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Silke Tesch Die Geschichte eines Kindes

08.08.2009 ·  Silke Tesch gehört zu den vier hessischen SPD-Abgeordneten, die verhindert haben, dass Andrea Ypsilanti mit Hilfe der Linkspartei Ministerpräsidentin werden konnte. Ein Porträt von Volker Zastrow, der ein Buch über die vier sogenannten Abweichler geschrieben hat.

Von Volker Zastrow
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Silke Tesch gehört zu den vier hessischen SPD-Abgeordneten, die verhindert haben, dass Andrea Ypsilanti mit Hilfe der Linkspartei Ministerpräsidentin werden konnte. Keiner der vier ist noch im Hessischen Landtag. In der Woche nach ihrer Pressekonferenz im vergangenen November bekamen Dagmar Metzger, Jürgen Walter, Carmen Everts und Silke Tesch viele tausend Mails und Briefe. Drei Viertel davon waren positiv, begeistert. Ein Viertel war negativ, manche hasserfüllt. Bei solchen Mails stand im Betreff: Hau ab, Verräter, Du widerliche Sau, Schwein, Schlampe. Viele zitierten den Slogan der alten KPD: „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten.“ Weggelassen wurde die Fortsetzung: „Wer macht uns frei? Die Kommunistische Partei!“

Uwe T. schrieb Silke Tesch: „Verpiss dich, das wäre das Beste, denn du Schlampe stehst für 2,5 Mio. Kinder in Armut, 7 Mio. Arbeitnehmer, die für Hungerlöhne arbeiten und, nicht zu vergessen, die Behinderten, die in Hartz IV vegetieren, denn das findest Du doch super. So was Erbärmliches wie Dich Schlampe gehört entsorgt und zwar sofort.“

Häschenschule

Zur Einschulung gab es früher das Bilderbuch „Die Häschenschule“, in der ein respektheischender Hasenlehrer, streng durch seinen Zwicker blickend, die Hasenkinder hütete. Die Kleinen sollten Lesen, Schreiben, Rechnen lernen, außerdem gewissenhaft Ostereier bemalen, und es wurde ihnen eingeschärft, sich auf dem Heimweg vor dem Fuchs zu hüten.

1966 endeten die Sommerferien in Hessen am 16. August, und am letzten richtigen Ferientag, dem Freitag, war das Thermometer in Wallau auf fast 34 Grad gestiegen. Dann kühlte es sich ab. Am Montag der zweiten Schulwoche regnete es morgens. Silkes Mutter hatte ihr aufgetragen, nach der Schule zum Bahnhof zu gehen; von dort wollten sie zusammen mit der kleinen Schwester und dem Baby zur Tante fahren. Aber der Unterricht endete an diesem Tag schon nach einer Stunde, die Zweitklässler wurden vorzeitig nach Hause geschickt.

Fünf Kinder gingen zusammen, vier Mädchen und ein Bub, mit den damals modernen Namen Angelika, Werner, Silke, Brigitte, Birgit. Sie liefen von der Schule durch den Nieselregen, erreichten die Hauptstraße des Dorfes und zogen auf dem Gehweg ein Stück hinauf Richtung Osten. Ihre Schulranzen waren klein und aus Leder und nicht halb so schwer wie die der Kinder heute, es waren nur Fibel, Rechenbuch, zwei Hefte und Mäppchen darin. Die Kinder selbst, vor allem die Mädchen, waren mit ihren acht Jahren zierlich und leicht: Noch immer konnten ihre Väter sie mühelos auf den Arm nehmen.

Silke hatte ihr Pausenbrot aus dem Pergamentpapier gewickelt und davon abgebissen. In der Ortsmitte hätten die Kinder nach links abbiegen sollen, blieben aber stehen, denn hier zog sich der Gehweg, nicht breiter als ein Handtuch, direkt am offenen, nur durch ein Mäuerchen von leidlich einem Meter Höhe abgetrennten Hainbach entlang. Hinter dem Bach lag die Schreinerei der Familie Balzer, daneben das Wirtshaus „Zur Linde“, auf der anderen Straßenseite befand sich die Metzgerei Unkel, und schräg gegenüber saß der Schuhmacher Achenbach in seinem Geschäft. Die Kinder liebten es, an dieser Stelle ins Wasser zu schauen, aber ihre Eltern hatten ihnen eingeschärft, dass sie schnell weitergehen sollten, denn der Gehweg war am „Brückelchen“ schmal zwischen Mauer und Straße geklemmt und die Kurve gefährlich. An diesem Tag jedoch glitzerte etwas silbern im Bach; die Kinder blieben an der Mauer stehen und versuchten zu erkennen, was es war. Ein Schmuckstück?

An der „Höllenecke“

Der Lastwagen kam aus Biedenkopf, er fuhr auf der Bundesstraße 62 nach Süden. Es war ein Dreiachser der Firma Krupp, am Kühlergrill seiner weit vorgewölbten Haube prangten drei Ringe, die ursprünglich einmal Eisenbahnräder symbolisiert hatten: Der Bau von Lastkraftwagen war nur ein Nebengeschäft des Industriegiganten. In jenen Jahren mussten die schweren Dieselmaschinen der Laster noch geduldig vorgeglüht werden, und wenn sie dann, laut nagelnd und polternd, endlich in Gang kamen, rüttelten und schüttelten sie so, dass die breiten Bleche über den Vorderrädern mit ihren Peilstäben, an deren Spitzen Kugeln wie aus Elfenbein steckten, stürmisch schwankten. Die Wagen hatten Gesichter wie Gottheiten von Bären oder Hunden, mit gewaltigen vorstehenden Schnauzen, doch bei diesem war die Schnauze stumpf, gleich einer Bulldogge oder einem Boxer. Der Krupp K 340 F gehörte zum technisch Besten, was es damals gab.

