10.08.2009 · Ludwig Metzger legte sich mit Goebbels an, sein Sohn Günther hielt bis zuletzt zu Helmut Schmidt. Mit ihrem Widerstand gegen ein Bündnis der hessischen SPD mit der Linkspartei passt Dagmar Metzger in diese Familie von Dickköpfen. Ein Porträt von Volker Zastrow, der ein Buch über die vier „Abweichler“ geschrieben hat.
Von Volker ZastrowYpsilanti interessierte sich nicht für Dagmar Metzger. Viele Abgeordnete in der Fraktion kannte sie nur oberflächlich, vor allem wenn sie nicht zur linken Vorwärts-Gruppe gehörten. Mit den wenigsten hatte sie intensive Gespräche geführt, sie sagte mehrfach, dazu sei keine Zeit. Leute, die ihr nicht zujubelten, schienen ihr unheimlich zu sein. Sie war tief misstrauisch, und der Machtkampf mit Walter 2006 hatte auch ihr Wunden geschlagen.
Freilich war Dagmar Metzger die Bedeutung der Familie, in die sie einheiratete, zunächst ebenfalls nicht bewusst. Aber sie fand gleich Anschluss. Schon vor vielen Jahren hatte der Vater das Haus in der Schweiz als Urlaubsdomizil erworben; bei sechs Kindern lohnte sich das. Also fuhr Dagmar mit, war mit den Eltern bald per du und zog 1991, da war Günther Metzger noch Oberbürgermeister, zusammen mit Mathias nach Darmstadt. Sie stellte sich darunter nichts Besonderes vor. Erst als sie wieder und wieder als Schwiegertochter Metzgers angesprochen wurde (obwohl sie damals noch nicht verheiratet war und ihren Mädchennamen Feist führte), dämmerte ihr, dass die Dinge ein wenig anders lagen.
Ludwig Metzger rief: „Und das nennen Sie deutsch!“
Großvater Ludwig Metzger kam aus dem Ried, aus kleinen Verhältnissen. Noch als alter Mann erzählte er, wie er als Bub einmal fünfzig Pfennig verloren hatte, mit denen er zum Einkaufen geschickt worden war – und dass das für die Familie buchstäblich Hunger bedeutet hatte. Ein gläubiger Mann, aktiver Protestant und aktiver Sozialdemokrat, wurde er 1929 Vorsitzender des „Bundes religiöser Sozialisten“ in Hessen. In dieser Zeit legte sich Metzger auf einer Kundgebung mit Goebbels an, der gegen „Novemberverbrecher“ und „Judenrepublik“ hetzte und wütend ausrief: „Wenn wir die Macht erobert haben, aber dann! Auge um Auge, Zahn um Zahn!“ Bevor der Jubel losbrechen konnte, rief Metzger: „Und das nennen Sie deutsch!“ Er wollte den Judenhetzer der Lächerlichkeit preisgeben, denn das Zitat stammt aus dem Bundesbuch der Tora, dem zweiten Buch Mose. Er wurde gewaltsam aus dem Saal gestoßen.
Jahre später, nach der „Machtergreifung“, beobachtete Metzger schmerzlich, wie Männer, die ihm gegenüber noch vor kurzem ihren Abscheu über den Nationalsozialismus geäußert hatten, jubelnd die Kreisleitung der NSDAP begrüßten, mit erhobenem Arm. Er selbst wurde, da „national unzuverlässig“, aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Als sein Nachfolger im Staatsdienst ihn nicht lange danach für den Nationalsozialismus zu gewinnen versuchte und ihn fragte, was er von Hitler halte, antwortete Metzger: „Ich halte ihn für einen Verbrecher.“
Drei Mal gerettet
Heute ist es kein Wagnis, Hitler einen Verbrecher zu nennen, aber damals erforderte es ungeheuren Mut. Umso mehr, als Metzger Familienvater war; Günther war eine Woche vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler auf die Welt gekommen. Ludwig fand sein Auskommen als Rechtsanwalt, fortan verteidigte er politische Angeklagte, bis ihm das verboten wurde. 1936 landete er selbst im Gestapo-Gefängnis, weil man ihn verdächtigte, im Untergrund weiterhin für die verbotene Sozialdemokratische Partei tätig zu sein. Es gelang allerdings nicht, ihm das nachzuweisen (obwohl es stimmte), und so kam er frei.
