27.08.2004 · Der Skandal um ungarische Dopingsünder eskaliert. Hammerwurf-Sieger Annus verweigerte eine Probe, die Kontrolleure mußten in Ungarn von der Polizei beschützt werden. Silber-Gewichtheber Gyurkovics wurde mit Steroiden erwischt.
Nach Gastgeber Griechenland ist nun Ungarn zum Zentrum des olympischen Doping-Skandals geworden. Nach Diskus-Olympiasieger Robert Fazekas droht auch Hammerwurf-Goldmedaillengewinner Adrian Annus und dem Olympia-Zweiten im Gewichtheben, Ferenc Gyurkovics, wegen Dopingvergehen die Aberkennung ihrer in Athen gewonnenen Medaillen.
Annus ließ am Freitag die ihm vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) gesetzte Frist für eine nachträgliche Doping-Kontrolle verstreichen. Dies bestätigte der österreichische Kontrolleur Karl-Heinz Demel.
Polizei muß Kontrolleure schützen
Gyurkovics, Olympia-Zweiter in der Gewichtsklasse bis 105 kg, ist nach Angaben des ungarischen Nationalen Olympischen Komitees (NOK) bei einer Dopingkontrolle positiv auf das anabole Steroid Oxandrolon getestet worden. Er sollte noch am Freitag von der IOC-Disziplinarkommission angehört werden. Die ungarische Teamleitung hat eine Gegenprobe gefordert. „Ein Test von Gyurkovics vor dem Wettkampf hat ein negatives Ergebnis gebracht. Wir können uns das nicht erklären“, sagte Ungarns Gewichtheber-Präsident Tamas Dolovai.
Zum Eklat war es bei einem Nachtest des Hammerwurf-Olympiasiegers Annus gekommen. Die IOC-Kontrolleure wollten überprüfen, ob es bei der Wettkampfkontrolle am vergangenen Sonntag durch Abgabe von Fremdurin einen Manipulationsversuch durch den Athleten gegeben hatte. Bei dem bislang einmaligen Versuch, den überraschend zurückgetretenen Magyaren vier Tage nach seinem Gold-Gewinn von Athen in seinem Haus in Jak noch einmal zu testen, wurden sie am Donnerstag jedoch von einer aufgebrachten Menge bedroht. Sie konnten sich nur unter Polizeischutz in Sicherheit bringen, bestätigte der Sprecher des ungarischen Olympia-Teams, Deszö Vad, in Athen.
Auch Annus wird seine Medaille wohl verlieren
Daraufhin hatten die Kontrolleure Annus ein Ultimatum bis Freitagnachmittag, 17.00 Uhr Athen-Zeit, gesetzt. Er sollte bis dahin zum Grenzübergang Schachendorf kommen. Doch die Kontrolleure warteten zusammen mit drei ungarischen TV-Teams vergeblich. „Ich habe keine Nachrichten bekommen, telefonisch war niemand erreichbar. Ich habe dem Team nun den Auftrag gegeben, abzureisen“, sagte Demel, nachdem er das IOC und die Welt-Antidoping-Agentur (WADA) informiert hatte.
Das IOC muß nun entscheiden, ob es dies als Verweigerung einer Dopingprobe bewertet. In diesem Fall würde Annus wie seinem Trainingskollegen Fazekas das Gold aberkannt werden. „Ich nehme an, wenn er den Test verweigert, wird er nach den Regeln seine Medaille verlieren“, hatte Ungarns NOK-Präsident und IOC-Mitglied Pal Schmitt noch vor Ablauf der Frist gesagt.
Russischer 400-m-Läufer erwischt
IOC-Präsident Jacques Rogge sagte, ohne auf den speziellen Fall Annus einzugehen, daß man auch einen DNA-Test von Urin machen könne, um festzustellen, von wem er stamme. „Dies ist etwas, was wir in unserem Waffenarsenal haben. Bisher haben wir es nicht gebraucht, aber wir haben die Möglichkeit und werden sie vielleicht in der Zukunft nutzen“, sagte der Belgier und betonte noch einmal: „Je mehr Doping-Fälle wir aufdecken, umso mehr gewinnt der Sport an Glaubwürdigkeit.“
Dies ist dem IOC am Freitag mit dem russische 400-m-Läufer Anton Galkin gelungen. Wie der russische IOC-Vizepräsident Witali Smirnow mitteilte, war der Läufer am 21. August nach dem 400-m-Halbfinale positiv auf das anabole Steroid Stanozolol getestet worden. Der von den Athen-Spielen ausgeschlossene Leichtathlet war Vierter der Vorschlußrunde geworden und hatte damit das Finale nicht erreicht.
„Die IAAF ist ein korrupter Verein“
In die Kritik geraten ist der Leichtathletik-Weltverband IAAF, der die des Dopings verdächtigten griechischen Sprinter Kostas Kenteris und Ekaterini Thanou bis zum Abschluß eigener Ermittlungen nicht suspendiert. Für den deutschen Olympia-Teamarzt Wilfried Kindermann ist diese Entscheidung unverständlich: „Die Sportler haben dem Verband auf dem Kopf rumgetanzt, ohne daß dieser Konsequenzen gezogen hat“, sagte der Mediziner. Die IAAF müsse ihrer Verantwortung gerecht werden, die sie vor allem „für ehrliche, nicht gedopte Sportler“ trage, forderte Kindermann.
Hart ins Gericht geht auch der Heidelberger Doping-Experte Werner Franke mit dem Weltverband. „Die IAAF ist ein korrupter Verein“, meinte der Molekularbiologe. Schließlich sei Thanou bereits 1997 unbehelligt geblieben, obwohl in Dortmund ein deutscher Kontrolleur handgreiflich an einem Test gehindert worden war. „Die IAAF hat nichts gelernt, was soll man da noch sagen“, so Franke.