07.08.2009 · Green IT. Das klingt gut, das klingt wichtig, das klingt nach Hochtechnologie und Umweltschutz. Doch was steckt wirklich hinter dem schlagkräftigen Slogan, mit dem seit drei Jahren mit schöner Regelmäßigkeit von der Branche geworben wird?
Von Stephan FinsterbuschGreen IT. Das klingt gut, das klingt wichtig, das klingt nach Hochtechnologie und Umweltschutz. Doch was steckt wirklich hinter dem schlagkräftigen Slogan, mit dem seit drei Jahren mit schöner Regelmäßigkeit von der Branche geworben wird? Informationstechnik wird immer Strom verbrauchen; sie wird in der Herstellung ihrer Geräte vermutlich immer toxische Stoffe wie Cadmium, Brom oder Blei verwenden, und sie wird bei der Entsorgung alter Materialien auch immer an die Grenzen enggezogener Umweltauflagen stoßen.
Also alles nur eine Mode, ein Hype, eine große Werbekampagne einer Industrie, die ihr Image aufpolieren will, weil ohne sie ein modernes Wirtschaftssystem nicht mehr auskommt und Ökologie im Trend liegt? Nicht ganz. Denn die Kosten für Energie dürften in den kommenden Jahren wohl weiter steigen, Umweltschutz ist wichtig, und die Sensibilität vieler Verbraucher dafür groß.
Steigende Energiepreise schlagen auf die Herstellungskosten durch
Das wird die Handy-, Bildschirm- und Computerhersteller in aller Welt motivieren, ihre Kosten weiter zu senken, an ihren Umweltbilanzen zu arbeiten und energieeffizientere sowie ressourcenschonendere Geräte auf den Markt zu bringen. Diese sind auch dringend nötig. Denn einerseits schlagen steigende Energiepreise auf die Herstellungskosten durch. Andererseits erfassen IT-Produkte immer weitere Teile des täglichen Lebens und treiben dadurch den Stromverbrauch.
Im vergangenen Jahr entfielen auf die Produkte der Informationstechnik in Deutschland zehn Prozent des gesamten Jahresstromverbrauchs. In wenigen Jahren könnte schon die Hälfte des Stroms in einem Privathaushalt allein durch Computer und Bildschirme fließen. Auch steigen die Kosten für Energie in großen Rechenzentren bis zu achtmal schneller als die Ausgaben für neue Hardware. Damit verschlingen sie oft den Löwenanteil vieler Budgets für die Informationstechnik.
Damit steht sie auf einer Stufe mit der Luftfahrt
Die Branche wird über den Energieverbrauch ihrer Geräte für mittlerweile zwei Prozent der Emission von Kohlendioxid auf der Welt verantwortlich gemacht. Damit steht sie auf einer Stufe mit der Luftfahrt. Das ist nicht nur schlecht für die Atmosphäre, das ist auch schlecht für das Image - und großen Marken ist viel an einem sauberen Bild ihrer selbst gelegen. So hat sich seit dem Aufkommen der ersten sogenannten Öko-Computer Anfang der neunziger Jahre einiges getan.
Seit etwa zehn Jahren arbeiten die großen Hersteller gezielt an einem sparsameren Verbrauch und einem höheren Maß an Umweltverträglichkeit - von stromeffizienteren Chips und Computern über Softwareoptimierungen und besser ausgelastete Rechenzentren bis hin zum Recycling alter Produkte. Angetrieben werden sie zum einen durch die von der Politik gesetzten Rahmenbedingungen und Vorgaben für die offizielle Zertifizierung wie die Umweltmanagementnorm ISO 14001. Hinzu kommt aber verstärkt ein Eigeninteresse der Unternehmen an werbewirksamen ökologisch orientierten Selbstverpflichtungen, auf die etwa IBM, Google, Hewlett-Packard, SAP, Samsung oder Fujitsu gern hinweisen.
Die IT-Hersteller werden nie wirklich „grün“ sein
Benötigte beispielsweise der Bildschirm eines Computers vor zehn Jahren noch doppelt so viel Strom wie der darunter stehende Rechner, so lässt sich dieses Verhältnis heute leicht umkehren. Erstreckte sich in vielen Unternehmen der Einsatz von IT vor wenigen Jahren ausschließlich auf die Verbesserung von Abläufen von Arbeitsprozessen, so kann er heute auch den sparsamen Einsatz kostenintensiver Ressourcen wie Strom oder Wasser besser steuern.
Daher haben Wirtschaft und Politik auf Deutschlands Informationstechnik-Gipfel im vergangenen November gut daran getan, einen Aktionsplan vorzulegen, der den grünen Pfad der Branche beschreibt. Mit Hunderten Millionen Euro will die Bundesregierung die Forschung und Entwicklung umweltverträglicher Geräte voranbringen und neue Konzepte entwerfen lassen, die von der digitalen Erzeugung der Information bis hin zu deren Speicherung mehr Energieeffizienz gewähren. Das ist in Zeiten des - vielfach panikartig - prognostizierten Klimawandels, der weiterhin steigenden Energiekosten sowie rasant wachsender Müllhalden eine sicherlich lohnende Anstrengung. Doch sollte man sich auch der Grenzen bewusst sein: Die IT-Hersteller werden nie wirklich „grün“ sein. Das können sie gar nicht. Sie werden immer wichtige Ressourcen verbrauchen und über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg die Umwelt belasten. Die Frage ist lediglich, in welcher Form und in welchem Umfang.
Hinter dem Slogan von der Green IT steckt der ernst zu nehmende Versuch, eine Industrie so umweltverträglich wie möglich zu machen. Dieses Vorhaben wird aber nur dann vorankommen, wenn nicht in erster Linie die Politik die Entwicklung fördert. Je umweltbewusster sich auch die Kunden verhalten, indem sie die Anstrengungen bei ihrer Kaufentscheidung honorieren, desto größer ist der Anreiz der Unternehmen, neue Standards zu setzen.