28.08.2004 · Steffi Nerius hat Nerven. Ihr Volltreffer im letzten Versuch des Speerwerfens, die persönliche Bestleistung von 65,82 Metern, die das hart verdiente Silber einbrachte, das war beispielhaft.
Von Hans-Joachim Waldbröl, Athen"O Gott, wieder nur Vierte. Wie in Sydney. Das darf doch nicht wahr sein", stöhnte Steffi Nerius vor sich hin, als es im olympischen Finale auf den letzten Drücker ganz eng wurde. Die anspornende Verwünschung der besten deutschen Speerwerferin hat gewirkt, es wurde wirklich nicht wahr. Denn Steffi Nerius, die hat vielleicht Nerven! Und sie besitzt ganz sicher den Mut der Verzweiflung, der den meisten deutschen Leichtathleten in den entscheidenden Athener Augenblicken ausnahmsweise mal gut zu Gesicht gestanden hätte.
Ihr Volltreffer im letzten Versuch des Speerwerfens, die persönliche Bestleistung von 65,82 Metern, die das hart verdiente Silber einbrachte, das war beispielhaft - wenngleich leider nicht exemplarisch für das Team des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), der zwei Tage vor Beginn der Leichtathletikveranstaltungen im Olympiastadion schon einmal Silber durch die Kugelstoßerin Nadine Kleinert gewonnen hatte, nachdem der gedopten Russin Irina Korschenenko das Gold abgenommen worden war und alle anderen einen Platz aufrücken durften. Das war's dann auch schon für den DLV.
„Ich will nicht wieder Vierte werden“
Und das war's bereits für Steffi Nerius, dachten die Zuschauer, die bangten und hofften. Der 32jährigen Leverkusenerin blieb ja kaum noch Platz für eine Verbesserung. Nur einen einzigen Zentimeter lag sie unter Rang drei mit dem besten Wurf, der ihr bis zum fünften Versuch gelungen war: 63,60 Meter. Und nun stand Steffi Nerius am Anlauf und wartete, wie eine Fußgängerin an einer Hauptverkehrsstraße, auf eine Lücke im versprengten Feld der 10000-Meter-Läuferinnen, um rasch die Bahn zu überqueren und zum Abwurf zu rennen. Steigert das die körperliche Spannung, die nervliche Belastung nicht ins Unerträgliche? "Nein", versichert sie, obwohl sie in diesem Moment voll unter Strom gestanden hat. "Mein Puls war sicher auf 180, und ich habe mir immer wieder eingehämmert: Ich will nicht, ich will nicht. Ich will nicht wieder Vierte werden."
Schon gar nicht mit diesem einen Zentimeter Abstand auf Bronze; einem Zentimeter, der übrigens der hochüberlegenen Olympiasiegerin Osleidys Menendez (71,53) am Ende fehlte, um ihren eigenen Weltrekord einzustellen. Aber ein Zentimeter unter Weltrekord oder ein Zentimeter hinter Bronze - das ist doch ein meilenweiter Unterschied. Einer allerdings, der nicht belastete, sondern befreite: "Ich war abgelenkt von diesem quälenden Zentimeter-Gedanken, weil ich einfach die erste Lücke zwischen den Läuferinnen erwischen mußte. Das hat mir die Konzentration sogar erleichtert."
Haltung lockern, Kof entspannen
Auf das Aufatmen erst am Schluß, das Durchatmen zur rechten Zeit, ist Steffi Nerius durch einen Psychologen vorbereitet worden. Die Haltung lockern, den Kopf entspannen, die Kräfte zusammennehmen - all das stehe nicht in Konkurrenz zueinander, hat die Werferin gelernt, die ihre bitteren Lektionen hinter sich hat: "In Barcelona 1992, da habe ich mich von den 100 Metern der Männer stören lassen. Da hat der Linford Christie zwei Fehlstarts gemacht, und ich dachte auch damals: O Gott! Und da war es auch bei mir aus und vorbei."
Jetzt schaut sich Steffi Nerius vor Wettkämpfen Videos mit Würfen an, "die mir locker von der Hand gegangen sind. Bei denen der Anlauf, die Bewegung zum Abwurf harmonisch waren." Positives so verinnerlichen, daß es fast automatisch wiederholt werden kann, lautet die psychologische Botschaft, zu der auch Musik gehört: "Ich hab mir drei Lieder aufgenommen: was von Safri Du, der Band, die sie auch hier im Stadion spielen, dann den EM-Song vom Fußball, und ,One Moment in Time' von Whitney Houston.“
Den Tunnelblick behalten
Die rhythmische Einstimmung hat ihr geholfen, alles mit offenen Ohren aufzunehmen und trotzdem den Tunnelblick zu behalten, das Ziel da vorne nicht aus den Augen zu verlieren: "So richtig einen raushauen, das hat mir nach all den Jahren mit gleichmäßig guten Leistungen gefehlt." Und die olympische Medaille fehlte noch, nach Platz zwei bei den Europameisterschaften 2002 in München und Rang drei bei den Weltmeisterschaften 2003 in Paris. "Jetzt habe ich bei allen großen Wettkämpfen wenigstens einmal auf dem Podest gestanden." In Paris noch mit einem Kommando auf dem Stirnband, das den Speer zum Mitmachen aufforderte: "Flieg!"
Diesmal formulierte Steffi Nerius schon vor dem Gelingen eine positive Adresse: "Danke, Athen." Ans Abdanken denkt sie aber noch nicht. "Wenn ich Gold gewonnen hätte, dann hätte ich nur noch ein Jahr drangehängt und den Olympiasieg vermarktet." Mit Silber sieht die Sache anders aus. "Jetzt mache ich erst mal weiter und entscheide Jahr für Jahr." Nächstes Jahr sind wieder Weltmeisterschaften.