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Athen Einmal Xanthippestraße

24.08.2004 ·  Winken allein reicht nicht. Der Fahrer muß verstehen, wohin man möchte. Wenn ihm dann noch die Nase des Rufenden gefällt, ist alles gut: Eine Gebrauchsanweisung für die Athener Taxidiktatur.

Von Michael Martens, Athen
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Theodoros Kolokotronis (1770 bis 1843) war ein großer Grieche. Er wurde mit Schafdiebstahl und geschickter Heirat reich, als alter Mann diktierte er dann seine Memoiren. Zwischendurch hatte er bald als Bandit in den Bergen gehaust, bald für und schließlich gegen die Osmanen gekämpft. Ein erfülltes Leben also. Aber müssen deshalb gleich zehn Straßen in Athen nach ihm benannt sein?

Leider ist der im Ausland nur wenig beachtete Kult um Kolokotronis keine Ausnahme in der griechischen Hauptstadt. Wer hier, ortsfremd, zu einem Termin eilt, etwa bei den Olympischen Spielen, wird rasch merken: Kaum ein Straßenname ist einzigartig in Europas fünftgrößter Kapitale. Warum das so ist, weiß niemand. Einige vermuten, man habe Namen sparen wollen - schließlich war Griechenland lange ein armes Land.

Fußballstadien oder Bordelle

Wenn diese Annahme zutrifft, hat Athen eisern gespart: Laut einem Stadtplan, der der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegt, sind allein nach Aristoteles, der auch seine Verdienste hat, elf Straßen benannt. Und Alexandros Ipsilantis, dem Ahnherrn des griechischen Befreiungskampfes gegen die Türken, wurden sogar dreizehn Straßen gewidmet. Dagegen sind Perikles (sieben Straßen) und Pythagoras (drei) fast dem Vergessen anheimgefallen, zu schweigen von Xanthippe, die offiziell nur in einer einzigen Athener Straße geehrt wird.

Wer aber nicht das Glück hat, in die Xanthippestraße zu müssen, sondern zum Beispiel an eine nach ihrem Mann benannte Adresse (sechsmal in Athen) hat es schwer: Denn es reicht eben nicht, dem Taxifahrer zu sagen, man wolle in die Sokratesstraße. Der Fremde muß schon wissen, in welche Sokratesstraße er will, also das dazugehörige Stadtviertel nennen - oder wenigstens einige jedem Taxifahrer geläufige Sehenswürdigkeiten in der Nähe des Zielortes kennen, am besten Fußballstadien oder Bordelle.

Wer mitfährt, entscheidet der Fahrer

Diese Schwierigkeiten ließen sich noch überwinden, wären sie die einzigen, die dem Fahrgast in Athen auflauern. Aber, man ahnt es, es sind beileibe nicht die einzigen. Denn Taxifahren in Athen ist ein angenehmer Zeitvertreib, allerdings nur für die Taxifahrer. Ihre Kunden sind entrechtete Massen, und wie sie eines Tages aufstehen werden wider das Unrecht, davon werden noch ferne Geschlechter singen und sagen. Soweit ist es allerdings noch nicht. Bis auf weiteres haben die Taxifahrer die Kontrolle.

Ihre Diktatur fußt im wesentlichen auf zwei Grundsätzen, deren erster lautet: Wer mitfährt, entscheidet der Fahrer. Damit ist nicht etwa gemeint, daß Betrunkene, Holländer mit orangefarbenen Perücken oder sichtlich gewaltfreudige Elemente nicht mitgenommen würden - das ist schließlich auch anderswo in Europa guter Brauch. Nein, selbst Fahrgäste, die schon morgens nüchtern und obendrein die Harmlosigkeit selbst sind, können sich der Mitnahme keineswegs sicher sein.

Den Fahrer anbrüllen

Zwar fahren in Athen zahllose Taxis herum, doch man glaube nicht, das hülfe. Manch ein Weitgereister meint womöglich, er müsse nur den Finger heben, und schon werde ein Fahrer anhalten und ihn höflichst zum Einsteigen auffordern, was in der mitteleuropäischen Vorstellungswelt tatsächlich eine logische, in Athen jedoch eine reichlich naive Vorstellung ist.

In Wirklichkeit erlebt nämlich meist etwas anderes, wer in der Hauptstadt aller Griechen ein Taxi heranzuwinken versucht. In der Regel verlangsamt der Fahrer nur das Tempo und sieht den Winkenden herausfordernd an. Der weiß das nicht zu deuten, und bis er sich einen Reim darauf gemacht hat, ist das Taxi weg. Hier gilt es, von den Athenern zu lernen, was zu tun ist. Es ist nämlich zu brüllen. Man muß dem Fahrer sein Fahrtziel entgegenschreien, und wenn ihm die Fahrtrichtung paßt, läßt er den Wildfremden auch tatsächlich in seinen Wagen einsteigen. So kann es kommen, muß aber nicht, denn es gibt weitere Hürden auf dem Weg zum eigenen Taxi in Athen.

