20.08.2004 · Griechischen Steuerzahlern schwante Böses, sie beschwerten sich über die Kosten der Sicherheitsmaßnahmen. Jetzt bestimmen andere Themen die Schlagzeilen.
Von Michael Martens, AthenSpricht eigentlich noch jemand davon? Vor Beginn der ersten Sommerspiele seit dem 11. September 2001 waren die Sicherheitsmaßnahmen neben Berichten über Verzögerungen bei den Bauarbeiten das zentrale Thema in Griechenland und im Ausland. Zu teuer, zu billig, zu viel, zu wenig, lauteten die widersprüchlichen Urteile. Griechischen Steuerzahlern schwante schon vor Monaten Böses, sie beschwerten sich über die Kosten der Sicherheitsmaßnahmen. Die Regierung in Athen versuchte sie mit dem Hinweis darauf zu beruhigen, daß die Investitionen dem Land - und vor allem der Hauptstadt, in deren Einzugsgebiet etwa 40 Prozent der Griechen leben - auch künftig nutzen werden.
Die Überwachungssysteme stellten ein bedeutsames olympisches Vermächtnis für Athen dar, das künftig besser auf Überschwemmungen, Erdbeben oder Großbrände reagieren könne, war von offizieller Seite zu hören. "Als ein direktes Ergebnis der Olympischen Spiele wird Griechenland eine Infrastruktur erhalten, die in vieler Hinsicht fortgeschrittener ist als die in westlichen Ballungsräumen", heißt es in einer Mitteilung des Organisationskomitees. Auch alltägliche Katastrophen unterhalb der Akropolis, wie das hauptstädtische Verkehrschaos, versprach man dadurch besser in den Griff zu bekommen.
Nervensägen vom Dienst
Zu allem Überfluß traten dann aber noch britische Journalisten auf den Plan, aus Sicht der griechischen Organisatoren ohnehin längst die Nervensägen vom Dienst, und berichteten über Sicherheitsmängel - gravierend in ihrer Darstellung, belanglos in der des Organisationskomitees. So schmuggelte ein britischer Boulevardjournalist angeblich mit Leichtigkeit Bombenattrappen auf das Olympiagelände. Drei Pakete mit Kabeln, Batterien und Drähten, so unterrichtete der "Sunday Mirror" seine Leser, habe der Korrespondent im Olympiastadion deponieren können, nachdem er sich schon vor Wochen als Fahrer einer an den Vorbereitungen beteiligten Firma habe einstellen lassen - ohne je genauer überprüft worden zu sein. Als sei das nicht genug, will sich der Brite auch noch als "Robert bin Laden" für den Sicherheitsbereich akkreditiert haben und bei der Eröffnungsfeier bis auf 20 Meter an die Lounge der Staats- und Regierungschefs herangekommen sein.
Das Personal eines Orwellschen Romans
In der Kritik stehen die Überwachungsmaßnahmen jedoch nicht nur aufgrund ihrer Kosten und vermeintlichen Lücken. Die Einwohner und Gäste Athens, kontrolliert durch 70000 Sicherheitskräfte und mehr als 1000 Kameras zu Lande, Zeppeline und Hubschrauber in der Luft sowie Patrouillenboote im Hafen, seien gleichsam das Personal eines Orwellschen Romans, warnten Datenschützer.
Doch ist Athen tatsächlich zu einer hochgerüsteten Kasernenstadt geworden? Ist die Balance zwischen Sicherheits- und Freiheitsbedürfnis gestört? Einige Stichproben: Donnerstag, abends gegen sechs Uhr am Olympiakomplex "Helliniko". Auf dem Gelände des alten Flughafens von Athen finden viele Randsportarten statt - Hockey, Fechten, Softball -, aber auch das Basketballturnier mit Beteiligung der Amerikaner, die als die gefährdetsten Athleten gelten. Der Zutritt zu dem weitläufigen Gelände ist nur mit Eintrittskarte zu einem der Wettkämpfe möglich. Wie auf Flughäfen werden die Taschen der Besucher durchleuchtet, Schlüssel und Portemonnaies untersucht. Niemand beschwert sich.
Die Prozedur geht zügig vonstatten, auch deshalb wohl, weil die Abfertigungskapazität für einen größeren Besucherstrom eingerichtet wurde. Vor dem Eingang zur Fechthalle, wo an diesem Abend zunächst Russen und Amerikaner um Bronze, dann Franzosen und Italiener um Gold säbelfechten, gibt es nur lockere Kontrollen. Drinnen schwenken einige Amerikaner ihre Fähnchen, viele sind es nicht. Er fühle sich sicher, sagt ein Familienvater aus Philadelphia, der mit Frau und drei Kindern auf einem der Hotelschiffe im Hafen von Piräus logiert. Drei Kontrollen müsse man durchlaufen, um an Bord zu kommen, im Hafenbecken kreuzten Patrouillenboote, mehr könne niemand verlangen, sagt der Mann.
Das Thema Eintrittskarten bestimmt die Schlagzeilen
Elf Uhr abends, Metrostation Omonia im Stadtzentrum: Zwei Polizisten stehen gelangweilt an einer Rolltreppe, andere Sicherheitskräfte sind nicht zu sehen. Der Rest des unterirdischen Areals wird aber von Kameras überwacht. Von Terrorangst oder Überwachungsphobie ist nichts zu spüren und zu hören in den Gesprächen mit Einheimischen und Gästen - es scheint sich dabei vor allem um eine vorweggenommene Furcht gehandelt zu haben. Andere Themen bestimmen inzwischen die außersportlichen Schlagzeilen, etwa der angeblich schleppende Verkauf von Eintrittskarten für die Wettkämpfe, der wiederum laut den Veranstaltern durchaus gut verlaufen soll.
Noch immer kreisen zudem viele Gespräche um den griechischen Leichathleten Kostas Kenteris, den schlechtesten Motorradfahrer der Welt. Niemand scheint sich vor einem Anschlag islamistischer Terroristen zu fürchten. Vielleicht trügt die Sicherheit tatsächlich nicht. Doch ist das ein Verdienst der griechischen Sicherheitsmaßnahmen? Oder steht Athen, Hauptstadt eines Staates von ziemlich robustem Antiamerikanismus in der Bevölkerung, schlicht nicht auf der Agenda des internationalen Terrorismus?
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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