24.08.2004 · Eine makabre Koketterie betreibt die Wissenschaft anläßlich der Olympischen Spiele in Athen. Trotz aller gesellschaftlicher Ächtung will sie offenbar mit Dopingversuchen Ruhm ernten.
Von Joachim Müller-JungWer wollte ernsthaft bestreiten, daß die Olympischen Spiele mehr sind als die Spiele der Athleten? Daß sie heute mindestens ebensogut die Spiele des Fernsehens und der Werbeindustrie sind, ist unübersehbar und in der ökonomischen Gegenwart nur konsequent. Daß aber ausgerechnet auch die Wissenschaft die Gunst der Stunde zum Schaulaufen nutzt, mag den einen oder anderen doch erstaunen. Denn die Wissenschaft, das läßt sich zurückverfolgen bis ins Jahr 1886, als ein englischer Radfahrer an der Überdosis einer Substanz namens "Trimethyl" starb, nahm in dem olympischen Konzept "Höher, weiter, schneller" oft genug eine zwiespältige Rolle ein. Und sie ist fraglos dabei, eine in dieser Hinsicht immer prominentere Rolle zu spielen.
Das sportlich-pharmakologische Wettrüsten mit Amphetaminen, Anabolika und in absehbarer Zeit mit dem sogenannten Gendoping gilt mit Recht nicht als große Kulturleistung, auch wenn hinter den Forschungsprojekten oft zuerst die Erkenntnis und der medizinische Fortschritt und eben nicht die Befriedigung sportlicher Obsessionen gestanden hat. Um so überraschender, wie in diesen Tagen manche Wissenschaftler um des Ruhmes willen mit dem Thema Doping buchstäblich kokettieren.
Die Zukunft der Olympischen Spiele?
In der am Dienstag erschienenen Ausgabe der Online-Zeitschrift "Public Library of Science" beispielsweise wurden zwei Untersuchungen an gentechnisch veränderten Mäusen veröffentlicht, die man unter der Überschrift interessant gemacht hat: "Ausdauer konstruieren: Die Zukunft der Olympischen Spiele?" In der Zeitschrift "Science" wurde unlängst ein Kommentar zweier Biomediziner zu einer Publikation über die Rolle des Laktats bei der Muskelermüdung mit dem Titel bedacht: "Laktat - die neueste leistungssteigernde Substanz". Natürlich nutzt man hier wie in anderen wissenschaftlichen Journalen, die jetzt die Frequenz der Aufsätze über leistungsphysiologische Themen gesteigert haben, die Gunst der Stunde. Selten genießt man soviel Aufmerksamkeit. Aber diese plötzliche Transparenz gibt auch einen Blick frei auf ein Geschäft, das offenkundig nicht umsonst vom Hauch des Dubiosen umweht wird.
Vom Schlaglicht ins Zwielicht ist es nur ein kleiner Schritt. Ein Musterbeispiel gibt die jüngste Publikation der südafrikanischen Wissenschaftlerin und ehemaligen Ruder-Olympionikin Paula Robson-Ansley ab. Sie hatte in der Zeitschrift "Canadian Journal of Applied Physiology" über ihre Experimente mit dem körpereigenen Signalmolekül Interleukin-6 berichtet. Dieses Molekül spielt eine wichtige Rolle, wenn Sportler bei anhaltender Muskelbelastung eine Ermüdung verspüren. Robson-Ansley nimmt an, daß diese Ermüdung nicht, wie lange Zeit geglaubt, hauptsächlich auf die Ansammlung von Laktat im Muskel zurückzuführen ist, sondern auf die vermehrte Produktion des Interleukin-6.
Signalmoleküle für Ermüdung ausschalten
Einige neuere Forschungsergebnisse wie die von einer dänisch-australischen Gruppe vorgestellte Untersuchung des Ionen- und Laktatumsatzes in den Muskeln ("Science", Bd.305, S.1144) scheinen tatsächlich dafür zu sprechen, daß das alte Bild korrigiert werden muß und das Laktat sogar zu einer Leistungskonservierung im Muskel beiträgt. Aber Robson-Ansley geht noch weiter: Sie ist davon überzeugt, daß die Ermüdung des Körpers grundsätzlich Kopfsache ist. Durch Ausschüttung des Interleukin-6 signalisiere der Körper dem Gehirn, wenn Schaden drohe. In der Tat enthält das Blut von Athleten nach einer Ausdauerübung sechzig- bis hundertmal soviel Interleukin-6 wie üblich. Und als Robson-Ansley einigen Freizeitsportlern entweder das Interleukin-6 oder ein Placebo spritzte, wurde deutlich, daß das Signalmolekül tatsächlich die Müdigkeit förderte. Die mit dem Placebo behandelten Sportler waren ausdauernder und liefen schneller.
Die Forscherin betonte zwar, daß es ihr darum gehe, Mittel gegen Krankheiten wie das chronische Müdigkeitssyndrom zu entwickeln. Aber die daraufhin vom "New Scientist" aufgestellte Spekulation, mit einem Antikörper gezielt das Interleukin-6 zu blockieren und damit die Leistung von Ausdauersportlern zu steigern, liegt förmlich auf der Hand. Nicht weniger offenkundig scheint die Stoßrichtung bei den Tierexperimenten von Ronald Evans und seinen Kollegen vom Salk Institute in La Jolla zu sein, über die in der "Public Library of Science Biology" berichtet wird. Durch einen gentechnischen Eingriff haben die Wissenschaftler ein Rezeptormoleklül namens "PPAR-delta" in den Kernen der Muskelzellen überaktiviert und damit aus wenig ausdauernden "weißen" Muskeln "rote" Muskeln gemacht, mit denen die Mäuse zweimal so lange laufen können wie normal. Das Geheimnis liegt in der Umstellung des Energiestoffwechsels. Für die Herausgeber der Wissenschaftszeitschrift eine vielversprechende neue Option: "Die Erkenntnis, daß Ausdauer und Laufvermögen genetisch manipuliert werden können, heißt auch, daß Muskelgewebe weit anpassungsfähiger ist als bislang geglaubt."
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
Jüngste Beiträge