Umwege inklusive

Der zweite Grundsatz dieser Athener Sonderform der Ochlokratie lautet nämlich: Wie viele Fahrgäste mitfahren, entscheidet auch der Taxifahrer. Denn darauf muß gefaßt sein, wer tatsächlich ein Taxi errungen hat in Athen - kaum losgefahren, hält der Fahrer wieder an, und läßt einen oder mehrere weitere Fahrgäste zusteigen. Aus ökologischen Gesichtspunkten ist das zwar zu begrüßen in einer Stadt, die trotz merklicher Verbesserungen in den vergangenen Jahren noch immer an schweren Verkehrsrhythmusstörungen leidet.

Wer es jedoch eilig hat, ist nicht immer erbaut von der Aussicht, auf der Fahrt zum nächsten Geschäftstermin in der Innenstadt noch einen Umweg über das Hauptpostgebäude von Piräus zu machen, nur weil zwei nachträglich aufgegriffene Elemente zufällig dorthin wollen. Störend wirkt sich auch der Umstand aus, daß der Chauffeur am Ende meist trotzdem den vollen Fahrpreis verlangt, also auch die auf dem Weg zur Hauptpost in Piräus verfahrenen Kilometer berechnet.

Nicht nur Ausländer sind Opfer

Die griechische Verbraucherschutzorganisation "Inka" hat in der vergangenen Woche zum wiederholten Mal darauf hingewiesen, daß der Fahrer eigentlich fragen müsse, ob er zusätzliche Fahrgäste aufnehmen darf. Aber die Verbraucherschützer stellten laut einem Zeitungsbericht zugleich resigniert fest, daß sich die schlechten Angewohnheiten der Athener Taxifahrer leider nicht mit dem Beginn der Olympischen Spiele in Wohlgefallen oder gar Luft aufgelöst haben. Die Organisation beanstandete auch die Preisaufschläge für transportierte Koffer, die eigentlich nur drei Euro betragen dürften, zuweilen aber sehr individuell der vermeintlichen Haushaltslage (womöglich auch dem Naivitätsgrad) des Kunden angepaßt werden.

Tröstlich ist für den Fremden jedoch, daß keineswegs nur Ausländer Opfer der Athener Taxidiktatur werden. "Die Leute sind eben etwas merkwürdig hier", bestätigte jüngst Herr Kotsoulis, der Grieche unseres Vertrauens. Herr Kotsoulis kann das mit der Autorität des unbeteiligten Beobachters sagen, denn er wurde auf Kreta geboren, hat zwanzig Jahre bei Opel in Rüsselsheim gearbeitet und lebt erst seit 1988 in Athen. Ein Zugezogener also. Von ihm stammt die weiseste Beschreibung Athener Taxifahrer, die uns bisher untergekommen ist: "Die machen, was ihnen einfällt", hat Herr Kotsoulis vor einigen Tagen gesagt.

Drei Euro "Olympiagebühr"

Dann hat er die Geschichte von seiner Schwägerin erzählt, der vorige Woche einer dieser Lenkrüpel nach einer Routinefahrt in der Stadt drei Euro "Olympiagebühr" habe abknöpfen wollen, obwohl ein solcher Aufschlag nur für Anfahrten zu Wettkampfstätten gelte. Ausländer hätten sich davon vielleicht überrumpeln lassen, nicht aber die Schwägerin von Herrn Kotsoulis: Die habe dem Fahrer gedroht, die Sache auf einem Polizeirevier zu klären, woraufhin der die Gebühr für abgesetzt erklärte, berichtet er.

"Es lohnt nicht, sich darüber zu ärgern", sagt Herr Kotsoulis. Erstens sei Taxifahren in Athen eigentlich immer noch viel billiger als in Deutschland, und zweitens seien nur die Fahrer in Athen so verkommen, ihre Kollegen in Thessaloniki oder auf Kreta dagegen die reinsten Heiligen, versichert der Grieche unseres Vertrauens, dem die Taverne "Beim Kreter" am Kaningosplatz gehört, die wiederum kaum hoch genug zu loben ist, weil es dort nie Gyros und Pommes frites gibt, sondern täglich richtiges Essen. Davon bei anderer Gelegenheit.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.8.2004
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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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