05.08.2009 · Eine neue Technik soll die Zugangshürden zum Digitalfernsehen endlich überwinden. Denn Digitalfernsehen bringt bessere Bildqualität. Aber die Technik schafft auch die Basis für mehr Kontrolle und Verbote. Was wiegt schwerer?
Von Wolfgang TunzeDigitalfernsehen bringt bessere Bildqualität. Und viel mehr Programme aus allen Winkeln des Kontinents. Und komfortable Programminformationen. Vom superscharfen HDTV, das jetzt schon keimt und vom kommenden Jahr an in prächtiger Auswahl über digitale Kanäle über uns kommt, ganz zu schweigen. Stimmt's?
All das ist richtig, und so macht die moderne Technik rundum mehr Spaß, solange man sie über Astra-Kanäle bezieht. Oder über terrestrische Antennen. Selbst Kabelkunden genießen Digitalfernsehen frohen Herzens, solange sie sich auf den Konsum der unverschlüsselten öffentlich- rechtlichen Programme beschränken. Möchten sie mehr - etwa auch ProSieben, Sat.1 oder RTL, die von den großen Netzbetreibern Unity Media und Kabel Deutschland ebenso verschlüsselt ausgestrahlt werden wie die Abo-Kanäle von Sky (früher Premiere) -, dann lernen sie ein Phänomen kennen, das den Spaß oft genug gründlich verdirbt. Bisher ist das kommerzielle Digitalfernsehen eine Welt voller Zugangshürden.
Rat gesucht und Glück gehabt
Zur Verdeutlichung müssen wir gar keine fiktive Geschichte erzählen. Wir berichten einfach, was Kabelkunde K., ein höchst real existierendes Mitglied der Redaktion von Technik und Motor, in seiner Eigenschaft als privater Medienkonsument erlebte. K. wohnt im Einzugsgebiet von Unity Media, jenes Kabelbetreibers, der Westdeutschland und Hessen abdeckt. Er fand, es sei an der Zeit, endlich einmal die digitalen Dienste dieses Anbieters in Anspruch zu nehmen, und legte sich dafür einen Flachbildfernseher zu, der praktischerweise ein kabeltaugliches Digitalempfangsteil gleich an Bord hat. Das sollte er aber nicht benutzen, sondern die vom Netzbetreiber als Bestandteil des Abos zur Verfügung gestellte Settop-Box. Dazu hatte K. keine Lust, denn die Box, eine ziemlich windige Büchse mit einer billigen Fernbedienung und ohne moderne HDMI-Schnittstelle zur verlustfreien Übertragung der Bildsignale an den Fernseher, gefiel ihm nicht. Und auf den eigentlich überflüssigen Kabelsalat war er auch nicht scharf.
K. suchte Rat bei der Service-Hotline des Kabelbetreibers und hatte Glück: Der Berater gab ihm den Tipp, sich ein Alphacrypt genanntes Common-Interface-Modul des Herstellers Mascom zu besorgen, es in den passenden Schacht seines Fernsehers zu stecken und dort seine Abo-Smartcard einzuschieben. Nach einigen Umwegen funktionierte die Sache am Ende tatsächlich. Ohne den freundlichen Hinweis aber hätte K. lange forschen können: Mascom darf die Kabelkompatibilität seiner Module aus Lizenzgründen nicht erwähnen oder bewerben - ohne Flüsterpropaganda geht da gar nichts. Und hätte K. seinen Wohnsitz in Hamburg, das zum Territorium von Kabel Deutschland gehört, wäre er grandios gescheitert: „Da hat man Ihnen einen schönen Bären aufgebunden“, ließ die Hotline-Dame uns abblitzen, als wir ihr erzählten, wir hätten da etwas von Alphacrypt gehört. „Das funktioniert nicht.“ Das tut es zwar doch, aber nur mit Klimmzügen: Kabel Deutschland verteilt eine Reihe verschiedener Kartentypen. Bekommt der Kabelkunde zusammen mit seiner Zwangs-Settop-Box eine Smartcard mit der Nummer D09 oder K09, muss das Alphacrypt-Modul zunächst auf einen früheren Software-Stand gebracht werden; viele Händler erledigen das unter der Hand.