Weil er von jetzt an durch die Gestapo überwacht wurde, ging er, dessen Haus zu einem Treffpunkt für Regimegegner geworden war und der auch Kontakt zu Berliner Oppositionellen unterhielt, nach Luxemburg, wo er eine Stelle als Leiter einer Rechtsabteilung bei der Deutschen Umsiedlungs-Treuhandgesellschaft gefunden hatte. Dass er eines Tages im Zorn ausrief: „Wenn die Naziherrschaft zusammenbricht, werden alle SS-Leute aufgehängt!“, wurde ihm beinah zum Verhängnis, doch die Sekretärin, die ihn verraten hatte, erwies sich als nicht belastbare Zeugin. Ein zweites Mal war er gerettet.
Nach einem schweren Luftangriff reiste er angsterfüllt nach Darmstadt, wo er nur noch rauchende Trümmer und verkohlte Leichen fand; zum Glück war seine Familie davongekommen. In jenen Tagen weihte ihn Wilhelm Leuschner, vormals hessischer Innenminister und ein sozialdemokratischer Weggefährte, in die Umsturzpläne der Gruppe um Goerdeler und Stauffenberg ein. Nach dem Attentat gehörte Leuschner zu den Angeklagten vor Freislers „Volksgerichtshof“; er wurde in Plötzensee gehenkt. Metzger entging der Festnahme, weil ihn Leuschners Tochter deckte. Es war das dritte Mal, dass er mit knapper Not davonkam.
Erst Bürgermeister, dann Kultusminister
Als Darmstadt am 25. März 1945 von den Amerikanern eingenommen wurde, zitierte ihn der Kommandant ins Hauptquartier im Schloss und fragte ihn, ob er das Amt des Bürgermeisters übernehmen wolle. Sowohl ein evangelischer als auch ein katholischer Pfarrer hatten ihn den Amerikanern empfohlen. Metzger hatte den kommissarischen Aachener Bürgermeister vor Augen, den die Amerikaner ebenfalls eingesetzt hatten und der kurz darauf einem Anschlag von Nationalsozialisten zum Opfer gefallen war; es herrschte ja immer noch Krieg.
Von der Bergstraße her drohte ein Gegenangriff der SS. Darmstadt war ein Trümmerfeld. „Aber zugleich dachte ich an die vielen Freunde, die gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft aufgestanden waren und gestorben waren. Aus Darmstadt ist es eine große Zahl: Wilhelm Leuschner, Carlo Mierendorff, Theo Haubach, Ludwig Schwamb, der SPD-Bürgermeister Heinrich Delp und viele andere.“ Namen, die Jahrzehnte später auf den Straßenschildern in Eberstadt stehen sollten, dort, wo Ludwig Metzgers Enkel Mathias und seine Frau Dagmar wohnten.
Also sagte er ja. Heute tragen Straßen und Plätze auch seinen Namen.
Er war als Bürgermeister populär, vielleicht weil er keine große Rücksicht auf Beliebtheit nahm. Außerdem brachte ihn sein Eigensinn zunächst in Konflikt mit den Amerikanern, die ihn vorübergehend sogar entließen. Er gehörte mit zu den Vätern der hessischen Landesverfassung von 1946, und 1951 wurde er auf Wunsch Kurt Schumachers, des SPD-Vorsitzenden, hessischer Kultusminister; er sollte vor allem dabei helfen, eine Brücke zu den Kirchen zu bauen. Der Landtagsfraktion hatte er angekündigt, dass er kein bequemer Minister sein werde.
