Seit Freitag herrscht rund um das Messegelände in Berlin für sechs Tage der Ausnahmezustand: Die Internationale Funkausstellung hat in die Hauptstadt gerufen, um vor staunendem Publikum ein mächtiges Spektakel auszubreiten: Tausende gigantischer Flachbildschirme, rundum vernetzte Digitalmaschinen und winzige Mobilapparate mit ungeahnten Talenten werden die Aufmerksamkeit des Publikums fesseln. Darüber hinaus zeigt sich, anno 2009 zum zweiten Mal, das Schönste und Produktivste, was sich die Hersteller von Hausgeräten für die kommende Saison haben einfallen lassen.
Und wo werden all diese Pretiosen erdacht? In Labors und Elektronik-Denkfabriken, zu denen Normalverbraucher nur selten Zutritt haben. Mit einer Ausnahme: Eine kleine, feine Spezialausstellung innerhalb der IFA, schön neudeutsch TecWatch genannt und in der Messehalle 5.3 zu Hause, zeigt die Technik als Vorschau. Ideen, die vielleicht erst Jahre später in reale Gerätschaften und Dienste einfließen werden, präsentieren sich in dieser Kreativ-Börse schon heute, und wir berichten darüber vorsichtshalber, bevor die Exponate vom Spielplatz des Visionären im allgemeinen Messetrubel untergehen.
Erkennbar von wachsendem Umweltbewusstsein inspiriert
Die Gedanken der Ingenieure sind in diesem Jahr erkennbar von wachsendem Umweltbewusstsein inspiriert. Werden wir zum Beispiel, wenn uns allmählich der Sprit ausgeht, Fahrgemeinschaften und Mitfahrgelegenheiten wiederentdecken? Dann könnten wir natürlich, wie weiland in Nachkriegszeiten, einfach am Straßenrand den Daumen heben, aber es geht auch mit digitaler Eleganz: Mobile Kommunikationssysteme könnten Spontanwünsche nach vereintem Fahren in ihre Funkaktivitäten einbeziehen. Etwa so: Der Fahrer schaltet in seinem eingebauten Navigationssystem die Bereitschaft zur freundlichen Mitnahme frei, und wenn der Mitmensch am Bordstein mit seinem Handy einen entsprechenden Wunsch signalisiert, handelt die Elektronik aus, wo und wann der temporäre Passagier zusteigen kann, samt Management der Kostenbeteiligung. Zu sehen ist die „flinc“ genannte mobile Mitfahrzentrale am Stand der Hochschule Darmstadt.
Für die Hausgeräte-Branche steht das Thema Ressourcenschonung ohnehin ganz oben auf der Tagesordnung. Was das für Techniker und Entwickler bedeutet, können die TecWatch-Besucher am Stand von Samsung exemplarisch studieren, anschaulich in einer 3D-Simulation. Und natürlich zählt auch das vernetzte Haus zu den etablierten Themen, wenn es um rationelleren Umgang mit Energie geht, gepaart mit dem Wunsch nach mehr Komfort. Die Verfechter einschlägiger Ideen haben nun auch das Thema „Cloud Technology“ entdeckt, also die Verlagerung von Rechenleistung ins Internet. Wie das geht und was es bringt, zeigt IBM an seinem Stand.
Fast schon ein klassisches TecWatch-Anliegen
Die Personalisierung künftiger Medien ist fast schon ein klassisches TecWatch-Anliegen. Das Fraunhofer-Institut Fokus etwa hat eine digitale Empfehlungsmaschine entwickelt, die im Hintergrund registriert, wofür sich der Mensch vor der Mattscheibe ganz besonders interessiert, und macht entsprechende Angebote für den interaktiven Abruf. Ein anderes Exponat, „RIA IPTV“ genannt, bringt auf der Basis des Internet-Protokolls Fernsehdienste mit Hilfe von Webbrowsern auf die Bildflächen von Fernsehgeräten, Smartphones und PCs. Dazu passt der Ausstellungsbeitrag, „Web over 3 Screens“. Die Kamera im Notebook, der Bewegungssensor im Mobiltelefon und das Bild des Fernsehers vereinen sich hier über das Internet zu einer Gesamtmaschine, um interaktive Unterhaltungsangebote und neuartige Werkzeuge zum Ausleben der eigenen Kreativität zu schaffen. Die Beuth Hochschule für Technik Berlin hat sich ebenfalls den interaktiven Medien verschrieben. Sie zeigt unter anderem, wie das Internet-Fernsehen IPTV auf ein Handy mit dem Betriebssystem Android kommt und wie Programmanbieter und Werbeindustrie ihre Adressaten künftig mit maßgeschneiderten Angeboten erreichen.
Für Eigenkreationen mit persönlichem Flair hat das Fraunhofer-Institut IDMT einen „Mood-Player“ ersonnen. Dieser Multimedia-Player leistet Unglaubliches: Er erkennt die Stimmung, die Bildern und musikalischen Tönen anhaftet, und stellt so automatisch aus vorhandenen Archiven vertonte Diaschauen zusammen, die unsere Emotionen kongenial über zwei Sinne befeuern. „TecWatch“ gibt darüber hinaus viele Antworten auf die Frage, wie wir morgen unsere Geräte steuern und Informationen aufnehmen - anders ausgedrückt: welche Mensch-Maschinen-Schnittstellen uns helfen, mit der Elektronik natürlich zu kommunizieren. Der italienische Spezialist DICIT etwa hat dazu die Sprachsteuerung so verfeinert, dass die Maschine sich weder von unterschiedlichen Sprechweisen noch von Hintergrundgeräuschen irritieren lässt. Sie versteht einfach Klartext. Das Fraunhofer-Institut für Nachrichtentechnik, Heinrich-Hertz-Institut, baut sein 3D-Know-how aus: „iPoint 3D“ heißt eine bisher einzigartige 3-D-Interaktion mit einem Computer. Die Nutzer sehen alles dreidimensional und können räumlich interagieren - ohne zusätzliche Hilfsmittel wie Brillen oder Datenhandschuhe. Berührungslos erkennt der Computer die Finger und erlaubt die Bedienung von Spielen, 3-D-Modellen und Multimedia-Anwendungen mittels einfacher Gesten. Die Technik ist mehr als nur Spaß im Kinderzimmer: Sie taugt sogar für künftige Cockpits im Auto.