König Kabelkunde bekommt sie in den Halbwelt-Sphären des Internets
Noch kniffliger wird es, wenn Kabel Deutschland im nächsten Herbst sein bisheriges Verschlüsselungssystem Nagravision um das System Videoguard von NDS ergänzt. Mit NDS muss selbst ein Mascom-Modul passen; also wird man den Kabelbetreiber irgendwie dazu bringen müssen, eine Nagra-Smartcard herauszurücken. Zum Beispiel, indem man behauptet, man habe aus früheren Zeiten noch eine alte D-Box 2. Deren Seriennummer gilt es dann aber nachzuweisen. König Kabelkunde bekommt sie in den Halbwelt-Sphären des Internets - oder ganz handfest, indem er bei ebay tatsächlich ein museales Gerät ersteigert, von dem er dann nichts als die Nummer braucht. Mit solchen lausigen Tricks müssen sich selbst seriöse bürgerliche Haushalte befassen. Denn in deren Wohnzimmern stehen eine Menge prächtig ausgestattete und deshalb kostspielige Fernseher, etwa die smarten Designmodelle von Loewe, deren digitale Empfangsteile man mit weniger pubertären Methoden einfach nicht an den Anschluss von Kabel Deutschland bringt. Und wer will ein repräsentatives Stück Unterhaltungselektronik schon mit einer billigen Settop-Box verheiraten?
So wird Digitalfernsehen unversehens zum Abenteuerparcours mit Täuschen und Tarnen, Schwarzmarkt-Charme und Hacker-Romantik. Betrifft all das nur Minderheiten, die in hölzerner Sturheit die Netzbetreiber-Boxen verweigern? Mitnichten: Immerhin gibt es rund zehn Millionen Geräte mit Common Interface in deutschen Haushalten, und selbst wenn nur ein Bruchteil ihrer Besitzer wirklich verschlüsselte Kabelprogramme gucken will, so stellen sie doch ein beträchtliches potentielles Publikum. Der Technik-Spuk treibt inzwischen bizarre Blüten: Hersteller wie Panasonic und LG verheimlichen ihrer Kundschaft neuerdings, dass ihre Fernsehgeräte mit normgerechten digitalen Kabelempfängern ausgestattet sind; die deutschsprachigen Bedienmenüs verstecken das komfortable Ausstattungsmerkmal einfach, damit es nur ja keinen Ärger mit den hiesigen Kabelbaronen gibt. Das Bundeskartellamt beobachtet dieses Treiben schon seit Monaten. Denn die Behörde hegt den Verdacht, dass die Kabelbetreiber ihre Marktmacht missbrauchen, um ein Empfangsgeräte-Monopol zu etablieren und die Hersteller von Fernsehern mit eingebautem Empfangsteil vom Markt auszuschließen.
Fast 70 Prozent aller Kabelkunden gucken immer noch analog
Das Publikum stimmt derweil mit seinem Nutzungsverhalten ab: Fast 70 Prozent aller Kabelkunden gucken immer noch analog. Astra dagegen vermeldet nur noch 30 Prozent Analog-Seher und diskutiert bereits über den Zeitpunkt des Komplettausstiegs aus der alten Technik. Die digitale Kabelverweigerung speist sich auch aus ganz banalen Ärgernissen: Der Betrieb eines Zweitgeräts, für Analog-Kunden kostenlos und technisch die einfachste Sache der Welt, kostet für die Digital-Klientel extra: Kabel Deutschland verlangt einmalig 25 Euro für eine zweite Smartcard, und wer eine Zweit-Settop-Box braucht, kann sie beim Netzbetreiber für weitere 99 Euro kaufen. Unity Media kassiert sogar regelmäßig: Monatlich fünf Euro sind der Preis für den Luxus einer Zweit-Karte.
Panasonic, Philips, Samsung und Sony haben nun auf eigene Faust nach einem Weg gesucht, wenigstens das marktbremsende Endgeräte-Desaster zu beenden: Sie bohrten den CI-Standard zu CI Plus auf, einer Modul-Lösung, die alle Kopierschutz-Anforderungen von Rechte-Inhabern und Netzbetreibern erfüllen soll (siehe Kasten). Philips und Sony haben ihre jüngsten Gerätemodelle bereits mit CI- Plus-Schnittstellen ausgerüstet, die meisten anderen großen Hersteller werden zur Internationalen Funkausstellung Anfang September mit einem breiten Geräteangebot folgen. Für Rainer Hecker, den Aufsichtsratsvorsitzenden des Unterhaltungselektronik-Verbands gfu, erfüllt sich damit ein Traum, der so alt ist wie das Digitalfernsehen selbst: „Endlich haben wir damit die Chance, Geräte anzubieten, die ohne Zugangskomplikationen alle digitalen Programme empfangen können.“ Vorausgesetzt, die Kabelbetreiber spielen mit, aber das wollen sie offenbar tun: Kabel Deutschland, Kabel Baden-Württemberg und Unity Media haben sich in unterschiedlicher Deutlichkeit für das Projekt ausgesprochen, Kabel Deutschland will sogar noch in diesem Jahr CI-Plus-Entschlüsselungsmodule anbieten.