Der Sohn folgte dem Vater
So ein Mensch war Ludwig Metzger: langjähriges Mitglied des SPD-Vorstandes, Synodaler der evangelischen Kirche, am Ende seines langen Lebens 1993 mit Ehrungen und Auszeichnungen überhäuft. Als er 1969 nach vier Wahlperioden aus dem Bundestag ausschied, folgte ihm sein Sohn Günther als Abgeordneter für Darmstadt – ohne Zutun des Alten. Der hatte seinen Erstgeborenen schon mit zwölf, dreizehn Jahren auf viele Reisen mitgenommen; bei dieser Gelegenheit erlebte Günther politische Diskussionen hautnah.
Günther Metzger folgte den Fußstapfen seines Vaters in gleichsam umgekehrter Richtung: Bei ihm kam die Oberbürgermeisterzeit nach der im Bundestag, wo er stellvertretender Fraktionsvorsitzender war. Von Politik wurde ihm buchstäblich an der Wiege gesungen: Am Tag seiner Geburt war Ludwig Metzger wütend von einer sozialdemokratischen Wahlveranstaltung in Arheilgen zurückgekehrt, die Kommunisten und Nazis gemeinsam zu sprengen versuchten; nun stand er am Kindbett und hielt seiner Frau und dem Neugeborenen eine flammende Rede. Das war eine Woche bevor Hitler Reichskanzler wurde.
Drei Erinnerungen an NS-Zeit und Krieg haben sich Günther Metzger eingebrannt: Mit zehn Jahren musste er mit ansehen, wie ein Klassenkamerad bei einem Tieffliegerangriff erschossen wurde. Mit elf Jahren erlebte er in Darmstadt die Bombennacht vom 11. auf den 12. September 1944 mit, als die ganze Stadt brannte und in der Stadt die Menschen. Und mit zwölf Jahren, schon kurz vor Kriegsende, wurde er Zeuge, wie Feldjäger junge Soldaten wegen angeblicher Fahnenflucht auf dem Kirchenvorplatz in Beerfelden an den Bäumen erhängten. Die Konsequenz für den jungen Metzger: Nie wieder darf so etwas geschehen.
Gegengewicht zu den Linken
In seiner Studienzeit in Marburg begann für Metzger die innerparteiliche Auseinandersetzung zwischen Utopisten und Pragmatikern, die sich wie ein roter Faden durch sein Leben zog. „Das war keine Auseinandersetzung zwischen links und rechts, das war eine Auseinandersetzung zwischen Sozialdemokaten und Kryptokommunisten.“ Als er 1969 in den Bundestag kam, gehörte er zu den Organisatoren einer Runde, die ein intellektuelles und personelles Gegengewicht zum wachsenden Einfluss der Linken aus dem sogenannten „Frankfurter Kreis“ schaffen sollte; daraus ging dann der „Seeheimer Kreis“ hervor. Das war zunächst so etwas wie Helmut Schmidts innerparteiliche Streitmacht. Sie wollten der Kaderpolitik der Linken entschlossen begegnen.
Hessen-Süd war der politische Schwerpunkt des „Frankfurter Kreises“, der die Linken in der Bundes-SPD organisierte. Zugleich begann die Partei in Hessen-Süd nach und nach ihre Landtags- und Bundestagsmandate an die CDU abzugeben und verlor, bis auf Darmstadt, alle großen Kommunen. Günther Metzger organisierte gegen die Linke die sogenannte „Fraktion der Landräte“, Kommunalpolitiker, die zusammen mit den pragmatischen Nordhessen über Jahrzehnte die Mehrheit in der hessischen SPD stellten – und wenn Ypsilanti und ihr Umfeld auch sonst nichts über die Metzgers hätten wissen mögen, mit diesem Sachverhalt hätten sie sich besser vertraut gemacht.
Im Bundestag stieg Metzger, wie Hans Apel, zum stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden auf. Doch dann kamen Schicksalsschläge: Seine Schwägerin und ihr Mann starben bei einem Autounfall, Metzgers nahmen deren beide Kinder zu sich, zu den vier eigenen. Nicht lange danach erkrankte seine Ehefrau Hilke lebensbedrohlich, und Metzger entschloss sich, das Bundestagsmandat an den Nagel zu hängen, um sich in Darmstadt um Frau und Kinder zu kümmern.