Das Kopfsteinpflaster war regennass, als der Wagen die abschüssige Straße hinunterkam, hinter sich einen doppelachsigen Hänger; zusammen wog die Fuhre an die zweiunddreißig Tonnen, in Schach gehalten von gut zweihundert PS und gleich drei exzellenten Bremssystemen. Das Gefälle von 6,5 Prozent endete in der Ortsmitte. Dort folgte die Straße einer Linkskurve, nicht besonders scharf, aber uneinsehbar. Kurz davor machte die Fahrbahn einen kleinen Schlenker nach rechts. Bei den Einheimischen hieß das harmlos aussehende Straßenstück mit der leichten Verschwenkung und der anschließenden Kurve die „Gasse“; im Rennsport nennt sich so ein Streckenverlauf Schikane. Hier gab es häufig Unfälle, und nicht selten verirrten sich die Autos dabei in die Schaufenster der umliegenden Geschäfte.

„Höllenecke“ - noch so ein Begriff der Wallauer für diese Stelle, der Berg darüber hieß „Höllenstein“. Und hier verlor auch der Fahrer des Krupp-Lasters die Kontrolle über sein Gespann. Die Zugmaschine geriet ins Schleudern, der Hänger brach aus und krachte in die niedrige Mauer rechts der Straße vor dem Bach - wo die Kinder standen.

Stolz der Verwundeten

Schreiner Balzer hörte den Knall. Er meinte sogar, einen harten Schlag zu spüren. Er rannte aus der Werkstatt und sah den Lastwagen, dessen Anhänger die Mauer durchbrochen hatte: Die Achse ruhte auf deren Resten, das hintere rechte Rad hing in der Luft. Dann sah Karl Balzer drei Mädchen im Bach. Zwei von ihnen lagen gleich vornan. Balzer sprang hinab, hob die Kinder nacheinander hoch und gab sie an die Männer weiter, die ebenfalls herbeigelaufen waren. Die ersten beiden Mädchen schrien und weinten vor Angst oder Schmerzen, aber sie bluteten nicht und hatten keine ins Auge fallenden Verletzungen, obwohl es sie, wie sich bald herausstellte, übel erwischt hatte. Die Männer, darunter Schuhmacher Achenbach, trugen sie um die nächste Straßenecke zu Doktor Krämer, dessen Praxis nur zwei Häuser weiter in der Forsthausstraße war.

Das dritte Mädchen war etwas weiter geschleudert worden, es lag im Bach reglos auf der linken Seite. Der einunddreißig Jahre alte Balzer erkannte Silke nicht, mit deren Vater er selbst zur Schule gegangen war. Er sah nur ihre Beine. Auch sie blutete kaum, obwohl sie grässliche Wunden hatte. Balzer erblickte das offene Fleisch, weiß „wie unter dem Fingernagel“. So eine große Wunde hatte er noch nie gesehen. Als Balzer das Kind hochhob, schlackerte das linke Bein unterhalb des Knies lose herum, als würde es nicht mehr zum Körper gehören.

Inzwischen hatte sich ein Menschenauflauf gebildet; die Leute schimpften und fluchten über die Gefahrenstelle, die längst hätte beseitigt werden sollen. Aber es waren fünf Kinder gewesen, die an der Mauer gestanden hatten. Wo waren die anderen beiden? Man suchte sie, bis sich herausstellte, dass Werner und Angelika nach Hause gelaufen waren, als hätten sie den Teufel im Nacken. Werner hatte den Unfall kommen sehen und noch vier Jahrzehnte später das Gefühl, er sei schuld gewesen: Denn er war es, der das glänzende Teilchen im Bach entdeckt hatte, stehen geblieben war und die Mädchen darauf aufmerksam gemacht hatte.

Um Leben und Tod

Er sah den Lastwagen die Straße herabkommen. Dann schaute er wieder in den Bach. Was da lag, sah wie ein Füller aus. Die Kinder guckten. War der Lastwagen nicht merkwürdig schnell gewesen? Der Bub blickte wieder die Straße hinauf. Er sah, wie der Wagen ins Schleudern geriet, wie der Hänger auszubrechen drohte; er stieß Angelika, die vor ihm stand, nach vorn und rannte los. Er fühlte den mächtigen Luftstoß des Hängers fast wie einen Schlag im Nacken. Nach einigen Metern drehte er sich angsterfüllt um. Angelika lief weiter. Das Hinterrad des Hängers hing über der Mauer. Die Mädchen waren verschwunden. Werner rannte und rannte.

