30.08.2004 · Man kann an sechzehn Tagen vielleicht über hundert Menschen schreiben. Aber hundertmal so viele Athleten bleiben unbeschrieben. Das allerletzte aus Athen: Die unerzählten Geschichten der Olympischen Spiele.
Von Christian Eichler, AthenDer letzte Tag der Spiele, das ist immer dasselbe: Man packt ein, schmeißt weg, kiloweise Papier; und stößt auf die vielen Geschichten, die man eigentlich hätte auch erzählen sollen. Geschichten, zu denen man einfach nicht kam im riesigen Getriebe von großen Ereignissen und kleinen Erlebnissen. Man kann an sechzehn Tagen vielleicht über hundert Menschen schreiben. Aber hundertmal so viele Athleten bei Olympia bleiben unbeschrieben. Es sind die unerzählten Geschichten Olympias.
Zum Beispiel die Geschichte eines Boxers namens Ali. Nein, nicht der Ali. Sondern Najah Ali, 24 Jahre, Iraker. Er wurde im Irak entdeckt von einem britischen Offizier und Boxkenner, als er barfuß in einem Betonring mit eisernen Pfosten trainierte. Ein Talent: Das sah der Brite und gab den Tip weiter an Maurice Watkins, den sie daheim in New York "Termite" nennen - sein Vater ist Kammerjäger. Watkins nahm den kleinen, dürren Kerl mit nach Brooklyn und machte einen richtigen Boxer aus ihm. Ali kam nach Athen und gewann einen Kampf für den Irak, dann verlor er im Achtelfinale der 48-Kilo-Klasse. Er will in Amerika Computerexperte werden und dann zurück in den Irak: "Gebt uns Zeit, eine gute Regierung zu finden", sagt er.
Eine falsche Bewegung und die Chance ist vorbei
Oder die Geschichte von Oksana Tschusowitina. Sie kam aus der sowjetischen Turnschule und war schon 1992 Mannschafts-Olympiasiegerin. Lange vor Athen hatte sie schon mit dem Turnen aufgehört. Dennoch startete sie bei ihren vierten Spielen: mit 29 Jahren, einem biblischen Alter für eine Turnerin. Der Grund, wieder mit dem Sport anzufangen: die Notwendigkeit, Geld zu verdienen für die Behandlung ihres an Leukämie erkrankten vierjährigen Sohnes Alisher; zu werben für das Spendenkonto zur Finanzierung der teuren Chemotherapie.
Alisher wird in Deutschland behandelt, deshalb wohnt Oksana Tschusowitina in Köln und wäre beinahe nicht für Usbekistan, sondern für Deutschland gestartet. Ihr Heimatverband war einverstanden, doch die Einbürgerung hätte zu lange gedauert. Sie konzentrierte sich auf ihre beste Disziplin, den Sprung, ein Gerät, an dem sie 2003 Weltmeisterin wurde. Doch es ist ein sehr riskantes Gerät: eine falsche Bewegung, eine minimal verfehlte Rotation, und die Chance ist vorbei. Sie hatte Kniebeschwerden. Sie stürzte mit ihrem ersten Sprung.
Eine Frau, die auch aussieht wie eine Frau
Oder die Geschichte von Daiane dos Santos. Auch eine Turnerin. Auch eine Weltmeisterin von 2003. Auch eine ungewöhnliche Geschichte. Denn aus Brasilien kamen zuvor keine Turner. Daiane dos Santos wurde auf der Straße entdeckt, weil sie so unglaublich springen konnte. Sie begann mit dem Turnen im Alter von elf - die erste Frau, die erst mit dem Turnen begann, als sie bereits in der Pubertät war, und dennoch eine Weltklasseturnerin wurde. Und das trotz eines Körperfettanteils von über acht Prozent, extrem wenig für eine Frau, zu viel für eine Turnerin.
Eine Frau, die auch aussieht wie eine Frau, Brüste und Hüften hat, und dennoch Titel gewinnt: das ist weltexklusiv. In Brasilien entstand ein Turnzentrum, ein ukrainischer Trainer führt eisern das Kommando: sieben Stunden Training pro Tag, sechsmal die Woche, tägliche Kalorienration von 900. Daiane dos Santos erfand eine atemraubende Flugbahn auf dem Boden und wurde damit Weltmeisterin. Als sie diesen Abschlußsprung, der nach ihr benannt ist, in Athen zeigte, bekam sie zu viel Vorwärtsdrang und kam aus dem Karree. Gold war dahin. Sie wurde Fünfte.
Doppelt gesehen
Oder die Geschichte von Claudia Pfohl. Sie ist Bogenschützin, 33 Jahre alt, kommt aus Berlin und war die vielleicht einzige Athletin in Athen, die nirgendwo, auch im Wettkampf, nie ganz alleine war: Sie hatte immer ihr Kind dabei. Es ist in ihrem Bauch und soll im Oktober zur Welt kommen. Auch in Sydney 2000 war Claudia Pfohl schwanger an den Start gegangen, aber noch in einer ganz frühen Phase - sie gewann Bronze mit der deutschen Mannschaft. Nun in der 28. Woche - sie schied mit dem deutschen Team im Viertelfinale aus. "Aber das lag nicht am Kind", sagt sie. Pfohl & Pfohl, das war eine von vielen Familiengeschichten in Athen: wie die von Natascha Keller, die wie ihr Vater und Bruder Hockeygold gewann (der Opa hatte nur Silber); die des Japaners Tsukahara, der wie sein Vater Turn-Olympiasieger wurde; oder die des Italieners Montano, der mit Säbel-Gold schaffte, was Opa und Papa knapp verfehlt hatten.
Schön sind auch die Zwillingsgeschichten. Im australischen Ruderachter, der vor dem Deutschland-Achter Bronze gewann, saßen drei Brüder namens Stewart, zwei davon Zwillinge. Auch der deutsche Doppelzweier der Frauen konnte glauben, doppelt zu sehen: Im neuseeländischen Boot, das ihnen Gold wegschnappte, saßen Zwillinge, Caroline und Georgina Evers-Swindell. Die beiden sind in ihrer Heimat so populär, daß sie zu "Botschaftern für neuseeländisches Rind und Lamm" erkoren wurden, weil sie exakt der Zielgruppe entsprachen: "junge, aktive Frauen mit hohem Eisenbedarf". Eisenbedarf in der Faust hatte vermutlich der amerikanische Boxer Juan de Dios, der 2000 leider nicht nach Sydney durfte - er hatte zum Wiegen seinen Bruder geschickt. Nun durfte er in den olympischen Ring. Und bekam gleich im ersten Kampf Prügel. Das Leben ist nicht einfach ohne seinen starken Bruder.
Olympischen Lach- und Schießgesellschaft
Und dann wären da noch die beliebten Pleiten-Pech-und-Pannen-Geschichten. Die sind besonders dann so lustig, wenn es einen scheinbar unfehlbaren Favoriten trifft - und der dann auch noch den richtigen Namen trägt: wie der Chinese Peng, der nebst Kollege Wang vom Sprungbrett fiel; oder Landsmann Aowei, der am Boden hinplumpste und mit der ungewöhnlich fehlerhaften China-Turnriege nur Fünfter wurde. Die verrückteste Pannengeschichte ist aber die von Matthew Emmons, dem einst ein FBI-Schießlehrer den Umgang mit der Waffe beibrachte. Das zweite Gold vor Augen, zielte der Mann aus Alaska mit dem letzten Schuß aufs falsche Ziel, die Scheibe eines Österreichers. Bis in vier Jahren: dann neue Geschichten aus der olympischen Lach- und Schießgesellschaft.