Als alles ausgestanden war, nahm er von hier aus einen zweiten politischen Anlauf und bewarb sich erfolgreich um das Oberbürgermeisteramt. Er war schon Oberbürgermeister, als Schmidt als Kanzler außer Dienst auf dem SPD-Parteitag 1983 für die konditionierte Stationierung von Mittelstreckenraketen stimmte; Metzger zählte zu dem guten Dutzend Getreuer, das da noch an seiner Seite stand.
Die Metzgers waren Dickköpfe. Auch der Enkel Mathias sagt das von sich. Dagmar Feist passte gut in diese Familie.
Ein Anruf von Walter
Walter rief am Abend des 5. März 2008 noch ein zweites Mal bei Dagmar Metzger an und versuchte sie dazu zu bewegen, von sich aus, vor einem Gespräch mit Ypsilanti, an die Presse zu gehen. „Es gibt ein paar Möglichkeiten, wie wir’s machen könnten“, sagte er ihr am Telefon. Aber: „Über dich wird ein Inferno hereinbrechen, das du dir nicht im Geringsten vorstellen kannst.“ Ja, erwiderte Metzger, das möge sein, doch sie müsse so handeln. Walter: „Es gibt natürlich die Möglichkeit, dass du das vorab in die Medien setzt. Damit bist du sozusagen den Druck los. Wenn so etwas schon öffentlich ist, dann ist es einfacher.“ Aber das wollte Metzger nicht. Sie werde einfach mit Ypsilanti sprechen. Vielleicht blase die ja doch noch alles ab.
Es gebe auch noch eine andere Möglichkeit, sagte Walter daraufhin. „Lass uns noch mal überlegen, muss man es wirklich jetzt schon machen?“ Oder könne man nicht einen Katalog aufstellen, einen Kriterienkatalog, so dass bestimmte Bedingungen erfüllt sein müssten, wobei man aber von vornherein wisse, dass weder die Grünen noch die Linkspartei sich daran würden halten können? Einen ungemein strengen Kriterienkatalog also, in der Hoffnung, dass es platzt? Womöglich sei es besser, das Ganze noch ein bisschen laufenzulassen. Metzger wusste nicht, dass dieser „Katalog“ auf Walters Wunsch schon beschlossen war und dass er keineswegs unerfüllbare Bedingungen für die Grünen und die Linkspartei enthielt. Oder meinte er einen anderen, einen neuen? Aber wer hätte den jetzt noch aufstellen sollen?
Nein, Walter wusste nun, dass das Linksprojekt gescheitert war. Folglich brauchte es eine Begründung dafür, dass er trotzdem mitgemacht hatte; fortan erzählte er immer wieder, seine „Sicherheitsgurte“ hätten in Wirklichkeit dazu dienen sollen, die Zusammenarbeit mit der Linkspartei unmöglich zu machen. Auch Everts verbreitete das. Doch wenn Walter das wirklich gewollt hätte, hätte es genügt, sich am Wahlabend entsprechend festzulegen.
Andrea will Dagmar srechen
Stattdessen spielte er sein Spiel. Er wollte Minister werden. Und er wollte Ypsilanti stürzen, die Frau, die ihm die schwerste Demütigung seines Lebens beigebracht hatte. Minister werden und Ypsilanti stürzen: Vielleicht schloss eins das andere nicht aus. Politik als Kunst des Glücklichen. Eine Kunst, in der alles möglich ist.
Dagmar Metzger hörte Walter ruhig zu, sagte aber: „Jürgen, ihr könnt die Hürden so hoch ansetzen, wie ihr wollt. Wenn die von der Linkspartei es wollen und es drauf anlegen, dann zahlen die jeden Preis. So weit kenne ich Politik, auch wenn ich vielleicht ein Neuling bin. Aber wenn jemand an die Macht will, da kannst du sonst was reinschreiben in deine Kataloge ... Für mich ist es der ehrlichere Weg, jetzt zu sagen: Es geht nicht, nicht mit mir.“ Und Walter: „Das sehe ich ein. Dann kann man nicht auf Taktik gehen. Ich seh das ein, dann musst du diesen Weg gehen.“
In Graubünden saßen sie an diesem Abend noch lange beisammen und warteten vergeblich auf einen Anruf von Ypsilanti. Der Rotwein schmeckte gut, der Schwiegervater hatte immer viel Bordeaux unten im Keller liegen, den trank Dagmar Metzger am liebsten. Sie war zuletzt ein bisschen angeheitert. Sie dachte: „Deine Arbeit hast du getan, den anderen hast du es gesagt, jetzt wartest du mal ab. Andrea hat nicht zurückgerufen.“ Vielleicht würde sie auch am nächsten Tag noch Ski fahren können.