Zu den Männern, die herbeigelaufen waren, hatte auch Karl-Ludwig Dersch gehört, ein einundzwanzig Jahre alter Handelsvertreter. Er stand gerade in der Metzgerei, als er den Knall hörte. An der Unfallstelle nahm er von Balzer ein Mädchen entgegen und lief mit dem Kind auf den Armen zum Arzt um die Ecke. All das spielte sich in nicht viel mehr als einer Minute ab, aber noch heute sieht auch Dersch die Wunden an Silkes Beinen vor sich. „Der Krämer war ja Militärarzt im Krieg“, sagt Balzer, „der hatte wirklich Ahnung von solchen Verletzungen. Er hat das Bein vermutlich abgebunden.“ Tatsächlich habe die Kleine später, als sie nach vielen Monaten aus dem Krankenhaus zurückkehrte, ihre Prothesen wie eine Heldin getragen, mit einem gewissen Stolz.

„Als käme sie aus dem Krieg“, sagt Balzer. „Eine starke Persönlichkeit“, sagt Dersch, „sie ist immer ihren Weg gegangen, hat viel gekämpft, hat nie gejammert.“ Beide Männer beschäftigt noch immer, dass die Mädchen mit dem Leben davongekommen sind. „Eigentlich hätten die Kinder Brei sein müssen“, sagt Dersch: Da habe der Herrgott seine Hand im Spiel gehabt. Eines der beiden anderen Mädchen hatte offene Brüche an den Unterschenkeln, das andere eine Schädelverletzung mit schwerer Gehirnerschütterung. Bei Silke aber ging es um Leben und Tod.

In die Klinik

Wie sie in den Bach gekommen war, wusste Silke nicht. Nur noch, dass sie dort gestanden hatte und dann auf einmal im Wasser lag. Sie versuchte aufzustehen. Die Beine knickten ein. Sie hörte Birgit und Brigitte furchtbar schreien, konnte aber nicht sehen, was mit ihnen war, konnte überhaupt nichts sehen. Sie versuchte, sich das Blut aus den Augen zu wischen. Es ging nicht. Dann fühlte sie, wie sie aufgehoben und zum Doktor getragen wurde.

Lange war sie dort nicht, ein Krankenwagen brachte sie in die dreißig Kilometer entfernte Uniklinik nach Marburg. Im Krankenwagen kamen die Schmerzen. Sie erhielt Medikamente. Der Wagen raste über die Landstraße, Silke nahm wahr, dass er um ein Haar selbst noch in einen Unfall verwickelt worden wäre. Zwischendurch verlor sie das Bewusstsein, wachte aber bald wieder auf. Die große Aufregung um sie im Krankenhaus bekam sie mit. Sie sagte: „Ich hab Hunger.“ Ihr war das von der Mutter gebutterte, mit Wurst belegte Brot eingefallen, das sie gerade zu essen begonnen hatte.

Die ersten Stunden vergingen mit der Notoperation und der Wundversorgung. Um Mitternacht war unumstößlich, dass das linke Bein nicht erhalten werden konnte. Silkes Eltern mussten eine Einverständniserklärung unterzeichnen, dass der linke Unterschenkel ihrer Tochter abgenommen werden würde.

Etwas fehlt

Der Befund für das rechte Bein war nicht viel besser, es war ebenfalls offen gebrochen, und auch dort fehlten Teile von Knochen, Muskeln, Haut. Unter den Ärzten gab es eine Diskussion darüber, ob sich das Bein erhalten lassen würde. Ein schwerer Entschluss: Bei so großen Schädigungen besteht die Gefahr unbeherrschbarer Infektionen, und im Zweifel steht das Glied gegen das Leben. Doch eine Oberärztin wollte wenigstens den Versuch unternehmen, das Bein zu bewahren, und setzte sich durch.

Für das Bein wurde über dem Krankenbett eine Konstruktion gebaut, aus der in der ersten Zeit beständig eine Lösung in die offenen Wunden träufelte. Das Bein selbst war auf einer Schiene fixiert, bewegen konnte Silke sich kaum. Aber sie war mit dem Leben davongekommen, zudem konnte durch die erzwungene Ruhe ihr unbemerkt gebliebener Schädelbruch ausheilen. Der Anblick des Beines muss katastrophal gewesen sein. Aber Silke selbst wusste nicht, wie schwer ihre Verletzungen waren. Die Konstruktion auf dem Bett wurde mit weißen Laken abgedeckt; und auch später, als Silke in die Kinderstation umzog, lagen ihre Beine unter stoffbezogenen Drahtkörben.

Dass einem ein Körperteil fehlt, spürt man nicht. Zunächst sagte ihr auch niemand etwas. Die Ärzte und Silkes Eltern wollten warten, bis das Kind wieder bei Kräften war, und die Schwestern achteten sorgfältig darauf, dass Silke, zum Beispiel beim Bettenmachen, nichts auffiel: Sie erkannte nur riesige Verbände. Bis eines Morgens eine Lernschwester einfach die Decke vom Bett zog und Silke sah, dass ihr der Fuß fehlte. Silke Tesch hat wenig Erinnerungen an die Zeit vor dem Unfall und keine an den Unfall selbst, aber an diesen Augenblick erinnert sie sich genau. Auch, woran sie dachte: „Oje, wie erzählst du das denn der Mama? Die wird aber traurig sein. Wie wird die Mama das verkraften?“

Blut und Wunden

Die ersten Tage und Wochen vergingen wie die unablässig tropfende Lösung über dem offenen Bein. Dann begannen die Operationen. Stück für Stück wurde Haut aus dem Oberschenkel nach unten verpflanzt, um die Wunden abzudecken. Die Haut musste anwachsen, und die so entstandenen neuen Wunden mussten oberhalb der Knie verheilen, danach folgte die nächste Operation. Am schwersten waren für Silke die ständigen Äthernarkosen. Auch der Verbandswechsel alle zwei Tage war mit so starken Schmerzen verbunden, dass er nur unter vollständiger Betäubung ausgeführt werden konnte. Silke entwickelte eine schneidende Angst vor den Narkosen; den Geruch von Äther, einer auf das Gesicht gedrückten Gummimaske empfand sie als unerträglich - und wurde trotzdem wieder und wieder in Tiefschlaf versetzt. Etwa zwei Dutzend Mal musste die Achtjährige in diesen Monaten eine Narkose und die anschließenden Schmerzen durchstehen. Ganze Tage verbrachte sie in der Ätherschwärze, Wochen im Nebel morphinhaltiger Medikamente.

