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Pfiffe im Stadion Schall und Lauf

27.08.2004 ·  Die Affäre Kenteris will einfach nicht enden. Als die Sprinter zum 200-m-Finale antraten, empfingen die griechischen Fans sie mit einem gellenden Pfeifkonzert. Sie wollten nicht akzeptieren, daß ihr gefallener Held nicht mitlaufen durfte.

Von Hans-Joachim Waldbröl, Athen
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Das olympische Frühstücksfernsehen tischt jeden Morgen die Highlights vom Vorabend auf. Im Angebot ist ausschließlich einseitige Kost: griechische Erfolge. Als Kostprobe vom Donnerstag abend zum Beispiel wurden sieben Sprinter serviert, die minutenlang an ihrem Arbeitsplatz herumstanden, als warteten sie geduldig auf den achten Mann, den Jamaikaner Asafa Powell, der schließlich doch nicht zum Dienst erschien. Oder als vertrieben sie sich die letzten Minuten eines anstrengenden Tages vor der Stechuhr, um sich endlich ins lange Wochenende verabschieden zu dürfen. Oder als gönnten sie sich eine gemeinsame Zigarettenpause.

Natürlich war nichts von alldem der Fall. Aber einerseits ins Bild gesetzt, andererseits ohne O-Ton aus dem Olympiastadion gelassen, mußte sich der Zuschauer seinen eigenen Reim auf die Szene machen - und blieb sprachlos: War das der größte griechische Erfolg des Abends, vielleicht sogar der Spiele, daß Volkes Stimme aus fast 75.000 Kehlen die Finalisten des 200-Meter-Laufs anpfiff und ausbuhte?

Vom Nationalismus geblendet

Daß es den Amerikanern Shawn Crawford (19,79 Sekunden), Bernard Williams (20,01), Justin Gatlin (20,03), dem Namibier Frankie Fredericks (20,14), dem Portugiesen Francis Obikwelu (20,14), dem Mauritier Stephane Buckland (20,64) und dem Kornwestheimer Tobias Unger (20,64) den verdienten Respekt versagte, ihre Konzentration durch gellende Pfeifkonzerte rauben wollte? Nur weil das herbeigeschriene "Phantom der Laufbahn", Konstantinos Kenteris, aus wohlbekannten, unguten Gründen, nicht mitrennen durfte?

Ganz persönlich betroffen und getroffen waren der neue Olympiasieger Shawn Crawford, der beim griechischen Publikum als Nachfolger des diesmal aus moralischen Gründen am Start gehinderten Goldmedaillengewinners von Sydney 2000 natürlich keinen Blumentopf gewinnen konnte. Und Frankie Fredericks, dem die vom Nationalismus geblendeten, selbstsüchtigen Zuschauer das olympische Abschiedsrennen verdorben haben.

"Mir geht das nahe, und ich bin auch ein bißchen traurig“

Der bald 37 Jahre alte Namibier, der gerade von den über 10.000 Athleten aus aller Welt mit dem besten Ergebnis (1849 Stimmen) ins Internationale Olympische Komitee gewählt worden ist, übernahm sogleich die Aufgabe des Vermittlers und Schlichters: Er legte immer wieder den rechten Zeigefinger vor die Lippen, versuchte mit beschwichtigenden Gesten die Wogen zu glätten. Ohne hörbaren Erfolg und mit einem für ihn unbefriedigenden sportlichen Ergebnis: "Mir geht das nahe, und ich bin auch ein bißchen traurig. Ich wollte mich mit einer Medaille verabschieden", sagte der viermalige Olympiazweite über 100 und 200 Meter, "aber nun muß ich mit dem vierten Platz glücklich sein."

Die störenden Schallwellen waren schließlich doch noch über den Startschuß hinweggeschwappt - aber nur für den allein will Crawford ein offenes Ohr gehabt haben: "Unser Trainer hat uns darauf vorbereitet, daß so etwas passieren könnte. Also haben wir uns sehr gut darauf einstellen können." Sein Teamkamerad Gatlin wollte die Sache nicht so pragmatisch auf sich beruhen lassen und ließ seinem Unmut über die unfairen Störmanöver freien Lauf. "Ich verstehe ja die Griechen, daß sie ihren Favoriten in diesem Rennen sehen wollten." Aber deshalb dürfe man die ausländischen Sportler, die nichts mit dem Skandal zu tun hätten, doch nicht bestrafen: "Wir trainieren unser ganzes Leben für die Olympischen Spiele. Wir jedenfalls wünschen keinem anderen Athleten Schwierigkeiten oder Pech."

Diese typische Stärke amerikanischer Sportler

Der Tunnelblick, das Abschotten gegen den Rest der Welt, diese typische Stärke amerikanischer Sportler, mag ihnen die selbstgestellte Aufgabe erleichtert haben: Eins, zwei, drei haben Crawford, Williams und der 100-Meter-Sieger Gatlin sich alle drei Medaillen geschnappt wie zuvor schon das amerikanische Trio der Langsprinter über 400 Meter. Ihre Freude jedoch hielt sich in emotionalen Grenzen, zumindest Crawford schien vom griechischen Tohuwabohu genervt.

Dabei hat der 26jährige Showman, der in Raleigh in North Carolina gemeinsam mit Justin Gatlin beim umstrittenen Trevor Graham trainiert, gar nichts gegen ein bißchen Affentheater. Im letzten Frühjahr trat Crawford in einer beliebten "Mensch gegen Tier"-Serie zuerst gegen eine Giraffe und dann gegen ein Zebra an. Die Giraffe hängte er ab, das Zebra zeigte ihm die Hufe - auch im Revancherennen, das Crawford herausgehandelt hatte, weil der gestreifte Vierbeiner ein gerissener Sprinter sei und seinen Sieg einem Fehlstart verdanke.

Auf dieser Geschichte, die der menschliche Verlierer inzwischen wohl selbst nicht mehr so lustig findet, reiten seine amerikanischen Landsleute immer noch gerne herum. Und wichtiger als sein olympischer Triumph über die zweibeinigen Mitläufer war ihnen die Frage, wie der animalische Kräftevergleich wohl an diesem denkwürdigen Abend in Athen ausgegangen wäre. Crawford tat ihnen den Gefallen und behauptete: "Ja, okay, heute hätte ich das Zebra geschlagen." Nicht daß das Zebra Wind von dieser Herausforderung bekommt - und nun seinerseits Revanche fordert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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