Aber am Morgen klingelte das Telefon: Ypsilantis Vorzimmer. Andrea wolle Dagmar sprechen. Die lag noch im Bett. Sie duschte und rief dann zurück. Mathias Metzger hörte die Schweizer Hälfte des Gesprächs mit. Er hörte, wie seine Frau sehr bestimmt sagte: „Nein, Andrea. Da mache ich nicht mit.“ Das war offenkundig ihre Antwort auf eine Äußerung Ypsilantis, dass die Fraktion es so beschlossen habe und sie mitziehen müsse. Dann sagte Ypsilanti: „Wenn du bei deiner Meinung bleibst, musst du sofort zurück.“ Ja, sagte Metzger, sie bleibe dabei. Aus der Schweiz könne sie aber erst mit einem Nachmittagszug. „Dann erwarte ich dich morgen früh um neun in meinem Büro.“ Keine Minute dauerte das. Ypsilanti fragte noch, ob Metzger mit der Presse gesprochen habe, Metzger verneinte.
Auf Schleichwegen nach Traisa
Doch als Dagmar Metzger an diesem Donnerstagabend in Darmstadt anlangte, hatte sich die Nachricht bereits wie ein Lauffeuer verbreitet. Ihr Schwager fing sie auf dem Bahnsteig ab und brachte sie auf Schleichwegen aus dem Hauptbahnhof, weil dort Scharen von Journalisten auf sie warteten. Auch vor ihrem Haus in Eberstadt standen sie. Also ging es zu den Schwiegereltern nach Traisa. Als sie endlich zu Hause ankam, war es elf Uhr abends. In ihrer Wohnung war es kalt und dunkel. Sie konzentrierte sich auf den nächsten Tag und legte sich zurecht, was sie brauchte. Eine rosa Bluse. Schmuck. Sie rauchte. Um Mitternacht ging sie schlafen.
Eine halbe Stunde später stand sie wieder auf. Sie hatte sich überlegt, dass sie, falls es mit Ypsilanti keine Einigung geben sollte, der Presse Rede und Antwort stehen müsse. Sie setzte sich aufs Sofa mit einem Block auf den Knien, versuchte sich die Fragen der Journalisten auszumalen und notierte mit dem Kugelschreiber in Stichworten ihre Argumente. Nebenher ließ sie den Fernseher laufen, damit es nicht ganz so still und einsam war.
Um eins lag sie wieder im Bett, konnte aber auch jetzt nicht abschalten. Immer wieder ging ihr durch den Kopf, was morgen passieren würde, die noch ungestellten Fragen, die noch ungegebenen Antworten. Dann fiel ihr ein, dass sie ja selbst ein SED-Opfer war: die Geschichte ihrer Kindheit. Die Trennung der Familie durch die Mauer. Die Großmutter, die sie Jahre nicht gesehen hatte, weil die Menschen in Ost- und West-Berlin nach dem Mauerbau lange nicht mehr zusammenkommen konnten. Kinder haben manchmal besondere Namen für Großmütter, und diese hieß „Oma Miau“. Weil sie Katzen hatte. Und einen riesigen Kropf, der Dagmar als Kind schwer beeindruckte. Die Oma war im Osten, sie waren im Westen, die Mauer wurde gebaut, und sie kam nicht mehr hin, da war sie drei. Erst Jahre später sah sie die Oma Miau wieder. Metzger beschloss, ihre Mutter in Berlin anzurufen.
