08.08.2004 · Nach 100 Minuten korrupter Sportpolitik im Fernsehen brauchte die IOC-Exekutive nicht lange, um den Bulgaren Slawkow einstimmig von allen seinen Rechten, Privilegien und Funktionen als IOC-Mitglied zu suspendieren.
Von Hans-Joachim WaldbrölMorgens um sieben, wer sitzt am Wochenende schon um diese Zeit vor dem Fernseher? Früh wache Kinder vielleicht, die ihre Eltern nicht stören dürfen. Diesmal waren es ziemlich erwachsene, überwiegend ausgeschlafene Oberhäupter der olympischen Familie, die sich am Samstag zu einer TV-Session trafen, um sich den verräterischen BBC-Auftritt ihres bulgarischen Kollegen Iwan Slawkow in Originallänge anzuschauen: Rund 100 Minuten korrupte Sportpolitik statt der am vergangenen Mittwoch gesendeten Viertelstunde.
Mehr als genug, um den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jacques Rogge, als leitenden Fernsehkritiker zu einer vernichtenden Rezension des unfreiwilligen Hauptdarstellers zu bewegen, dessen Bestechlichkeit mit versteckter Kamera aufgezeichnet worden war: "Wenn man den Film gesehen hat, dann kann keine Rede davon sein, daß er sich nur scheinbar auf die Angebote eingelassen hat, um die vorgeblichen Betrüger zu entlarven." Damit hatte sich der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) von Bulgarien aus der Peinlichkeit herausreden wollen.
Anfällig für getürkte Offerten
Slawkows Anfälligkeit für die getürkten Offerten der als Londoner Geschäftsleute getarnten Journalisten, die im angeblichen Privatinteresse am Erfolg der britischen Bewerbung für die Sommerspiele 2012 Stimmen kaufen wollten, muß augenfällig sein. Jedenfalls brauchte die IOC-Exekutive bei der Nachbesprechung nicht lange, um den 64 Jahre alten Elektroingenieur aus Sofia auf Vorschlag der von Rogge eingeschalteten Ethikkommission einstimmig von allen seinen Rechten, Privilegien und Funktionen als IOC-Mitglied zu suspendieren.
Als "persona non grata" geächtet
Als "persona non grata" geächtet und von allen offiziellen Aktivitäten der olympischen Familie ausgeschlossen wurden zudem die einschlägig bekannten Stimmenhändler Goran Takac aus Serbien-Montenegro, Gabor Komyathy aus Ungarn, Mahmood El-Farnawani aus Ägypten sowie der Kuweiter Muttaleb Ahmad, Generaldirektor des Olympischen Councils von Asien, der ebenfalls schon des öfteren unangenehm aufgefallen ist.
"Im Falle Slawkows können wir im Moment nicht mehr tun", sagte der 62jährige belgische Comte Rogge, "denn im Gegensatz zu diesen Personen halten wir uns hundertprozentig an die Regeln - und dazu gehört eben auch, daß bis zum Abschluß der Untersuchungen der Unschuldsvorbehalt gilt."
Ausschluß nicht vor 2005
Über einen Ausschluß Slawkows, der 1987 in der Ära des spanischen IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch vor allem wohl als Schwiegersohn des damaligen bulgarischen Diktators Schiwkow in den olympischen Zirkel aufgenommen wurde, kann also frühestens die 117. IOC-Session 2005 in Singapur entscheiden. Dort wird dann auch der Austragungsort für 2012 gewählt.
Schon die 116. Session, die von Dienstag an in Athen tagt, soll auf Antrag der Exekutive den in Indonesien wegen Korruption verurteilten Bob Hasan aus dem IOC entfernen. Wegen ähnlicher Vergehen bestraft, kann den IOC-Vizepräsidenten Kim Un-yong der Bannstrahl jedoch noch nicht treffen, weil der 73jährige Südkoreaner in die Berufung gegangen ist. "Wir wollen und können erst handeln, wenn wie im Falle Hasans ein rechtskräftiges Urteil gefällt ist", erklärte der deutsche Vorsitzende der juristischen IOC-Kommission, Thomas Bach, der zum Abschluß der Spiele nach acht Jahren Zugehörigkeit für mindestens zwei Jahre aus der Exekutive ausscheiden muß - und in seiner Rolle als erster Vizepräsident durch den Russen Witali Smirnow ersetzt werden soll.
Ausgerechnet Smirnow?
Ausgerechnet Smirnow, der im BBC-Film eine pikante Nebenrolle spielen sollte und deshalb während der vergangenen Tage als dubiose Schlüsselfigur angesehen worden war? Daß einer seiner engsten Mitarbeiter in die dunklen Machenschaften verwickelt sein soll, dementierte der IOC-Präsident durch seine Darstellung des Schurkenstücks: Smirnow habe ihm vor einigen Wochen erzählt, daß er seinerseits von Takac über eine eindeutige Offerte von "London 2012" informiert worden sei. Takac, Sohn und Erbe des vor Monaten nach einer Bergwanderung in Serbien spurlos verschwundenen früheren Leichtathletik-Funktionärs und Samaranch-Beraters Artur Takac, wolle, so Smirnow im Gespräch mit dem IOC-Präsidenten, in dieser Angelegenheit die Ethikkommission informieren.
Rogge über Ausflüchte „nur gelacht“
"Als ich das hörte, habe ich nur gelacht. Ich glaube kein einziges Wort, das Takac sagt", so Rogge. "Und ich habe auch keinen Zweifel daran, daß Takac niemals vorhatte, die Ethikkommission zu informieren." Smirnow sei in dieser schmuddligen Angelegenheit nur als Bote aufgetreten. Eine Version, die Bach auf der Basis seines Filmstudiums bestätigt: "Er wird von Takac, der eindeutig als Agent auftritt und irgendwelche Namen von angeblich käuflichen IOC-Mitgliedern aus dem Ärmel schüttelt (sie sind im BBC-Video technisch bearbeitet und nicht hörbar/die Redaktion), zweimal auf die Angebote angesprochen. Beide Male sagt er klar und deutlich: nein."
Die "vier Individuen" Takac, Komyathy, El-Farnawani und Ahmad seien das Übel. "Diesen Sumpf muß man vollständig austrocknen." Ob es im IOC noch mehr "Individuen" wie Slawkow gebe, darüber mochte der Tauberbischofsheimer Wirtschaftsanwalt "nicht spekulieren".