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Verdächtige Siegerin Arbeitszeitverkürzung

26.08.2004 ·  Im vergangenen Jahr nicht konkurrenzfähig, jetzt Olympiasiegerin. Selbst Griechen wundern sich nach dem Triumph von Fani Halkia über 400 Meter Hürden: „Wir wissen nicht, von welchem Planeten sie kommt.“

Von Hans-Joachim Waldbröl, Athen
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Fani Halkia hat die zweite leichtathletische Goldmedaille für Griechenland "mit einem Pferdevorsprung" gewonnen. Ein interessanter, womöglich verräterischer Vergleich, den sich diesmal nicht etwa neidische Ausländer einfallen ließen.

Einheimische Zeitungen griffen für die läuferische Überlegenheit der modernen Olympionikin ein Sprachbild auf, das vor rund achtzig Jahren ein in Griechenland nicht ganz unbekannter Franzose in die Welt des Sports gesetzt hat. Der idealistisch denkende, aber pragmatisch handelnde Pädagoge Pierre de Coubertin, der die Spiele 1896 zum erstenmal heimbrachte, hatte die schon damals offenkundige Kehrseite der Medaille mit einem praktischen Beispiel beschrieben: "Eine Leistung ist dann unnatürlich, wenn die Athleten gedopt sind wie die Pferde."

Heute rücken die menschlichen "Rennpferde" ins harte Schlaglicht einer immer kritischer hinschauenden Öffentlichkeit, die am Mittwoch abend, ob am Fernseher oder im vollbesetzten Athener Olympiastadion, nicht schlecht staunte. Da stürmte eine im vergangenen Jahr selbst in ihrer hellenischen Heimat unbekannte, geschweige denn der internationalen Konkurrenz aufgefallene Hürdenläuferin durch die Runde. Und als sie, schier aus dem Häuschen vor Begeisterung über sich selbst, ankam, da war die olympische Sensation perfekt: Fania Halkia stand am Ziel ihrer fantastischen Träume, die Kenner der Leichtathletik vor wenigen Monaten noch für ein bloßes Hirngespinst gehalten hätten.

Der größte zeitliche Abstand seit 20 Jahren

Die 25jährige Frau aus Larissa in Mittelgriechenland gewann, nachdem ihr schon im Halbfinale in 52,77 Sekunden ein olympischer Rekord geglückt war, das Finale in 52,82 Sekunden. Ihr Vorsprung vor der Rumänin Ionela Tirlea-Manolache betrug 44 Hundertstelsekunden - der größte zeitliche Abstand seit 20 Jahren, den auf dieser mit zehn Hindernissen gespickten Runde eine Erste vor der Zweiten ins Ziel gebracht hat. Damals, bei der olympischen Premiere dieser Frauendisziplin 1984 in Los Angeles, siegte als erste Mohammedanerin die Marokkanerin Nawal El Moutawakel. Das heutige Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, diesmal Medaillenüberbringerin an Fani Halkia, hatte seinerzeit 59 Hundertstelsekunden voraus gehabt.

Arbeitszeitverkürzung um 3,73 Sekunden

Der Zeitsprung, von dem hier die Rede ist und der die neue Heldin des griechischen Sports gleich ins Gerede bringt, mißt sich allerdings nicht nach Hundertsteln. Um exakt 3,73 Sekunden verkürzte Fani Halkia ihre sportliche Arbeitszeit innerhalb eines Jahres. Selbst ihre griechischen Erfolgen und Verbesserungen stets aufgeschlossenen Landsleute standen verblüfft da: "Wir wissen nicht, von welchem Planeten sie kommt." Gar nicht so weit weg, dieses Larissa, knapp 400 Kilometer nördlich von Athen und viel näher dran am Dopingbeben mit Zentrum Athen, das vor diesen Spielen ganz Griechenland erschüttert hat.

