23.08.2004 · Der Leichtathletik-Trainer Tzekos wird zur zentralen Figur des griechischen Doping-Skandals bei den Olympischen Spielen. Er soll vor wenigen Jahren der Regierung systematisches Staatsdoping vorgeschlagen haben.
Von Michael Martens, AthenIm Medaillenspiegel taucht Griechenland nach mehr als der Hälfte aller angesetzten Wettbewerbe der Olympischen Spiele in Athen nicht auf einem der ersten zehn Plätze auf, im Hormonspiegel verteidigen die Sportler des gastgebenden Staates aber souverän ihre Führung.
Nach dem doppelten Fall der Leichathleten Kostas Kenteris und Ekaterini Thanou - zunächst angeblich vom Motorrad und dann endgültig aus dem olympischem Wettbewerb heraus - ist am Sonntag auch der Gewichtheber Leonidas Sabanis, der gleich zu Beginn der Spiele eine Bronzemedaille für sein Land erhoben hatte, als Dopingsünder überführt worden.
Das Internationale Olympische Komitee teilte am Sonntag mit, man habe den Sportler ausgeschlossen, nachdem bei ihm das zulässige Maß überschreitende Werte des Hormons Testosteron festgestellt worden seien. Das Olympische Komitee Griechenlands wurde angewiesen, die Medaille des Gewichthebers zurückzugeben.
Man glaubte alle Schwierigkeiten gemeistert zu haben
Zur rechten Zeit kommt das Unheil nie, aber für die Griechen kam es ausgerechnet in einem Moment, da man alle Schwierigkeiten gemeistert zu haben glaubte: Wider alle ausländischen (und durchaus auch im Inland verbreiteten) Befürchtungen waren Wettkampfstätten und Verkehrsprojekte doch noch rechtzeitig fertig geworden, und auch die Organisation der Spiele hat bisher, abgesehen von Kleinigkeiten, gut funktioniert.
Ernsthafte Zwischenfälle bei der Sicherheit gab es auch nicht, die Gefahr eines terroristischen Anschlags fürchtet kaum noch jemand. Das Heer der ehrenamtlichen Helfer in Athen ist bemüht und freundlich, selbst Klagen über den allseits befürchteten Touristennepp sind bisher kaum laut geworden.
Angeblich 1400 Packungen mit Anabolika gefunden
Zwar ist das Zuschauerinteresse im Inland nicht so groß wie erhofft, aber eigentlich könnten die elf Millionen Einwohner Griechenlands zufrieden sein mit sich - und die Welt mit ihnen. Doch nach mehr als der Hälfte von etwa 3000 für die Dauer der Spiele geplanten Dopingtests hat sich ein anderer Schatten über die Spiele von Athen gelegt.
Täglich tauchen nun neue Details über den griechischen Dopingsumpf auf, und es erhärtet sich die Befürchtung, die Fälle von Kostas Kenteris, Ekaterini Thanou und Leonidas Sabanis seien nicht die Ausnahmen, sondern die Regel im griechischen Spitzensport. Bei der Durchsuchung von Räumen des ehemaligen Trainers der beiden gesperrten Leichathleten, Christos Tzekos, sind am Wochenende angeblich 1400 Packungen mit Anabolika und anderen verbotenen Substanzen gefunden worden. Die Staatsanwaltschaft hat mit Untersuchungen begonnen.
Die Öffentlichkeit glaubt den wahren Schuldigen gefunden zu haben
In Tzekos meinte die griechische Öffentlichkeit auch schon vor der Razzia den wahren Schuldigen für die peinlichen Vorwürfe gefunden zu haben. Laut einer am Wochenende veröffentlichten Umfrage sind zwar etwa sechzig Prozent der Griechen überzeugt, daß Kenteris und Frau Thanou tatsächlich verbotene Mittel zur Leistungssteigerung eingenommen und ihren kuriosen Motorradunfall nur inszeniert haben.
Die Mehrheit der Befragten halten jedoch Tzekos für den Anstifter. Dessen eher dunkle Rolle im griechischen Sport ist allerdings nichts Neues. Schon vor den Spielen brachten griechische und ausländische Beobachter ihn mit Dopinggeschäften in Verbindung.
Vorschlag für systematisches Doping von griechischen Sportlern ausgearbeitet?