Hilfe mit einer „Revocation List“
CI-Plus-Geräte werden rückwärtskompatibel sein. Das heißt: Empfangslösungen, die heute mit einem herkömmlichen CI-Modul funktionieren, werden auch weiterhin auf Empfang gehen, wenn man das alte Modul in einen neuen Fernseher mit CI-Plus-Schacht steckt. Das spricht durchaus für die neue Apparategeneration. Kritiker empören sich aber schon jetzt über absehbare Nachteile. Denn CI Plus ermöglicht den Programmanbietern eine ganze Reihe von Nutzungseinschränkungen. Die Sender können zum Beispiel bestimmte Programme oder einzelne Sendungen mit einem Aufzeichnungsverbot belegen. Oder sie können dafür sorgen, dass sich Werbeblöcke beim zeitversetzten Fernsehen nicht mehr im schnellen Vorlauf überspringen lassen; damit hätten wir dann die Reklame-Zwangsbetankung. Mit Hilfe einer „Revocation List“ könnte der Netzbetreiber außerdem Gerätemodelle, die er als nicht mehr hinreichend sicher betrachtet, komplett vom Empfang ausschließen. Und muss der Fernseher einmal repariert werden, geht unter Umständen sein implantierter digitaler Schlüssel verloren. Die Folge: Alle Aufnahmen, die sich in verschlüsselter Form auf einer eingebauten Festplatte befinden, lassen sich nicht mehr sichtbar machen. Ein weiterer praktischer Nachteil: CI Plus kann nur einen einzigen digitalen Fernseh-Datenstrom dekodieren. Konkret heißt das zum Beispiel: Wer RTL aufzeichnet, kann nicht gleichzeitig Sat.1 gucken.
Dass die Sender das ganze Arsenal ihrer restriktiven Möglichkeiten umfassend einsetzen werden, darf man bezweifeln. Aber allein die Tatsache, dass sie es könnten, hinterlässt ein ungutes Gefühl. Für Mascom-Geschäftsführer Heinz Gruber ist der Fall sonnnenklar: „Niemand kämpft für den Einbau solcher Werkzeuge, wenn er sie nicht auch einsetzen will. Zu Anfang wird das sicher nicht geschehen. Aber ist die technische Basis erst etabliert, schnappt die Falle zu.“ Salamitaktik dürften Kritiker wie Gruber auch hinter der jüngsten Initiative des Satellitenbetreibers Astra wittern, mit HD+ eine technische Plattform für kommerzielle HDTV-Programme anzubieten, die, richtig geraten, dann natürlich verschlüsselt sind. RTL und Vox wollen hier schon im November, Sat.1, Pro Sieben und Kabel eins im Januar 2010 die Parallel-Ausstrahlung ihrer Programme in HD-Qualität starten. Im ersten Jahr ist der Spaß kostenfrei, später soll die nötige Smartcard gegen Gebühren zu haben sein. So hätten wir dann Unterbrecherwerbung plus Smartcard-Gebühr - ein auffallend charmantes Geschäftsmodell. Als Empfänger wird Astra spezielle Settop-Boxen anbieten, später sollen auch CI-Plus-Geräte funktionieren. Das ist nun schon der dritte Astra-Versuch, die Migration ehemals frei empfangbarer Programme in die Welt der Verschlüsselung zu fördern. Der erste hieß Dolphin, der zweite Entavio, beide sind gescheitert. Jetzt soll HDTV den Einstieg versüßen.
Kein einziger Fall großangelegter Medienpiraterie bekannt
Dies alles wird nicht gleich den Untergang des Abendlands bewirken, wir sehen aber Anlass genug für ein paar grundsätzliche Anmerkungen. Dass digitale Inhalte schützenswerte Wirtschaftsgüter sind, ist mit unserem Weltbild durchaus vereinbar. Folglich bringen wir hinreichend Verständnis dafür auf, dass ein Filmstudio es nicht hinnehmen kann, wenn seine jüngste Produktion in hoher Auflösung als Raubkopie durch das Internet mäandert. Aber das Projekt, eine so komplexe Infrastruktur wie das Fernsehen bis zum letzten Empfänger und zum letzten Bit komplett wasserdicht machen zu wollen, überschreitet die Verhältnismäßigkeit der Mittel bei weitem.
Einmal abgesehen von der Internetseite Youtube, die unter Googles Fittichen mit den Urheberrechten anderer Leute erstaunlich schmerzfrei umgeht, ist kein einziger Fall großangelegter Medienpiraterie bekannt, der eine mitgeschnittene Fernsehsendung als Datenquelle gehabt hätte. Wozu denn auch: Bevor ein populärer Film in einen Fernsehkanal gelangt, ist er längst als DVD oder als Bluray Disc erschienen - ohne Senderlogo und in bestmöglicher Qualität. Wie man eine DVD kopiert, weiß jedes Schulkind. Und wie man eine Bluray-Scheibe knackt, ist zumindest jedem professionellen Raubkopierer bekannt.
