befund lediglich auf einer Panne beim Berechnen der Abbauzeit eines testosteronhaltigen Medikaments beruht habe. Viele Kollegen stimmten ihr zu, daß das Anti-Doping-Reglement der Internationalen Reiterlichen Vereinigung zu absurden Ergebnissen führen kann, denn es verbietet im Wettkampf auch minimale Rückstände von Substanzen, während gleichzeitig die Analysemethoden immer mehr verfeinert werden.

Es folgte auf internationaler Ebene eine Geldstrafe, auf nationaler Ebene eine zweimonatige Sperre. Bei den Europameisterschaften im vergangenen Jahr in Hickstead, wo sie mit der Mannschaft und im Einzel siegte, durfte sie trotz eines laufenden Verfahrens starten, weil die Deutsche Reiterliche Vereinigung eigens für ihren Fall das Reglement änderte. Und an den Olympischen Spielen in Athen durfte sie nur teilnehmen, weil das Nationale Olympische Komitee für Deutschland nach einer Einzelfallprüfung eine Ausnahme machte. So wurde aus dem Dressurstar ein Aktivposten in der Medaillenstatistik. "So etwas verändert einen", sagt Ulla Salzgeber, "diese Erfahrung vergißt man nicht."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. 8. 2004, Nr. 199.
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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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