Eine führende Rolle bei den Enthüllungen dieser Tage - ob sie sich alle als wahr erweisen, bleibt abzuwarten - spielt die Athener Tageszeitung "To Vima" (Die Tribüne). Sie gehört, wie die 1931 gegründete Tageszeitung "Ta Nea" (Nachrichten), dem Großverleger Christos Lambrakis, dessen Vater als Besitzer mehrerer Zeitungen bereits Einfluß auf das politische Geschehen des Landes ausübte. Die Familie galt und gilt als liberal, weshalb ihre Blätter in den Jahren der Militärdiktatur ab 1967 in Schwierigkeiten und der 1934 geborene Lambrakis selbst für längere Zeit in Haft geriet.
Die als seriös geltende "To Vima", ebenfalls lange vor dem Zweiten Weltkrieg gegründet, ist die auflagenstärkste Sonntagszeitung des Landes und damit, da der Sonntag der traditionelle "Zeitungstag" in Griechenland ist, nicht ohne Einfluß. "To Vima" will nun herausgefunden haben, daß die beiden Sportler und ihr Trainer am Tag vor der Eröffnung der Spiele eine Dopingprobe manipulieren wollten. Sie hätten geplant, das zum Test eingereichte Urin mit dem von anderen Personen zu vertauschen. Der Harn-Plan habe sich dann aber durch einen unvorhersehbaren Zwischenfall nicht ausführen lassen, und so seien die beiden Sportler aus dem Olympischen Dorf geflüchtet, um sich der Dopingprobe zu entziehen.
Die Berichte der Zeitung gipfeln in der Behauptung, daß Tzekos vor sieben Jahren, als in Athen die seit ihrer Niederlage bei den Parlamentswahlen im März dieses Jahres oppositionelle Panhellenische Sozialistische Bewegung (Pasok) an der Macht war, einen Vorschlag für das systematische Doping von griechischen Sportlern ausgearbeitet habe. Dabei sei es um die Anwendung von Substanzen gegangen, deren Einnahme nicht nachweisbar ist. Die Regierung habe diese Art von Sportförderung aber abgelehnt, berichtet "To Vima".
Mit innenpolitischer Bedeutung aufgeladen
Kaum überraschend haben sich diese und frühere Anschuldigungen längst mit innenpolitischer Bedeutung aufgeladen. Hinter den Kulissen - und in ausgewählten Ausschnitten auch davor - schwelt ein Streit über die politische Verantwortung für die griechische Dopingmisere. Die Regierung von Ministerpräsident Kostas Karamanlis und seiner Partei Nea Dimokratia sieht den politischen Gewinn in Gefahr, den sie aus gelungenen Olympischen Spielen ziehen wollte.
In der Pasok, die nach der Niederlage bei den Parlamentswahlen auch bei den Europawahlen im Juni schlecht abschnitt und sich durch interne Reformen zu erneuern versucht, köchelt derweil ein Konflikt zwischen dem Vorsitzenden, dem ehemaligen Außenminister Georgios Papandreou, und seinem parteiinternen Konkurrenten Evangelos Venizelos, der früher erst Regierungssprecher und später Kulturminister war.
Venizelos ist nach Einschätzung von unabhängigen Beobachtern nicht frei von dem Ehrgeiz, den bisher glücklosen Papandreou an der Spitze von Griechenlands größter Oppositionspartei abzulösen und forderte in der vergangenen Woche die sofortige Suche nach den politisch Verantwortlichen für die Dopingfälle. Damit sprach er sich offen gegen die Entscheidung des Parteichefs aus, die Diskussion "aus nationalem Interesse" erst nach den Spielen zu führen.
Der derzeitige Pasok-Vorsitzende, Sohn des über lange Jahre alleinherrschenden Parteigründers und Ministerpräsidenten Andreas Papandreou, könnte wichtige Gründe haben für sein gebremstes Interesse an Vergangenheitsaufarbeitung, denn was auch immer dabei herauskommt, es wird wahrscheinlich die Regierungszeit der Pasok betreffen: Bevor die linke Volkspartei in diesem Frühjahr abgewählt wurde, war sie seit 1981 - mit einer kürzeren Unterbrechung zu Beginn der neunziger Jahre - an der Macht in Athen.
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
Jüngste Beiträge