09.09.2009 · Die Internationale Funkausstellung hat sich auf subtilere Art verändert. Auf der IFA ging es nicht nur um Neuheiten für Spaß und Komfort. Es ging auch um Kurs und Ziele von Medien und Industrien. Ein Resümee von Wolfgang Tunze.
Von Wolfgang TunzeWie schnell wir uns doch an Veränderungen gewöhnen: Dass das gute alte und doch so chronisch innovative Glitzerding IFA noch einmal ohne seine Neuerwerbung, die Messefraktion für Hobbyköche, Kaffee-Komponisten und Wäschepfleger, antreten könnte, ist eigentlich gar nicht mehr so recht vorstellbar: In Berlin begegnen die Protagonisten der Unterhaltungselektronik und der Hausgeräte so einträchtig ihrem Publikum, als hätten sie nie getrennt gekämpft.
Aber die IFA hat sich auch auf subtilere Art verändert. Wir dürfen das heute schon im Stil eines Resümees sagen, denn die Schau endet am Mittwochabend. Zum einen: Hatte sie in früheren Jahren gelegentlich mit dem usurpatorischen Auftreten von Konkurrenzveranstaltungen gehadert, so stellt sie sich heute mit geradezu monolithischem Selbstbewusstsein in den rauhen Wind der Zeiten, als hätte sie den Begriff Krise nie vernommen. Zum anderen: Ein Glitzerding ist sie zwar geblieben, und noch immer schlendern ganze Familienverbände durch die Hallen, um vor gigantischen Bildschirm-Arrangements in Zustände kollektiver Hypnose zu geraten. Aber irgendwie ist das IFA-Klima geschäftlicher geworden, man spürt, dass sich die wirklich bedeutenden Diskussionen auf dem Messecampus sehr viel stärker als bisher um Geschäftsmodelle und strategische Weichenstellungen drehen.
Acht Videos von den Höhepunkten der IFA in Berlin
Generationswechsel des Fernsehens zur superscharfen HDTV-Auflösung
Zum Beispiel um die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen sich der nun endlich bevorstehende Generationswechsel des Fernsehens zur superscharfen HDTV-Auflösung und zur vollständigen Digitalisierung vollzieht. Die öffentlich-rechtlichen Sender verwöhnen ihre Zuschauer auf ziemlich einzigartige Weise. Sie bieten die höhere technische Qualität, ohne dafür extra zur Kasse zu bitten; sie tun es nur indirekt und folglich nicht recht spürbar über Investitionsanteile aus dem Topf der Rundfunkgebühren.
Die Privaten um Sat1, Pro Sieben und RTL wollen ihre Hochzeilen-Angebote nutzen, um mehrere Ziele zu verfolgen: Zum einen soll König Kunde für mehr Qualität auch mehr zahlen - in Form von Gebühren für Zugangs-Smartcards, die zwar nicht sofort, aber nach Jahresfrist erhoben werden sollen. Zum anderen wollen sie den technischen Generationswechsel nutzen, um ihrem Ziel näher zu kommen, nicht mehr nur im Kabel, sondern auch via Satellit verschlüsselt auszustrahlen. Denn sie wollen schon lange die Nutzung ihrer Programme komplett unter ihre Kontrolle bekommen. Astra hat ihnen dazu eine technische Plattform namens HD Plus gebaut - nicht ohne eigene Hoffnung auf strategisch günstige Nebenwirkungen: Noch nie waren die Satellitenbetreiber glücklich darüber, dass die Kabel-Konkurrenz für die Verbreitung der Fernsehsignale munter beim Zuschauer kassiert, während sie als Himmelslieferanten in ihrer historisch gewachsenen Tradition gefangen sind, sich solcher Gebühren zu enthalten. Mit HD Plus und der höheren Bildqualität als Lockmittel könnte dem Satellitenbetreiber ein Hebel erwachsen, dieses Prinzip zu kippen: Sind die Programme erst in umzäuntem Terrain, ist der Rest nur noch cleveres Marketing - Zugang gegen Geld heißt das Prinzip dann einfach. So mögen Verschlüsselung und ein paar Euro Smartcard-Gebühren zwar als tolerabler Tribut an die HDTV-Einführung erscheinen, der nur kleinlichen Nörglern nicht passt. Aber sie sind in Wirklichkeit nur Oberflächenphänomene tiefgreifender Veränderungen.