Aber sie hatte auch Spaß. Als sie, vom Tropfapparat befreit, endlich aus dem Einzelzimmer verlegt werden konnte, war sie auf der kleinen Station mit neun anderen Kindern zusammen. Die Betten waren so gestellt, dass die Jungen und Mädchen einander sehen konnten, und es war wie im Kindergarten oder in der Schule. Jeden Morgen kam eine pensionierte Lehrerin und unterrichtete sie.

Krankheit und Schmerzen machen Kinder nicht zu Erwachsenen; die Kinder taten, was Kinder eben tun: Sie spielten, lachten, flitzten, wenn sie das konnten, durchs Zimmer. Ein Vierjähriger mit rotem Haarschopf verwandelte den nüchternen Raum in einen Spielplatz und kletterte auf alles, worauf er klettern konnte, auf den Galgen über seinem Bett und immer wieder auch auf die Drahtkörbe über Silkes Beinen, wo er dann in stolzer Höhe thronte.

Nachmittags und an den Wochenenden brachten die Ärzte mitunter ihre Kinder mit, soweit sie in Silkes Alter waren; sie sollten mit ihr reden und spielen, es waren alles Söhne. Dann ging es wie im Tollhaus zu, es wurde wild getobt. Für Silke war zu dieser Zeit an Laufen oder gar Toben noch nicht zu denken. Sie wurde in einen ledernen Stuhl mit Rollen gesetzt, vor dem ihr grauste, doch die Jungs verwandelten den Stuhl in einen Autoscooter, in dem Silke wie auf der Kirmes umhergewirbelt wurde, sie schrie und lachte. Damals begann für sie auch das Anpassen der Prothesen, die Eingewöhnung. Verfrüht hatte der Chefarzt Silke versprochen, dass sie das Krankenhaus verlassen dürfe, wenn sie Weihnachten wieder laufen könne. Daran war allerdings wegen der Schwere ihrer Verletzungen gar nicht zu denken.

Dieser Weg

Sie war ein lebhaftes, fröhliches Kind, ein hübsches, zierliches Mädchen mit blonden Haaren, braunen Augen und einem ruhigen, forschenden Blick. Es gibt ein Foto von ihr aus jenen Tagen: Eine Laterne hängt am Regal, das Bild muss im November gemacht worden sein. Silke schaut offen und entspannt in die Kamera, mit freundlicher Miene. Sie sitzt aufrecht und hat sich halb zum Fotografen herumgedreht. Man sieht den abgedeckten Aufbau über ihren Beinen, aber wer nicht weiß, worum es sich dabei handelt, könnte es nicht deuten. Silke ist es nicht anzusehen. Ihr Gesicht ist frei von Kummer, Gram, Pein. Sie wirkt völlig unverletzt.

Nach jeder Operation lagen ein Steifftier oder die Puppe neben ihr im Bett, an einem winzigen Tropf, mit einem frischen Verband. Die waren auch operiert worden, und darüber freute sich Silke. Die Stofftiere waren Geschenke von Besuchern; bald hatte sie einen kleinen Zoo. Immer wieder, wenn Johanna Tesch zu Besuch kam, brachte sie neue Sachen zum Anziehen für die Puppe mit: Kleider, Hosenanzüge, gestrickte Pullover. Später rechnete Silke Tesch sich aus, dass ihre Mutter die Kleidungsstücke nur nachts gestrickt und genäht haben konnte, allein mit sich und ihren Gedanken.

Herbst und Winter kamen. Bedrückende Erinnerungen: Sie erlitt eine Störung des Gleichgewichtssinns, vermutlich durch die vielen Äthernarkosen und das Morphium, sie büßte das normale Körpergefühl ein. Sie spürte das Bett nicht mehr, obwohl sie es sehen konnte: Es schien weit unter ihr, während sie selbst wie auf einer Wolke schwebte. Sie hatte keinen Halt und fühlte sich nur noch sicher, wenn jemand ihre Hand hielt; sobald der andere losließ, geriet sie in Panik und begann zu weinen. Nach einigen Tagen war das vorüber, weil die Dosen der Medikamente herabgesetzt wurden.

Neuer Anlauf

In jener Zeit hatte sie auch begonnen, das Laufen neu zu lernen. Prothesen mit Metallschienen waren in den sechziger Jahren noch ziemlich gewaltig, so dass sich ein Missverhältnis zwischen diesen schweren Teilen und dem sehr leichten Kind ergab. Aber Silke wollte wieder laufen. Und hatte das Ziel vor Augen, Weihnachten zu Hause zu sein. Sie wusste nicht, dass die Ärzte diese Möglichkeit bereits abgeschrieben hatten.

