09.10.2009 · Die Entscheidung, einen Präsidenten auszuzeichnen, der noch keine zehn Monate im Amt ist und der gerade die Grenzen seiner Überzeugungskraft kennenlernt, ist eine Sensation. Barack Obama ist der Friedensnobelpreis zuerkannt worden, weil er Hoffnung stiftet. Aber nicht alles wird zu Gold.
Von Klaus-Dieter FrankenbergerAm Freitag vergangener Woche hatte selbst ein persönlicher Auftritt des amerikanischen Präsidenten die Olympia-Bewerbung seiner Heimatstadt Chicago nicht vor dem peinlichen Scheitern im ersten Durchgang bewahren können. Acht Tage später wird Barack Obama der Friedensnobelpreis zuerkannt. Dem lokalen Debakel folgte die globale Sensation. Denn die Entscheidung des norwegischen Nobelkomitees, einen Präsidenten auszuzeichnen, der noch keine zehn Monate im Amt ist und gegenwärtig die Grenzen seiner Überzeugungskraft kennenlernt, ist wahrlich eine Sensation.
Selbst wenn das Osloer Komitee, das schon in der Vergangenheit mit einigen Entscheidungen seine ideologische Weltsicht offenbart hat und das im Übrigen kein Rat der Weisen ist, die von Obama herbeigeführte Veränderung des internationalen Klimas rühmt, so ist die Auszeichnung doch eine Vorleistung: auf das, was zu erreichen Präsident Obama versprochen hat, auf die erhofften Erträge seiner Kooperationsbereitschaft.
Bürgermeister des „globalen Dorfes“
Auf der anderen Seite wird neben der gar nicht stillen Freude über das Ende der Bush-Ära natürlich die historische Wahl Obamas zum ersten nichtweißen Präsidenten der Vereinigten Staaten honoriert. Nimmt man seine bisherigen Reden, wird Obama dadurch irgendwie auch zum Bürgermeister des „globalen Dorfes“, der die vielfältigen Gegensätze moderiert oder sogar aufheben will.
Tatsächlich hat Barack Obama vom Tag seiner Amtseinführung an viele gute, bewegende Reden gehalten; einige waren von inspirierender Wirkung. Anfang Juni, in Kairo, hat er zur Versöhnung zwischen den Vereinigten Staaten und der muslimischen Welt aufgerufen. Er hat mehrfach Iran rhetorisch die ausgestreckte Hand angeboten, selbst wenn das Züge von Selbstverleugnung hatte und einer faktischen Legitimierung des repressivislamistischen Regimes gleichkam. Er hat in Accra an die Erbsünde Amerikas erinnert, aber die Afrikaner auch aufgefordert, selbst Verantwortung für ihr Schicksal zu übernehmen.
Obama hat gegenüber den Machthabern in Moskau andere, konziliantere Töne angeschlagen und sich zum Fürsprecher atomarer Abrüstung gemacht, genauer: einer Welt ohne Atomwaffen, wie wenig realistisch das mindestens auf mittlere Sicht auch sein mag. Dem Ziel, Amerika in der Welt wieder moralisch zu rehabilitieren, ist Obama schon sehr nahe gekommen.
Das zeigt sich unter anderem in der Begeisterung, die ihm insbesondere in (West-)Europa nach wie vor entgegengebracht wird, und in der wieder weitgehend uneingeschränkten Zustimmung zu einer amerikanischen Führungsrolle. Barack Obama ist das Objekt der Sehnsucht nach dem guten Amerika, jenem Amerika, das uns vertraut und ähnlich ist, das gemeinsame Sache mit der Welt macht und nicht, überzeugt von der eigenen Macht und Überlegenheit, sich herrisch als entfesselte Supermacht aufführt.
Diese hoffnungsvolle Sehnsucht ist zweifellos in Europa besonders groß; das Nobelkomitee bringt sie jetzt wieder zum Ausdruck, so wie sie es schon vor sieben Jahren mit der an sich wenig überzeugenden Auszeichnung Jimmy Carters zum Ausdruck bringen wollte, der als Präsident auf vielen Feldern gescheitert war. Hätten Asiaten, die von „soft power“ relativ wenig halten, sich für Obama entschieden, wenn sie die Wahl zu treffen hätten?
Die andere Seite der Osloer Medaille
Vor den Vereinten Nationen in New York hat Obama neulich jenes Verständnis vom Wesen und von der internationalen Rolle der Vereinigten Staaten erneuert, das unter Bush in den Hintergrund geraten war. Es war die Zusage, sich global zu engagieren und nicht das Mittun zu verweigern. Er machte dabei allerdings auch das alte Dilemma kenntlich, in dem die amerikanische Politik steckt: Amerika wird gerügt, wenn es etwas tut, und es wird gerügt, wenn es nichts tut. Andersherum: Diejenigen, die amerikanische Alleingänge kritisieren, dürfen sich jetzt nicht kommod zurücklehnen und darauf warten, dass Amerika für sie die Kastanien aus dem Feuer holt und die großen Probleme der Welt allein löst. Wenn es eine Lehre aus der jüngsten Vergangenheit gibt, dann die, dass Amerika Partner braucht und dass diese ohne Amerika nicht zurechtkommen.
Das ist die andere Seite der Osloer Medaille. Barack Obama ist der Friedensnobelpreis zuerkannt worden, weil er Hoffnung stiftet. Weil er keine Angst davor hat, sich auf den Multilateralismus einzulassen. Aber nicht alles, was Obama anpackt, wird zu Gold. Im Nahen Osten bleibt die Lage so, wie sie schon immer war; die Mauern dort hat Obamas Rufen nicht zum Einsturz gebracht. Wer sich über die Auszeichnung freut, der muss daran mitwirken, dass dieser Präsident Erfolg hat bei der Entschärfung von Krisen und bei der Regelung von Konflikten. Wird er weitgehend alleingelassen und ziehen die Partner nicht mit, dann werden die Amerikaner fragen – und zwar nicht nur diejenigen, die sich vom Glanz des norwegischen Preises nicht blenden lassen –, was das ganze „globale Engagement“ eigentlich gebracht hat. Und sie werden dazu raten, die Sache wieder selbst in die Hand zu nehmen. Auch das zeigt: Die Auszeichnung des jungen Präsidenten ist wirklich eine Vorleistung.
Auszeichnung fuer Drohnen?
Rolf Joachim Siegen (rolfS2)
- 09.10.2009, 19:22 Uhr
Aber nicht alles, was Obama anpackt, wird zu Gold
Clemens Klein (websimultan)
- 09.10.2009, 22:30 Uhr
Nach der heutigen Kür von Obama wette ich darauf:
Hans-Jörg Rechtsteiner (hhrr)
- 09.10.2009, 22:31 Uhr
Ich fürchte...
Ullrich Schnappe (JohnBrown)
- 09.10.2009, 23:00 Uhr
Saßen Iraner im Nobelpreis-Komitee?
Wilhelm Friedrich (WillyF)
- 10.10.2009, 00:29 Uhr
Klaus-Dieter Frankenberger Jahrgang 1955, verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.
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