Wird sich die Kundschaft hinreichend verwirren lassen?
Aus Sicht des Zuschauers stellt sich der Deal so dar: Er darf Bilder in schönerer Fasson gucken, soll dafür aber seine Rechte der freie Nutzung, etwa der beliebigen Aufzeichnung von Programmen und des zeitversetzten Fernsehens, das auch das Überspringen von ungeliebten Werbeblöcken erlaubt, aufgeben. Und mit den Smartcard-Gebühren soll er die Installation des goldenen Digitalkäfigs finanzieren, der, einmal errichtet, dann auch noch als Werkzeug für künftige expansive Preisgestaltung dienen dürfte. Wird sich die Kundschaft hinreichend verwirren lassen, um das für ein unwiderstehliches Angebot zu halten?
Bevor dieses Szenario eine Chance auf Verwirklichung hat, werden weitere Spieler auf den Plan treten und den klassischen Fernseh-Machern noch ganz andere Fragen stellen. Sony etwa hat auf der IFA einen Video-Abrufdienst angekündigt, der bewegte Bilder in hoch aufgelöster Qualität auf die Playstation und auf Notebooks bringt. Damit reagiert der Konzern exemplarisch auf das zeitgemäße Nutzungsverhalten nicht nur ganz junger Leute. Es ist ja nur eines von vielen Beispielen: Das herkömmliche Fernsehen wird immer mehr Konkurrenten bekommen, ob sie nun Maxdome heißen wie jene digitale Online-Videothek, die sich zur IFA in Fernsehern von LG mit einem fest eingebauten Empfangsteil etabliert hat, oder Apple, die längst an ihrem nächsten, diesmal audiovisuellen Mediencoup basteln.
Die Norm hinter dieser Lösung heißt CE-HTML
Herausforderungen wie Chancen kommen auch aus anderen Bereichen des Internets. Ob Samsung oder Sony, Philips oder Panasonic - sie alle holen Web-Inhalte auf die Mattscheibe. Allerdings nicht so wie der PC: Winzige Schriften, kleinteilige Grafik - solche Darstellungsformen taugen nicht für den Genuss im Sessel. Deshalb setzen die Hersteller auf speziell für den Fernsehschirm aufbereitete Inhalte, und was sich dort zeigt, ist bisher stets das Ergebnis von bilateraler Zusammenarbeit von Hersteller und Web-Portal. Das Angebot umfasst Klassiker wie das Daumenkino Youtube, Wetter- und Nachrichtendienste, Sport- und Reise-Infos, aber auch jene Inhalte, die vom klassischen Fernsehen erst kürzlich ins Internet gewandert sind, etwa die Mediathek des ZDF oder die minutenaktuelle Ausgabe der Tagesschau.
Die Zugangstechniken zum Programm aus dem World Wide Web sind ganz unterschiedlich. Samsung führt über Widgets von Yahoo ins Netz, über Mini-Programme also, die sich mit bunten Symbolen auf dem Schirm zeigen und auf Tastenklick jeweils ein spezielles Angebot aufrufen. Andere Hersteller wenden eigene Lösungen an, die den Widgets im Prinzip ähneln. Philips verwendet lieber einen echten Browser, der sich kaum von seinen Artgenossen auf dem PC unterscheidet. Er ist lediglich an die plakativere Darstellung auf dem Fernsehschirm angepasst. Die Norm hinter dieser Lösung heißt CE-HTML.
Konvergenz zwischen Fernsehen und Internet
Die babylonische Zugangsvielfalt hat natürlich heiße IFA-Diskussionen ausgelöst. Denn weitsichtige Marktteilnehmer finden, dass sich die Konvergenz zwischen Fernsehen und Internet, auch Hybrid-TV genannt, erst dann so richtig entfalten kann, wenn einheitliche Standards die Inhalte für alle Geräteplattformen öffnen. Ein europäisches Konsortium aus großen Sendern, dem Münchener Institut für Rundfunktechnik, dem Satellitenbetreiber Astra und Software-Häusern wie ANT und OpenTV hat dazu einen Entwurf mit dem Namen Hybrid Broadcasting Broadband TV vorgelegt. ARD und ZDF zeigen auf der IFA bereits Anwendungen auf der Basis dieses Standardisierungsvorschlags.