Das rechte Bein bekam eine Orthese, einen Hülsen-Stützapparat, der den größten Teil der Last am Unterschenkel und Fuß vorbei auf die Erde brachte: Statt mit dem eigenen Fuß trat Silke mit einer Bodenplatte auf, die an zwei Metallschienen befestigt war. Die liefen außen am Bein entlang, hatten am Knöchel und Knie Gelenke und wurden mit Ledermanschetten an Ober- und Unterschenkel festgeschnürt. Das linke Bein bekam eine Prothese, die Fuß und Unterschenkel ersetzte. Sie war ebenfalls am Knie mit Metallschienen und Gelenken versehen und mit Riemen am Oberschenkel verschnürt.

Silke übte fleißig. Tagsüber unter Aufsicht, nachts dagegen zog sich das Kind selbst die beiden Gerüste an, stand auf und trainierte heimlich auf dem Flur weiter. Sie bat die Nachtschwester, sie nicht zu verraten, weil sie Weihnachten unbedingt zu Hause sein wollte. Manchmal stand sie mehrmals auf in einer Nacht. Auf der Station wurde sie inzwischen die „Großmutter“ genannt, weil keines der Kinder schon so lange hier war wie sie. Heiligabend fiel 1966 auf einen Samstag, und zwei Tage zuvor gab es eine große Visite auf der Kinderstation, mit dem ganzen Ärzteteam, angeführt vom Chefarzt. Die Kinder und die Schwestern warteten schon, als die Ärzte kamen. Silke ging ihnen aus der Gruppe heraus über den Gang selbständig entgegen. Langsam, mühsam. Einen weiten Weg.

Wenn? Warum?

Unfälle passieren nicht einfach, denkt Silke Tesch. Meist ist mehrerlei anders als sonst. Sie hat das auch bei anderen Unfällen beobachtet, meint aber zunächst den eigenen.

Wenn?

Wenn der Lastwagen langsamer gefahren wäre. Wenn es nicht geregnet hätte, wenn die Straße trocken gewesen wäre. Wenn der Fahrer aufmerksam gewesen wäre. Dann wäre der Anhänger dort nicht ausgebrochen. Oder wenn der Wagen etwas später gekommen wäre. Wenn er etwas früher gekommen wäre.

Wenn nicht ausgerechnet an diesem Tag die Schule vorzeitig aus gewesen wäre. Wenn Silke nicht das Brot aus dem Ranzen geholt hätte.

Wenn da nicht der Füller im Hainbach gelegen hätte wie ein glänzender Köder.

Das waren aber keine Wenns, sondern die Wirklichkeit. Silke Tesch hat so etwas auch von anderen Unfallopfern gehört. „An diesem Tag war etwas anders als normal.“ Nicht nur der Unfall selbst, sondern seine Voraussetzungen, die wie unsichtbare Fäden aufeinander zuliefen.

Warum?

Warum ich? Warum überhaupt? Solche schlimmen Ereignisse passieren oft, weil sie der Grund für etwas Gutes sind, sagt Silke Tesch. Aber man weiß nicht, wofür. Oder erst später. Der Unfall verändert einen, wie wäre man ohne ihn geworden?

Das kann man nicht wissen.

Durch den Unfall gab es in Silke Teschs Leben viele Monate, die sie im Rollstuhl verbrachte, und noch mehr Monate, die zusammengerechnet Jahre ergaben, in Krankenbetten, Krankenhäusern; es war ja damals, Weihnachten 1966, nicht zu Ende damit. Der Unfall zwang dem Mädchen nicht nur einmal, sondern immer wieder lange Pausen auf. Gleich nach dem Weihnachtsfest musste sie in die Klinik zurück, abermals für Wochen. So ging es weiter.

Ein solcher Unfall ist nicht nur ein einzelnes schmerzhaftes, schmerzliches Ereignis, sondern ein Wendepunkt für das ganze Leben. Für viele Leben. Wer da an Vorstellungen klebt, schönen Plänen aus der Zeit vor dem Unfall, am Irrtum einer Normalität und an eingebildeten Verheißungen, dem ist nicht zu helfen.

Vielleicht ist Tesch durch den Unfall eine Kämpferin geworden? „Ich glaube schon.“ Sie musste durch so vieles allein hindurch. Und dann der Körper, die riesigen Narben, die grob wie in duldsames Holz gehauenen bizarren Formen. „Ob ich dadurch eine andere Einstellung zu Menschen habe, die nicht ganz vollkommen sind? Man hat einen anderen Blick auf die vermeintliche Unvollkommenheit“, sagt Silke Tesch. „Eine äußere Unvollkommenheit gibt es eigentlich nicht. Dem einen fehlt eine Hand, dem anderen ein Bein: Aber deswegen ist der Mensch nicht unvollkommen. Das ist nur äußerlich.“

In einem Zeitungsartikel hieß es, sie habe Ministerpräsident Koch als „hässlich“ bezeichnet. Aber das Wort kommt in ihrem Sprachschatz gar nicht vor.

Und doch, es bleibt ein Verlust. „Es gibt größere Verluste. Ansonsten war ich ja sehr vollkommen. Es war nur das Bein. Ich war ja ein hübsches Mädchen.“

Kleine Schritte

Als Silkes Vater sie endlich richtig aus der Uniklinik abholen konnte, im Februar, bekam sie im gerade fertiggestellten neuen Haus den großen Raum im Erdgeschoss, der eigentlich als Wohnzimmer vorgesehen gewesen war. Jetzt war dort ein roter Teppich verlegt. Silkes Eltern taten alles, um ihr ein normales Leben zu ermöglichen und ihre Behinderung auszugleichen.