Und ziemlich dicht dran am Skandal um Christos Tsekos, den als Dopinghändler entlarvten Trainer der wegen ihres offensichtlich nicht ersten Sündenfalls aus dem olympischen Paradies verwiesenen Sprinter Konstantinos Kenteris und Ekaterini Thanou. Fani Halkias Trainer heißt ganz anders: Jorgos Panayotopoulos. Er war zu aktiven Zeiten 200-Meter-Läufer wie der entehrte Olympiasieger von Sydney 2000, Konstantinos Kenteris. Und er hatte sogar den selben Trainer: Christos Tsekos. "Ja, das stimmt", sagt Fani Halkia, aber sie bestreitet auf der Stelle jede sachliche Ähnlichkeit mit den aktuell handelnden Personen. "Mein Trainer hatte viele Trainer, einer war auch Tsekos." Zu ihr, da bestehe "nicht wirklich eine Verbindung".

Harte Arbeit, die aus Stretching und Warming up besteht

Ihre enorme Beschleunigung, die zum Beispiel am 11. Juni dieses Jahres während der griechischen Meisterschaften von 56,05 auf 54,88 Sekunden gemessen wurde, dürfe doch niemanden erstaunen. "Wenn sie", beschied die Triumphatorin frech einen vorsichtigen Frager, "Ahnung von der Leichtathletik hätten, dann wüßten sie, daß man mit harter Arbeit sehr wohl so eine Steigerung erreichen kann." Harte Arbeit, das definiert sich für Fani Halkia zum Beispiel als "Stretching, Warming up". Da läuft es allen, die nur ein bißchen Ahnung von Trainingslehre, Umfängen und Belastungen haben, kalt den Rücken runter. Doch solche Zweifel weist die Befragte herablassend zurück: "Alle, die das nicht so sehen, sind eben nicht aus dem Stoff, aus dem wir sind."

„Wir sind geboren, die Ersten zu sein“

Hoffnungslos sind die Versuche, ihr klarzumachen, daß Kenner und Skeptiker bei solchen Leistungssprüngen hellhörig werden, nicht nur bei griechischen Athleten. Aber auch dafür hat Fani Halkia eine überhebliche Antwort parat: "Wir sind geboren, die Ersten zu sein." Doch wenn jemand in dieser Kürze der Zeit, auf diese Art, mit diesen Begleitern Erste wird, dann rückt überall in der Welt, schließlich auch in den Vereinigten Staaten, der Trainer als Schlüsselfigur ins Blickfeld und gerät ins Kreuzfeuer. "Ja, das ist zu erwarten - so wie der Journalismus ist."

Der Nachsatz ist bemerkenswert, denn er leitet eine kurze, heftige Lektion der früheren Fernsehjournalistin an ihre Kollegen ein: "Kümmern sie sich um die Tatsachen, verbreiten sie keine Spekulationen." Wie angeblich im Fall von Kenteris und Thanou: "Ich stehe ihnen bei. Ich kenne sie. Ich weiß, wie hart sie gearbeitet, wie viel sie trainiert haben." Fani Halkia verteidigt die notorischen Kontrollflüchtlinge mit einer Verve, die keinen Zweifel läßt: Mit den Schutzbehauptungen zum Thema Kenteris und Thanou verteidigt sie sich selbst. Sie fühlt sich, nicht zu Unrecht, als eine öffentlich Angeklagte, dreht den Spieß um und schlüpft in die Rolle der empörten Anklägerin: "Die beiden werden an die Wand gestellt." Übrigens auch von ihren eigenen Landsleuten. "Das ist eine Ungerechtigkeit." Darüber läßt sich bei dreisten Sprintern, die andauernd Dopingkontrollen unterlaufen haben, eigentlich nicht streiten. "Sie sind nicht einmal positiv getestet worden."

Wie denn auch, wenn sie dauernd wegrennen. Aber Fani Halkia bleibt standfest - in ihrer Doppelrolle und bei ihren Ausflüchten. Mal sehen, wie weit sie damit kommt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. 8. 2004, Nr. 199.
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