Viele Hersteller halten sich mit dem Einstieg ins Web-TV vorerst zurück, bis sich eine breitere Unterstützung offener Standards abzeichnet. Für Loewe etwa haben einschlägige Experimente vorher keinen Sinn. Kein Wunder: Die Franken hatten schon vor 14 Jahren die Hochzeit von Fernsehen und Internet geprobt. Das 2001 entwickelte "Zap2Web" sollte sogar die direkte inhaltliche Verzahnung bringen - etliche Jahre zu früh, wie wir heute wissen. Aber so ganz kann der Hersteller von der Internet-Idee denn noch nicht lassen: Loewe-Geräte, die mit ihrer "Medianetwork"-Ausstattung auf Audio- und Videodateien im Heimnetzwerk zugreifen können, dürfen jetzt auch Hörbücher, Musik und Kulturprogramme einiger Medienpartner aus dem Internet saugen und an die Lautsprecher und den Flachbildschirm bringen. Der Zugriff auf Internet-Radio, seit der IFA sogar unterstützt von einer speziellen iPhone-Software des Herstellers, gehört ebenfalls zum audiovisuellen Repertoire der Loewe-Geräte, und so darf der kleine, feine Unterhaltungselektronik-Hersteller weiterhin als Trendsetter in Sachen Medienkonvergenz gelten.
Auf Kino-Verhältnisse zugeschnittene Beamer-Generation
Und was kommt nach HDTV, Internet-Fernsehen und Media-Streaming? Natürlich der Aufbruch in die dritte Dimension. Sony hat dazu mit einer eindrucksvollen Vorführung nach dem in digitalen Kinos bereits etablierten Verfahren RealD ein Aufbruchssignal gesetzt, auf die Leinwand geworfen mit einem 4K-Projektor aus eigener Entwicklung. Er gehört zu einer auf Kino-Verhältnisse zugeschnittenen Beamer-Generation, die mehr als das Vierfache der HDTV-Auflösung schafft. Da kommt Freude auf, auch wenn man dazu die 3D-Brille aufsetzen muss. Aber es stehen noch viele Fragezeichen vor dem Thema 3D im Wohnzimmer.
Philips zeigt Prototypen von 3D-Bildschirmen in LCD-Technik, von denen einige sogar ohne Brille funktionieren, sagt aber ganz offen, dass man derzeit nicht viel mehr tun könne, als die Marktreife des Themas abzuwarten und die nötige technische Kompetenz zu signalisieren. Panasonic zelebrierte seine IFA-Pressekonferenz sogar ganz im Zeichen spektakulärer 3D-Bilder und kündigte an, die Entwicklung einer Infrastruktur von der Produktion bis zum Fernsehbildschirm in die eigene Hand zu nehmen. Schon im nächsten Jahr will Panasonic Bluray-Player vorstellen, die 3D-Filme abspielen können. Passende 3D-Plasmaschirme soll es auf der nächsten IFA geben.
Richtungsentscheidung zum künftigen 3D-Träger
Das passt zu den Plänen der Bluray Disc Association: Der Industrieclub zur Standardisierung und Vermarktung der Videoscheibe hat sein Medium in einer Richtungsentscheidung zum künftigen 3D-Träger erklärt und schon mal ein paar Eckdaten genannt. Danach sollen die beiden stereoskopischen Bilder für das rechte und das linke Auge die volle HD-Auflösung mit 1080 Zielen haben, und die Abspielgeräte sollen rückwärtskompatibel sein, also auch herkömmliche Bluray-Scheiben wiedergeben. Die übrigen Nachrichten von der Bluray-Front sind unspektakulär: Die Anzahl der Filme wächst munter, die Abspielhardware hat sich in den Heimkino-Anlagen der Welt etabliert, früher noch erwähnenswerte technische Dreingaben wie der Internet-Zugriff über das Ausstattungsmerkmal BD Live zählen heute fast zu den Selbstverständlichkeiten.
Zwei Fußnoten aber wollen wir nicht vergessen: Toshiba, einst Vorkämpfer des gescheiterten Konkurrenz-Formats HD-DVD, mischt mit einem eigenen Player nun auch im Bluray-Lager mit, sicher nicht ganz ohne Wehmut in der Chefetage. Und Panasonic bringt den ersten Bluray-Rekorder für den deutschen Markt, eine Geräteart, die 2008 noch ausschließlich in Frankreich zu haben war.