Morgens holten zwei Lehrer sie abwechselnd zur Schule ab; sie trugen das Kind auf den Armen ins Auto und von dort ins Schulgebäude. Genauso wurde Silke auch zurückgebracht, sie konnte ja zunächst nur kleine Strecken zurücklegen. Und immer noch weitere Operationen. Als sie sich dann zunehmend aus eigener Kraft fortbewegen konnte, trug ihr ein Nachbarsjunge den Ranzen zur Schule. Silke lernte Radfahren und Reiten, sie wurde immer beweglicher. Ein bisschen zu beweglich sogar, weil sie alles mitmachte, sogar auf Bäume kletterte. Am Sonntag musste ihr Onkel dann die Schienen schweißen.

Nach der vierten Klasse kam Silke auf die Realschule nach Biedenkopf. Sie hatte hervorragende Zeugnisse, aber ihre Eltern hatten Bedenken, ob sie das Gymnasium schaffen könne, der vielen Fehlzeiten wegen. Auch in Biedenkopf fühlte Silke sich von den Mitschülern angenommen. Sie erweiterte ihren Freundeskreis. Meist wurde sie zur Klassensprecherin oder stellvertretenden Klassensprecherin gewählt. Sie waren eine Clique von sieben Kindern, die dort das Sagen hatte. Später begegnete Silke Tesch manchen von ihnen in der Kommunalpolitik wieder; einige waren in der CDU, andere in der SPD, aber weil man sich von Jugend auf kannte, zusammen gespielt und Streiche ausgeheckt hatte, kam man auch nun gut miteinander zurecht.

Fünfundzwanzig Jahre

In der Schulzeit, wenn sie wieder einmal krank gewesen war, besuchten die Mitschüler sie zu Hause, wiederholten den Stoff und machten Schularbeiten mit ihr: etwa in der Zeit, als sie in das rechte Bein einen Marknagel eingesetzt bekommen hatte, der den Knochen von innen stabilisieren sollte. Dadurch wurde das Bein wieder belastbar - was wichtig war, denn Knochen und Muskeln bilden sich zurück, wenn sie nicht benutzt werden. Außerdem bewirkte der Marknagel, dass Silke auf den Hülsen-Stützapparat verzichten konnte.

Äußerlich war sie von anderen Jugendlichen nun kaum zu unterscheiden. Sie humpelte zwar, hatte aber gelernt, das zu kaschieren. Natürlich kamen kurze Röcke nicht in Frage, was Silke mit fünfzehn, sechzehn Jahren zu schaffen machte; sie hätte gern mal einen Minirock getragen wie andere Mädchen, wäre gern mit ihren Freunden schwimmen gegangen; aber sie wollte sich nicht zur Schau stellen oder andere erschrecken. Die Behinderung tat auch Silkes Rolle als großer Schwester keinen Abbruch. 1971 war zu den Geschwistern noch ein Bruder gekommen. Die Mädchen schauten zu Silke auf, und eines Tages versuchte eines, sich Silkes ausgediente Prothese umzuschnallen: Sie wollte auch so etwas haben.

Nach der Realschule machte Silke ein Praktikum in einem Kindergarten. Sie wollte Erzieherin werden, allerdings nur als Zwischenstation auf dem Weg in den höheren Dienst der Kriminalpolizei: ihr Traumberuf. Und die Erzieherausbildung würde ihr das Abitur ersetzen: So war das damals noch. Aber das rechte Bein machte jetzt wieder große Schwierigkeiten. Zwischen Knie und Knöchel hatte sich ein sogenanntes Scheingelenk gebildet. Außerdem hatte sich an den alten Bruchstellen, wie nun herauskam, das Knochenmark entzündet. Wieder stand auf der Kippe, ob das Bein erhalten werden könnte. Der Marknagel musste aus dem Bein genommen, die Entzündung beseitigt, und die Knochen mussten stabilisiert werden. Dazu wurden sie, in einer Klinik in Duisburg, abermals gebrochen.

Ein Knochenspan mit frischem Knochenmark wurde aus der Hüfte geschnitten und in die Bruchstelle des Schienbeins eingesetzt; dann bekam Silke den ersten Fixateur: vier Edelstahlstäbe, die durch den Knochen gebohrt wurden, vorn und hinten aus dem Bein herausschauten und miteinander verbunden waren. Das war damals eine ziemlich wacklige Geschichte: Die Stäbe verschoben sich bei Belastung nach vorn oder hinten, und Silke rückte sie, als sie endlich zu Hause war, morgens und abends selbst wieder gerade.

Verlorene Hoffnungen, neue Ziele

Das war im Sommer; ihr Vater fuhr sie zur Kirmes, damit sie ihre Freunde treffen konnte. Silke benutzte noch Gehhilfen. An diesem Samstag, mit mittlerweile sechzehn Jahren, lernte sie ihren ersten Freund kennen. Die beiden blieben zwei Jahre zusammen. An Bewerbern hatte es nie gefehlt. Auch in dieser Hinsicht erlebte Silke sich nicht als ausgestoßen.

