29.08.2004 · Nach der Niederlage von Marion Jones und Co. erlebten auch die amerikanischen Sprintstars um die Olympiasieger Crawford und Gatlin ihr blaues Staffel-Wunder. Hicham El Guerrouj siegte auch über 5000 Meter.
Hicham El Guerrouj wandelt nach seinem historischen Doppelsieg bei den Olympischen Spielen in Athen auf den Spuren des legendären Paavo Nurmi.
Vor 65.000 begeisterten Zuschauern wehrte der 29 Jahre alte Marokkaner am Samstag abend im 5000-Meter-Rennen alle Angriffe ab und holte sich in 13:14,39 Minuten seine zweite Goldmedaille nach dem Zittersieg auf seiner Lieblingsstrecke 1500 Meter. Dieses Double hatte letztmals vor 80 Jahren der finnische Wunderläufer Nurmi geschafft. Der äthiopische 10.000-Meter-Olympiasieger Kenenisa Bekele (13:14,59) mußte sich knapp geschlagen geben. „Ich denke, das war ein historischer Sieg“, jubelte El Guerrouj. „Meine Strategie hat funktioniert, der Rhythmus stimmte, und ich konnte das Tempo mitgehen.“
Deutsche Staffel auf Platz sieben
Um eine Hundertstelsekunde verpaßte dagegen das amerikanische Sprintquartett mit 100-Meter-Olympiasieger Justin Gatlin und 200-Meter-Olympiasieger Shawn Crawford seinen 16. Erfolg seit der Premiere im Jahr 1912. Alles sah nach einem toten Rennen aus, aber die Briten hatten in 38,07 Sekunden schließlich eine Nasenspitze vorn. Die Amerikaner leisteten sich wieder einmal einen schlechten Wechsel, verloren Tempo und mußten am Ende völlig überraschend den Briten den Sieg überlassen. Bereits die Frauen-Staffel hatte gepatzt: Sie war nach einem Wechselfehler gar nicht erst ins Ziel gekommen
Dafür hielten sich die Amerikaner eine Stunde später in den langen Staffeln über 4 x 400 Meter mit zweimal Gold schadlos: In der letzten Bahn-Entscheidung der Spiele siegten die Männer mit Einzel-Olympiasieger Jeremy Wariner in der Weltjahresbestzeit von 2:55,91 Minuten mit großem Vorsprung vor Australien (3:00,60) und Nigeria (3:00,90). Die deutsche Staffel mit Ingo Schultz (Hamburg), Kamghe Gaba (Frankfurt/Main), Ruwen Faller (Jena) und Bastian Swillims (Wattenscheid) belegte in 3:02,22 Minuten den siebten Platz. Die amerikanischen Frauen hatten es den Männern vorgemacht und holten sich ebenfalls in Saisonbestzeit von 3:19,01 Minuten den Sieg vor Rußland (3:20,16) und Jamaika (3:22,00).
Die Russin Jelena Slesarenko meisterte im Hochsprung von 1,85 Meter bis 2,06 Meter alle Höhen im ersten Versuch - damit hatte sie Gold sicher. Danach scheiterte sie dreimal an der Weltrekordhöhe von 2,10 Meter. Zweite wurde wie in Sydney vor vier Jahren Weltmeisterin Hestrie Cloete aus Südafrika (2,02).
Olympiasieger Annus muß um Gold zittern
Nachfolger von Sydney-Sieger Nils Schumann wurde über 800 Meter überraschend Juri Borsakowski. Mit einem unwiderstehlichen Spurt riß der Russe in 1:44,45 Minuten auf den letzten 50 Metern noch Gold aus dem Feuer. Zweiter wurde der Südafrikaner Mbulaeni Mulaudzi (1:44,61) vor Weltrekordhalter Wilson Kipketer aus Dänemark (1:44,65).
Seinen Traum vom vierten Speerwurf-Gold nacheinander mußte der Tscheche Jan Zelezny begraben. Mit 80,59 Meter reichte es für den 38 Jahre alten Tschechen nur zum neunten Platz. Sein Weltrekord steht seit acht Jahren bei 98,48 Meter. Überraschungs-Olympiasieger wurde der erst 22 Jahre alte Norweger Andreas Thorkildsen mit 86,50 Meter.
Nach ihrem Coup über 800 Meter holte die Britin Kelly Holmes auch über 1500 Meter Gold: In der Weltjahresbestzeit von 3:57,90 Minuten vollendete sie das Double, das zuletzt vor acht Jahren der Russin Swetlana Masterkowa gelungen war. Zweite wurde die Russin Tatjana Tomaschowa in 3:58,12 vor Maria Cioncan aus Rumänien (3:58,39). „Worte können nicht ausdrücken, was ich fühle. Die 800 Meter waren ein totaler Schock für mich - heute bin ich einfach nur geflogen“, sagte die nun doppelt glückliche Britin.
Dem ungarischen Hammerwurf-Olympiasieger Adrian Annus droht unterdessen die Aberkennung seiner gewonnenen Goldmedaille. Die Disziplinarkommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hat den 31jährigen für Sonntag zur Anhörung in Athen geladen. Abgeben mußte bereits sein Landsmann, der Gewichtheber Ferenc Gyurkovics, seine in Athen gewonnene Silbermedaille. Wie das IOC mitteilte, wurde der 24jährige nach dem Wettkampf in der Gewichtsklasse bis 105 Kilogramm positiv auf Oxandrolon getestet.