12.08.2004 · Action, Erotik, Musik, Humor: Die Sicherheitsvorkehrungen am Freitag bei der Eröffnungsfeier, dem ersten und aufwendigsten Wettbewerb der Spiele, werden größer sein als je zuvor bei einem zivilen Ereignis.
Von Christian Eichler, AthenDiesen Freitag haben die ersten griechischen Olympiastars ihren Auftritt. Sie heißen Medusa, Eros, Zentaur, trojanisches Pferd und versprechen einen bunten Abend.
Eine "Reise durch die Evolution des menschlichen Bewußtseins" kündigt der künstlerische Herr des Abends, Dimitris Papaioannou, an. Er meint damit nicht etwa das allmähliche Entstehen der Gedanken beim Aufstehen nach einer durchzechten Nacht, sondern das Entstehen der gesamten menschlichen Zivilisation, erzählt in der Kurzversion: drei Stunden. Unter solch hochfliegenden Absichten geht es selten ab bei der olympischen Eröffnungsfeier, dem populären Spektakel zwischen Sagenwelt, Sinnsuche und Showtime.
Eröffnungswende 1984 in Los Angeles
Das olympische Festspiel (Olympia-Sonderseiten ) ist der erste und aufwendigste Wettbewerb der Spiele; einer, für den es keine Medaille gibt, nur den prestigeträchtigen Vergleich mit den Vorgängern - und zugleich eine sehr junge Disziplin, gerade einmal zwanzig Jahre alt. Natürlich gab es auch vorher offizielle Eröffnungsfeiern. Doch sie waren, wie die englische Zeitung "Observer" erinnert, "biedere Angelegenheiten, bestehend aus marschierenden Sportlern in schlechten Blazern, während eine Schulklasse 3a Flaggen schwenkte und durch fünf Plastikringe sprang". Das war so, bis Hollywood Olympia entdeckte, gleich vor der Haustür in Los Angeles, 1984. Resultat war eine Eröffnungsfeier als Millionen-Dollar-Show mit Cheerleadern, Blechbläsern, einem Mann mit Düsenrucksack und dem singenden Lionel Richie.
Seit den Spielen, bei denen Olympia die Show und das große Geldverdienen entdeckte, seit 1984, sind die Eröffnungsfeiern das glitzernde Entree zum großen Medienspektakel, komponiert aus alter Mythologie und neuer Technologie: mit den teuersten und begehrtesten Eintrittskarten, mit einem Milliardenpublikum an den Fernsehern, mit manchen Peinlichkeiten und Pannen wie etwa 1988 in Seoul, als die Kombination aus Flammenentzündung und Friedenstaubenflug zu einigem Bratgeflügel führte; und stets mit dem Ehrgeiz, im heiklen Overkill aus Bildern und Sinnbildern, Klängen und Anklängen immer noch eine Spur mehr zu präsentieren als alle Vorgänger. Natürlich haben auch die Griechen diesen Ehrgeiz.
Wie sie ihn verwirklichen werden, ist eigentlich streng geheim - die Details des Programms wurden offiziell unter Verschluß gehalten. Aber wie das so ist bei Großveranstaltungen, die man in einer Generalprobe mit mehr als 70.000 Freiwilligen auf den Rängen übt: Irgendwer wird es natürlich weitererzählen. So weiß man also, daß ein Feuerball aus der Dunkelheit das ovale Wasserbecken mitten in der Arena erreichen wird, worauf fünf Feuerringe aufsteigen - Feuer frei für drei Stunden mit 4000 Beteiligten, die dafür an 85 Tagen insgesamt 600 Stunden lang geübt haben. "Herzschlag" und "Laufen" sind die offiziellen Leitmotive des Abends, und die 74.000 Zuschauer müssen sich trotz Eintrittspreisen bis zu 900 Euro darauf einstellen, daß sie sich nicht auf die faule Haut setzen dürfen, sondern auch noch etwas tun müssen, um zur Show beizutragen: mit Klatschen, Blinken und Klingeln auf Kommando.
Action, Erotik, Musik, Humor
Weitere Zutaten des olympischen Debütabends decken alle Anforderungen eines erfolgverdächtigen Drehbuches ab: Action (durch Feuer, Wasser und ein hydraulisches System, das aus dem künstlichen See große Statuen erscheinen läßt); Erotik (durch den dafür zuständigen Liebesgott, der eine "erotische Attraktion" anführen soll); Monumentalszenen (erst ein 17 Meter hoher Kykladenkopf, später Tausende Sportler beim Einmarsch), Musik (Hunderte Trommler, Rocksängerin Björk), Spannung (wer entzündet die Flamme?) und sogar Humor: So hat die Nachrichtenagentur AP von Besuchern der Generalprobe erfahren, daß auch eine satirische Darstellung der etwas holprigen Olympiavorbereitungen der Griechen auf dem Programm stehe. Regisseur Popaioannou verspricht weitere "Dinge, die man nie zuvor gesehen hat".
Wie immer dürfte das Spektakel spalten: in jene, die es künstlerisch, und die, die es künstlich finden. Den Übergang vom bildreichen Kür-Teil des Abends zum symbolsatten Pflicht-Programm markiert der Einmarsch der Athleten, dessen Dauer häufig den Zeitrahmen sprengte und nun auf neunzig Minuten gestrafft werden soll. Die Sportler versammeln sich in einem künstlichen Berg im Innenraum, über dem eine riesige Weltkarte entfaltet wird. Dann wird zwar nicht Nana Mouskouri "Ein Schiff wird kommen" singen, dafür aber ein echtes Pappschiffchen mit einem kleinen Jungen und der griechischen Fahne über den knietiefen See im Olympiastadion hinüberfahren zu Staatspräsident Konstantionos Stefanopoulos, Organisationschefin Gianna Angelopoulos-Daskalaki und IOC-Präsident Jacques Rogge. Es ist der Startschuß für die traditionellen Rituale: Eröffnungsformel durch den Staatspräsidenten (15 Worte), Hissen der olympischen Flagge, Sprechen des olympischen Eides, Entzünden der olympischen Flamme.
Und das alles unter dem Vorbehalt, unter dem jedes internationale Großereignis in Zeiten des internationalen Terrors steht: Daß es niemandem gelinge, die gewaltige globale Plattform dieser Show als trojanisches Pferd zu nutzen. Die Sicherheitsvorkehrungen am Freitag abend werden größer sein als je zuvor bei einem zivilen Ereignis. Und bei der Generalprobe der Feier wurde nicht nur der künstlerische Ablauf geübt, sondern auch das Notprogramm: die Leerung des Olympiastadions im Alarmfall. In 17 Minuten hatten 74.000 Menschen die Arena verlassen. Die erste olympische Leistung der Spiele.