Nach dem Abschluss ihrer Ausbildung an der Fachschule und dem Anerkennungsjahr in einem Heim für geistig Behinderte musste sich Silke von der Idee trennen, zur Kripo zu gehen, da inzwischen die Möglichkeit abgeschafft worden war, diese Ausbildung dem Abitur gleichzusetzen. Sie war mit Lothar zusammengekommen, der aus Kleingladenbach stammte und als Dachdecker arbeitete, obwohl er diesen Beruf nicht erlernt hatte. Lothars Firma hatte einen Auftrag in Saudi-Arabien, für Saudi-Zement, eine Bin-Ladin-Firma; während er dort arbeitete, ging sein Arbeitgeber pleite, und so beschloss Lothar zusammen mit Silke und einem Kollegen, sich selbständig zu machen. Das war 1980.

Im nächsten Jahr wurde geheiratet. Nebenbei machte Silke ihren Motorradführerschein. Und weil sie in dem neuen Geschäft mit ihrem bisherigen Beruf nichts anfangen konnte, sattelte sie um und begann eine Ausbildung als Industriekauffrau. Buchführung, Rechnungswesen, Lohnabrechnungen, Ausschreibungen, Korrespondenz: Das waren die Aufgaben, mit denen sie sich nun beschäftigte. Eine weitere kam hinzu. Sie wurde schwanger.

Julia hätte, so jedenfalls war es ausgerechnet worden, am 10. August 1981 das Licht der Welt erblicken sollen. Aber sie kam zwölf Tage später, am 22. August: dem Datum, an dem fünfzehn Jahre zuvor der Unfall passiert war.

Bis dahin hatte Silke Tesch an diesem Tag immer an den Unfall gedacht, mit dem beklommenen Gefühl, dass sie heute besonders gut aufpassen müsse. Nun änderte sich das. Der 22. August war jetzt der Geburtstag ihrer Tochter. „Da hat man dann ganz andere Dinge im Kopf, als sich über so einen alten Unfall aufzuregen.“

Lothar Tesch hatte sich auf Industriemontage, Bauklempnerei und spezielle Flachdächer spezialisiert. Somit war er im ganzen Bundesgebiet und im angrenzenden Ausland tätig. Silke Tesch musste dann von zu Hause aus die Geschäfte führen und mit Bauherren und Architekten verhandeln; wenn die Baustellen in der Nähe waren, gehörte der Umgang mit den Leuten dort, eine Männerdomäne, zu ihren selbstverständlichen Aufgaben, und sie fasste auch durchaus mit an. Sie konnte aber anfangs oft nicht mitreden, so dass wichtige Fragen vertagt werden mussten, bis ihr Ehemann wieder da war.

Handwerk und Geschäft

Also nahm sie nach ihrer kaufmännischen Ausbildung an den Fachlehrgängen der Dachdecker in Biedenkopf und Marburg teil. Und an den Wochenenden lernte sie zusammen mit den Männern, die sich auf die Meisterprüfung vorbereiteten. Es war praktisch ihre dritte Ausbildung, und all das versetzte sie in den Stand, als Handwerkerfrau einen Betrieb zu leiten, eine Kolonne zu führen, selbständig Leistungsverzeichnisse oder mit Stahlformbauern Verlegepläne zu erstellen. Zu dem Respekt, den ihr viele entgegenbrachten, erwarb sie sich nun Anerkennung als umtriebige Geschäftsfrau und Chefin; auch das erklärt später ihren schnellen Erfolg als „Seiteneinsteigerin“ in der örtlichen Politik.

1995 war sie in die SPD eingetreten. Bei der Landtagswahl 1999 war sie in ihrem Wahlkreis schon Ersatzbewerberin - das sind Personen, die nachrücken, wenn der Abgeordnete ausfällt. Und es gab da einen Gedanken: Nach so vielen Schlägen würde das Schicksal ihr weitere womöglich ersparen. Früher oder später trifft es jeden, aber Silke Tesch hatte die Hoffnung, dass sie ihren Teil schon bekommen hatte. Vielleicht sogar für die Familie gleich mit. Dann jedoch fiel Lothar Tesch vom Dach und brach sich Rippen und Wirbel; das war 1996, und von da an war seine Arbeitsfähigkeit stark beeinträchtigt. Zudem erkrankte er an Leberkrebs und war nicht mehr arbeitsfähig.

Silke Tesch fand einen Arbeitsplatz als Assistentin der Geschäftsleitung in einem mittelständischen Industriebetrieb. Sie ernährte nun die Familie. Ihr Mann bekam 2002 in der Berliner Charité ein Lebertransplantat, eine Operation, bei der es Komplikationen gab; als Silke Tesch mitten in der Nacht ans Krankenbett gerufen wurde, war Lothar nicht mehr ansprechbar: Sein Leben stand auf Messers Schneide. Aber er kam durch. In diesen Tagen, die sie in einem Gästehaus auf dem Klinikgelände verbrachte, arbeitete sie nebenher in einem Internet-Café an ihrem Flugblatt für den Landtagswahlkampf, inzwischen war sie Kandidatin geworden. Im Sommer war sie als Repräsentantin der örtlichen SPD dabei, als in einem Festakt die Wallauer Umgehungsstraße eröffnet wurde. Jetzt mussten die Lastwagen nicht mehr durchs Dorf.

