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Reiten "Sie werden sich nicht blamieren, aber sie haben keine Chance"

23.08.2004 ·  Für Athen hat Paul Schockemöhle ein südkoreanisches Team vorbereitet. Im F.A.Z.-Interview äußert sich der Olympiamedaillengewinner zu den Chancen seiner „Firmen“-Reiter.

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Paul Schockemöhle ist dreimaliger Europameister und Olympiamedaillengewinner von 1976 im Springreiten. Als Trainer hat er viele internationale Springreiter geformt. Dazu ist er Multi-Unternehmer in den verschiedensten Wirtschaftsbereichen. Für Athen hat der 59 Jahre alte Mühlener ein südkoreanisches Firmenteam vorbereitet.

Die Reiter Bong-Gak Soon, Soon-Won Hwang, Junh-Ho Woo und Jung-Hyun Joo haben sich beim ersten olympischen Springen gut geschlagen. Was sagen Sie dazu als koreanischer Nationaltrainer vor dem Nationenpreis an diesem Dienstag?

Ich bin nicht der Nationaltrainer. Ich habe einen Vertrag mit der Firma Samsung, die Reiter sind bei der Firma angestellt.

Also startet bei Olympia eine Art Werksteam für Korea?

Genau.

Wie kam es zu diesem Engagement?

Ich bin seit bestimmt 25 Jahren bekannt mit der Familie Lee, einer der wenigen Familien, denen eine Weltfirma mehrheitlich noch gehört. Chairman Lee hat schon einmal vor zwölf Jahren seinen Sohn für ein halbes Jahr zu mir geschickt, der sollte mal Reiter werden, daraus wurde aber nichts.

Und Equipechef Hyun Choi?

Er war früher Militaryreiter. Ich habe ihm sein Pferd für die Olympischen Spiele in Barcelona verkauft, mit dem er dann auch asiatischer Meister geworden ist. Er hat früher in England trainiert. Seither heißt er nicht mehr Hyun, sondern nur noch Mark.

Wie haben Sie die koreanischen Olympiareiter ausgesucht?

Ich hatte keine Wahl. Man hat sie mir geschickt, drei Springreiter und zwei Dressurreiter. Ich habe dann gesagt, ich will mich mal im Land umsehen und gute Leute suchen. Ich hatte auch noch einen anderen Reiter gefunden, der kurz bei mir war. Aber dann gab es Ärger mit der Firma Samsung, und er ging wieder nach Hause.

Wie haben Sie ihn dann ersetzt?

Sie haben gesagt, wir haben noch einen Springreiter zu Hause, den können wir dir schicken. Ich wollte gerne fünf Leute haben, denn einem kann ja immer einmal etwas passieren, und man will ja auch ein bißchen Wettbewerb haben, aber den hat es dann nicht mehr gegeben.

Wie haben Sie diesen Leuten dann das Springreiten beigebracht?

Man muß sich vorstellen, daß man es mit sehr unterschiedlichen Mentalitäten zu tun hat. Das war schon zeitweise nicht so einfach. Stellen Sie sich vor, Sie finden vier Leute, die schon einmal ein ländliches Springen bis 1,35 Meter bestritten haben, und die sollen nun zu den Olympischen Spielen. Aber sie sind dann die Sache doch pflichtbewußt und seriös angegangen. Es ist allerdings nicht nur Pferdebetreuung und Ausbildung nötig, sondern auch Psychologie.

Wie muß man sich das vorstellen?

Den einen muß man Selbstvertrauen geben, die anderen in den Hintern treten. Da ist zum Beispiel Sohn. Der war in Asien schon sehr gut und hat mühelos alle geschlagen. Aber er mußte erst einmal lernen, den Sport ernst zu nehmen.

Wann fing dieses Projekt an?

Sie waren vor fünf Jahren schon einmal bei mir. Aber dann kam die Asien-Krise, und die Firma hat sie alle wieder zurückgeholt. Chairman Lee konnte das nicht mehr gegenüber seinen Leuten verantworten. Vor gut drei Jahren hat dann Mark Choi mit Chairman Lee gesprochen, und sie haben beschlossen, laß uns versuchen, zu den Spielen zu kommen.

Wie haben Sie die Gruppe ans Ziel geführt?

Wenn einer nicht zu den ganz Großen gehört, ist es am besten, er setzt um, was ich ihm sage.

Haben die Koreaner das so gemacht?

Sie hören absolut auf mich. Meine Kompetenz wird nicht in Frage gestellt.

Wie haben Sie Ihre Mannschaft bis zum Sieg beim Nationenpreis im Juni in Posen gebracht?

Da haben wir für Athen den Ernstfall geprobt. Wir haben die Pferde auf dieses Turnier hin trainiert. Wir haben alle Experimente eingestellt und alles auf den Punkt gebracht.

Sie feilen also an jedem Detail mit?

Ich habe eine Assistenztrainerin dafür zuständig gemacht. Ich habe nicht so viel Zeit. Ich habe die Gruppe im Schnitt einmal die Woche abends zwei Stunden trainiert und Aufgaben verteilt.

Leben die Koreaner denn ununterbrochen seit mehr als drei Jahren in Mühlen?

Ich habe vor zwei Jahren nach der Weltmeisterschaft gesagt, ihr könnt zwei Monate nach Hause fahren, die Pferde brauchen eine Pause. Aber das machten sie nicht. Koreaner machen nur acht Tage Urlaub über Weihnachten, und am 2. Januar waren sie wieder da.

Was ist genau die Absicht dieses Projekts?

Chairman Lee wollte zu diesen Spielen 2004. Mit der Qualifikation im vergangenen Jahr war meine Mission eigentlich beendet. Ich will aber auch beweisen, daß andere Länder als die Etablierten an diesem Sport teilnehmen können. Darum habe ich auch vor acht Jahren schon die Reiter aus Saudi-Arabien trainiert.

So akquiriert man doch wohl auch gute Kunden für den Pferdehandel?

Die Saudis haben kein einziges Pferd von mir gekauft. Die Koreaner schon. Der Handel ist aber nicht das Hauptmotiv für mich.

Ist der olympische Nationenpreis an diesem Dienstag nicht zu schwer für die Koreaner?

Ich habe zugesagt, daß sie sich nicht blamieren werden, und das werden sie auch nicht. Gegen die Arrivierten haben sie keine Chance. Dazu fehlt ihnen der Überblick im Parcours. Ich kann ihnen noch so viele Details erklären, sie können auf einen Fehler nicht unbedingt intuitiv reagieren.

Wie geht es dann nach Athen weiter?

Sie werden erst einmal nach Hause gehen. Das sind junge Männer, die in Mühlen ziemlich isoliert sind und zu Hause eine Familie gründen wollen. Und die Pferde werden, glaube ich, verkauft.

Die Fragen stellte Evi Simeoni

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. 8. 2004, Nr. 196.
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