Noch kein Hollywood-Studio ist daran zugrunde gegangen
Überzogener Kopierschutz im Fernsehen trifft vor allem diejenigen, die gern mal eine interessante Dokumentation oder einen unterhaltsamen Film ohne Komplikationen mitschneiden und vielleicht sogar auf eine DVD brennen möchten, um die Konserve an Schwester, Onkel oder Freund als kleine Anregung oder freundliche Geste weiterzureichen. Daran ist unseres Wissens noch kein Hollywood-Studio zugrunde gegangen. Die Einengung von Nutzungsrechten läuft im Übrigen auch dem immer aktiveren Umgang mit digitalen Medien entgegen, den junge Leute vom Internet her längst gewohnt sind. Sie schicken Videos durchs Heimnetzwerk und schauen sich bewegte Bilder auf allen möglichen Endgeräten an, von der mobilen Spielekonsole über das Notebook bis hin zum iPod. Fernsehen, das nur in einem digital verriegelten, zentralen Hausaltar stattfindet, wird der Klientel von morgen wie ein vermufftes Relikt aus einer verflossenen Ära vorkommen, kurzum uninteressant.
Vielleicht aber wird die Phalanx der Medienkonzerne und Netzbetreiber auch eines Morgens aufwachen und sich die Augen reiben, weil ihr über Nacht die wundersame Erkenntnis zugewachsen ist: Ein Kunde ist kein finsterer Feind, sondern ein tendenziell freundliches Wesen, das gern für die schönen Dinge des Lebens angemessen zahlt, wenn es sie einfach, flexibel und ohne Rundumüberwachung genießen kann.
Der Generationswechsel der digitalen Zugangstechnik
Das Common Interface (CI) ist eine vom DVB Project, der Standardisierungsorganisation des europäischen Digitalfernsehens, genormte Schnittstelle für digitale Fernsehempfänger. Hier lässt sich ein Modul einstecken, das verschlüsselte Fernsehprogramme für die Wiedergabe aufbereitet. Eine Smartcard, die der Programmanbieter oder der Netzbetreiber liefert, schaltet die Entschlüsselungsfunktion frei. Der Vorteil dieser Lösung: Durch Modulwechsel oder den Einsatz von Kombimodulen kann das Gerät verschlüsselte Programme ganz unterschiedlicher Anbieter und ebenso unterschiedlicher Verschlüsselungen auf den Bildschirm bringen. Ein CI-Schacht in einem Fernseher mit eingebautem Digital-Empfangsteil macht sogar Settop-Boxen samt Kabelsalat überflüssig. So weit die schöne Theorie der DVB-Altvorderen. Sie hat nur einen Haken: Der Standard zwingt keinen Programmanbieter, Module und Smartcards für die CI-Schnittstelle zur Verfügung zu stellen.
Und so sieht die Sache in der Praxis aus: Keiner der großen Kabelbetreiber in Deutschland unterstützt die CI-Schnittstelle offiziell. Für vorhandene, in einigen Netzen funktionstüchtige Module gibt es die Smartcards meist nur unter der Hand - und ohne Garantie für langfristige Funktion. Der Grund: Den Hollywood-Studios, Netzbetreibern und kommerziellen Programmanbietern ist das DVB-CI nicht sicher genug, denn das herkömmliche CI-Modul entlässt die entschlüsselten Fernsehsignale ohne weiteren Kopierschutz ins Geräteinnere (obere Grafik). Das bedeutet auch: Hat das Empfangsgerät eine Festplatte für zeitversetztes Fernsehen, so werden die Video-Datenströme unverschlüsselt aufgezeichnet. Um die CI-Idee zu retten und damit auch am Ziel festzuhalten, für alle digitalen Programme geeignete Universalgeräte anzubieten, haben einige führende Hersteller die Schnittstelle zu CI Plus weiterentwickelt. Hier sorgt das Modul für eine Rückverschlüsselung; die Signale bleiben also innerhalb des Empfangsgeräts verschlüsselt und nehmen erst unmittelbar vor dem Bildschirm wieder unverschlüsselte Form an (siehe Grafik). Diese Architektur erlaubt auch die Einführung digitaler Rechte-Minderungssysteme: Programmanbieter können zum Beispiel festlegen, ob und unter welchen Bedingungen Sendungen aufgezeichnet werden dürfen.
Premiere
Klaus Dieter (Leser2009)
- 05.08.2009, 13:15 Uhr
Wann umsteigen?
Christian Becker (cjb-78)
- 05.08.2009, 13:49 Uhr
kommt gar nicht in die Tüte
Christoph Anschütz (Anschuetz)
- 05.08.2009, 14:20 Uhr
Ein Fall für das Kartellamt
Dr. Andreas Frick (Hephaistos)
- 05.08.2009, 16:01 Uhr
Digitale Wunderwelten
Andreas Bächtle (Andreas_B.)
- 05.08.2009, 16:07 Uhr