Ein Messerstich

Im Landtag 2003 startete sie ganz gut durch, wurde mittelstandspolitische Sprecherin der Fraktion, rackerte im Wirtschaftsausschuss und schaffte es sogar, eine parteiübergreifende Initiative zur Novellierung der Handwerksordnung durchzusetzen, die sich später die Koch-Regierung als Erfolg auf die Fahnen schrieb. Als Tesch ihre erste Landtagsrede hielt, höhnten die Unionsabgeordneten noch: „Wann haben Sie denn schon mal einen Handwerksbetrieb betreten?“ Das verging ihnen.

Und trotzdem fand Silke Tesch, eine Frau, die sich auf dem Bau durchgesetzt hatte, dass es für Frauen nirgendwo so schwer sei wie in der Politik. Warum wurde sie 2007 bei der Neuaufstellung auf der Liste ganz nach hinten durchgereicht? Silke Teschs Mitbewerber im Wahlkreis, der CDU-Fraktionsvorsitzende Christean Wagner, streute noch zusätzlich Salz in die Wunde, als er auf Flugblättern verlautbaren ließ, eine Zurückstufung um mehr als fünfundzwanzig Listenplätze zeige doch deutlich, „wie die Arbeit von Frau Tesch durch ihre eigene Partei bewertet wird“.

Tatsächlich handelte es sich um einen ungewöhnlichen Vorgang, weil normalerweise Abgeordnete den Vorrang vor Neubewerbern genießen. Ganz offensichtlich ging es darum, Tesch den Garaus zu machen. Proteste von lokalen und regionalen Partei-, Frauen- und Wirtschaftsorganisationen, gerichtet an Andrea Ypsilanti und an den SPD-Landesvorstand, der das hätte richten können, liefen ins Leere. Teschs politischer Tod, schien es, war beschlossene Sache.

Im Sommer 2007 traf Tesch die Parteivorsitzende und bat sie um Hilfe: Sie verlangte nichts Besonderes, es würde ja genügen, die Regeln wieder in Kraft zu setzen. Andrea Ypsilanti: „Dann streng dich mal ordentlich an in deinem Wahlkreis.“ Und das vor Zuhörern. Der Satz traf Tesch wie ein Messerstich. Hatte sie nicht seit Jahrzehnten geschuftet wie ein Pferd? Und was wusste Ypsilanti von ihrem Wahlkreis? Zwei Jahre zuvor hatte sie ihr noch erklären müssen, dass die Stadt Marburg nicht dazugehörte.

Tesch war empört. Mehr noch, verwundet. Sie schrieb Ypsilanti einen vertraulichen Brief; darin nannte sie es „unverschämt“, dass Ypsilanti ihre Arbeitshaltung in Zweifel gezogen hatte. Sie wies auf die schwere Krankheit ihres Mannes hin und darauf, dass ihr ein Lastwagen vor vierzig Jahren beide Beine zerquetscht habe - dass sie ihr Leben lang mehr habe kämpfen müssen als andere und sich trotzdem nie ausgeruht habe.

Nach einer Weile kam Ypsilanti auf diesen Brief zu sprechen; sie erklärte Tesch, dass sie weder im Bezirk Hessen-Nord noch im Landesvorstand in dieser Frage Einfluss auf die Landesliste nehmen könne - was barer Unfug war, vorgetragen, wie Tesch fand, mit „Eiseskälte“. Ihr war der Brief inzwischen überaus peinlich: Nie zuvor und nie danach hatte sie sich auf ihre Behinderung berufen. Jetzt sagte sie: „Andrea, komm, lass es. Vergiss es.“ Wandte sich ab und ging. Sie wollte nicht, dass Ypsilanti sah, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen.

In der Tat war mit keinem der 110 Abgeordneten im Landtag so verfahren worden wie mit ihr. In ihrer Lage wog das doppelt schwer, weil sie nicht auf ihren früheren Arbeitsplatz zurückkehren konnte und ihr Mann erwerbsunfähig war. Und einen Behindertenbonus bekam sie auch nach ihrem Brief nicht. Beim Kampf um das Mandat hatten Weggefährten sie hängenlassen, von denen sie dergleichen nicht erwartet hatte; auch Jürgen Walter zählte dazu. Aber warum war Ypsilanti so grausam?

Es war offenkundig, dass der Umgang mit Silke Tesch nicht zum normalen Machtkampf zwischen rechts und links gehörte, dass hier ein Exempel statuiert wurde. Vielleicht hatte Ypsilanti Kenntnis davon erlangt, dass Tesch ihr nicht zutraute, es mit Koch aufzunehmen - „weder physisch noch inhaltlich“. Das hatte Tesch im Jahr zuvor, wenn auch vertraulich, in einer Mail zum Ausdruck gebracht, gleich nachdem Ypsilanti erklärt hatte, dass sie kandidieren wollte. Schon damals, im August 2006, hatte Tesch beklagt, dass Ypsilanti und ihr enger Unterstützerkreis Koalitionen mit der „Linken/WASG“, wie die Linkspartei zu jener Zeit noch hieß, anstreben, und bayerische Verhältnisse für die Hessen-SPD vorausgesagt. Möglich, dass Ypsilanti das zur Kenntnis gelangt war, und damit auch, dass Tesch der Ansicht war, sie habe in den letzten Jahren die Konfrontation mit dem Ministerpräsidenten im Parlament gescheut; wenn aber nicht, seien Ypsilantis Versuche „lächerlich“ gewesen. Das würde einiges erklären.

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