Das Kürzel HDTV hat in den Ohren der deutschen Fernsehgemeinde einen schon etwas ermüdenden Klang: Jahrelang stand es für die Verheißung einer schöneren Fernsehzukunft mit hoch aufgelösten, glasklaren Bildern, ebenso lange galt es aber auch als Verweis auf den Sankt-Nimmerleinstag: Europäische Nachbarn haben es schon in prächtiger Vielfalt, hierzulande kam der Fernseh-Generationswechsel bisher noch nicht so recht in Gang. Das wird sich in Kürze ändern: ARD und ZDF legen im nächsten Februar definitiv los und bereiten ihren HDTV-Start bereits vom Spätsommer an mit einer Reihe von Probeausstrahlungen vor, Sky, vormals Premiere, hat sein Abo-HDTV erst kürzlich von zwei auf vier Programme aufgestockt, RTL bastelt an seinem baldigen HDTV-Einstieg unter dem Namen HD+.
Neuerdings mischen sich in die Vorfreude jedoch irritierende Debatten über die Art der HDTV-Ausstrahlung. Tenor: Zwei Technik-Klassen stünden zur Auswahl, und die öffentlich-rechtlichen Sender hätten sich nach allzu langer HDTV-Enthaltsamkeit nun auch noch für die schlechtere entschieden. Einzelhandelsverbände erklommen bereits die Barrikaden. Wenn schon HDTV, dann richtig, fordern ihre Funktionäre an die Adresse von ARD und ZDF.
Erst ein Bruchteil der Wahrheit
Tatsächlich tritt HDTV in zwei Varianten an: Das von den öffentlich-rechtlichen Sendern bevorzugte HTDV-Format bringt in jeder Sekunde 50 Vollbilder mit 720 Zeilen auf die Mattscheibe (Fachkürzel: 720p). Die privaten funken lieber in 1080i, das heißt in jeder Sekunde mit 50 Halbbildern im Zeilenraster 1080. Und weil sich Handelsleute mit Zahlen auskennen, schlossen sie messerscharf: 1080 klingt nach mehr als 720, ergo: Mehr ist besser. Aber so einfach ist die Sache nicht.
In jedem 1080-Halbbild stecken in Wirklichkeit nur 540 Zeilen, denn ein Halbbild enthält nur jede zweite Zeile - entweder die erste, die dritte und alle folgenden ungeradzahligen, oder die zweite, die vierte, die sechste und so weiter. Tatsächlich also liefe der Trivialvergleich auf 720 zu 540 Zeilen hinaus, aber auch das ist erst ein Bruchteil der Wahrheit. Denn 1080-Bilder setzen jede Bildzeile aus 1920 Pixeln zusammen, in den Zeilen mit dem 720er-Raster stecken nur 1280 Punkte. Betrachtet man also nur die Pixel-Auflösung, hat die 1080-Variante dann doch die Nase vorn - aber nur um 12,5 Prozent.
Auf großen Flachbildschirmen werden die Macken offenkundig
Doch selbst dieser Vergleich wird den beiden Standards noch nicht gerecht. Denn die rasche Folge von zwei Halbbildern hat Nachteile. Ursprünglich war die Halbbild-Idee, auch Zeilensprung-Verfahren genannt, ein Geniestreich, der den Fernseh-Pionieren der dreißiger Jahre dazu verhalf, mit 50 Hertz eine halbwegs flimmerfreie Bildfrequenz zu erzielen, ohne die Übertragungsbandbreite in unerschwingliche Höhen zu treiben. Dass sich das komplette Bild dabei stets aus zwei aufeinanderfolgenden Halbbildern wie ein Reißverschluss zusammenfügt, störte auf Bildröhren nie sonderlich: Die menschliche Wahrnehmung ist so träge, dass sie die ratenweise Darstellung der Information gar nicht mitbekommt, und die Bildröhren erreichten nie Dimensionen, in denen sich die aus der Zeilensprung-Technik ergebenden Bewegungsunschärfen allzu auffällig bemerkbar machten.
Auf großen Flachbildschirmen aber werden die Zeilensprung-Macken offenkundig: Eine rasch bewegte Hand etwa hat sich im zweiten Halbbild schon ein ganzes Stück von ihrer Position im ersten entfernt. Und eine Laufschrift erscheint in Doppelkonturen: Die Buchstaben-Hälften des zweiten Halbbilds laufen denen des ersten weit hinterher. Weil moderne Flachbild-Fernseher nicht in Halbbild-Technik funktionieren, sondern sämtliche Bildzeilen in einem Zug als Vollbilder auf die Mattscheibe bringen, muss die Elektronik die beiden Halbbild-Informationen zusammenrechnen. Und dabei verwischt sie Konturen schnell bewegter Bildpartien zwangsläufig mehr oder weniger stark.
Zu hohe Kosten für das Wohnzimmer
Die Halbbild-Technik hat also im Zeitalter der Flachbildschirme und der hoch aufgelösten Bilder eigentlich nichts mehr zu suchen. Ideal wäre die Übertragung von 50 Vollbildern je Sekunde mit 1080 Zeilen - in einem Raster, wie zum Beispiel von der Bluray Disc. Aber diese Informationsdichte lässt sich noch nicht zu vertretbaren Kosten ins Wohnzimmer funken. Sowohl 1080i als auch 720p sind Kompromisse: Die eine Variante bringt ein paar mehr Pixel, die andere beugt Bewegungsunschärfen vor. Uns scheint die 720p-Version, für die sich ARD und ZDF entschieden haben, die plausiblere.
Einen Volksaufstand würden wir deshalb aber nicht anzetteln: Beide Versionen sind allemal viel besser als unser bisheriges Dampffernsehen mit den Eckdaten 50 Hertz/ 576i. Und vor allem: Die Qualitäts-Bandbreite der Bildquellen und ihrer Aufbereitung in der gesamten Produktionskette bis hin zur Entscheidung der Sender, mit welchen Bitraten sie die Ergebnisse über den Äther schicken, werden für viel größere Differenzen auf dem Bildschirm sorgen, als sich die Streiter für die Marketing-Kennziffer 1080 träumen lassen.
Die Peinlichkeit des deutschen Fernseh!
Fabian Mueller (Sebastian1982)
- 02.07.2009, 10:34 Uhr
1080i ist besser
Sven Weihusen (highlife)
- 02.07.2009, 11:35 Uhr
was will uns diese werbesdenung sagen??
Martin Teuscher (4oursins)
- 02.07.2009, 11:51 Uhr
720 die richtige Wahl
Stefan Werner (Kameramann)
- 02.07.2009, 12:05 Uhr
Besser und schlechter zugleich
Stefan Werner (Kameramann)
- 02.07.2009, 12:42 Uhr