„Kind, was ist passiert?“
Es war halb zwei in der Nacht. „Kind, was ist passiert?“ – „Ach“, sagte Dagmar, „noch nichts. Aber morgen. Ich brauch jetzt mal deine Hilfe.“ Dann kamen die Tränen. Dagmar erzählte, was geschehen war und noch geschehen würde, und beide Frauen weinten. Nach zehn Minuten sagte Dagmar: „So, jetzt müssen wir uns wieder konzentrieren.“ Und dann begann sie noch mal ihre Kindheitsgeschichte mit der Mutter abzugleichen. Als das vorüber war, zeigte die Uhr halb drei, und Dagmar Metzger konnte endlich schlafen.
Träumte sie vom alten Berlin, von ihrer Kindheit in der geteilten Stadt? Von ihrer weißhaarigen Oma? Dem Haus im Grünen mit den Katzen? Dagmar fragte, warum sie nicht mehr zur Oma durfte, und die Eltern sagten: „Wir sind jetzt umgeben von einer Mauer und Soldaten, die haben Gewehre, wir kommen da nicht durch.“ Am Übergang Friedrichstraße, wo man zu Fuß von West nach Ost gelangen konnte, hieß es warten, warten, warten in düsteren Gängen mit verbrauchter Luft. Selbst die gelben Kacheln an den Wänden sahen verbraucht und muffig aus. Sie hatten immer viel Zeug dabei für die armen Verwandten: Kaffee, Schokolade, Jeans. Alles wurde genau kontrolliert, Verdächtiges konfisziert, Bücher natürlich, Zeitschriften, selbst Handarbeitshefte; vielleicht enthielten die Schnittmuster geheime Botschaften. Maschinen waren verboten, Spielzeug erlaubt. Einmal hatten sie einen „Lachsack“ dabei – was war das: Spielzeug oder Maschine? Über so etwas wurde endlos verhandelt. „Behalten Sie das Ding, wir wollen nur rüber.“ Ein freundlicher Grenzposten winkte sie dann durch, mit Lachsack.
Schikanen am Grenzübergang
Es gab aber auch Vopos, die richtig aggressiv waren oder sehr engstirnig. Die sahen den Klassenfeind in Scharen vor sich, die berühmten „Spione und Diversanten“. Was soll das sein: Nasentropfen für die Oma? Das musste erst einer gründlichen Bewertung unterzogen werden. Dem Vater platzte der Kragen: „Ja, dann behalten Sie doch die verdammten Nasentropfen und stecken sich die selber in die Nase.“ Sofort wurde aus der Kontrolle eine Leibesvisitation. „Na, dann kommen Sie mal raus, kommen Sie mal schön in die Kabine, wir werden Sie jetzt mal genau kontrollieren.“
Und dann das Geld, der Zwangsumtausch. 25 Mark West gegen 25 Mark Ost, für die man drüben nichts kaufen konnte. Wohin mit dem Geld? Die Verwandten wollten es nicht haben, sie hatten selbst genug und konnten nichts damit anfangen. Man konnte Bücher kaufen oder Noten, gedruckt auf billigem Papier. Oder essen gehen; von zwölf Gerichten auf der Speisekarte gab es zwei. Soljanka aus Fischresten? Dann schon lieber Rührei; man musste lange drauf warten, dann war es trocken und zäh und schmeckte auch nach Fischresten.
Natürlich war es schön, mit den Verwandten zusammen zu sein. Auch wenn es nur für Stunden war. Und auch wenn die anderen mitunter bedrückt waren. Es war immer dasselbe: der reiche Westen und der arme Osten, die einen, die Geschenke mitbrachten, und die anderen, die sie bekamen; keiner konnte etwas dafür. Mitunter wiederholten die Zurückgesetzten, dass alles Propaganda sei, in Wahrheit gebe es diesen Überfluss auf der anderen Seite der Mauer gar nicht, wie um sich selbst ein bisschen zu trösten, und dazu schwieg man. Man wollte es doch eigentlich nicht so viel besser haben. Es war nicht fair.
Abends ging es dann wieder zurück, in den Westteil. Man stand am Tränenpalast, nahm Abschied und weinte, wie all die anderen auch, die da standen und weinten.
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Volker Zastrow Jahrgang 1958, verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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