Home
http://www.faz.net/-gbv-159yp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Silicon Valley Existenzangst statt Gründerfieber

02.03.2009 ·  Die Krise räumt die Branche auf: Existenzgründer finden keine Investoren mehr und Vorzeigefirmen des Silicon Valley entlassen erstmals seit langem wieder Personal. Selbst der Suchmaschinenriese Google musste 100 Stellen streichen. Ein beunruhigendes Signal.

Von Roland Lindner, New York
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Andreas von Bechtolsheim ist bekannt für seinen guten Riecher, wenn es um aufstrebende Unternehmen aus der kalifornischen Technologieregion Silicon Valley geht. Legendär ist die Geschichte, als er im Jahr 1998 den beiden Studenten Larry Page und Sergey Brin von der Stanford-Universität einen Scheck über 100.000 Dollar in die Hand drückte, damit sie ihre Internetsuchmaschine mit dem Namen Google weiterentwickeln können. Google war zu diesem Zeitpunkt noch ein Projekt.

Aber einige Jahre später wurde die Firma zu einem Giganten der Internetbranche und Liebling an der Börse. Für den gebürtigen Deutschen, der sich auch als einer der Mitgründer des Computerkonzerns Sun Microsystems einen Namen gemacht hat, hat sich die Investition vervielfacht. Bechtolsheim wurde in der „Forbes“-Liste der reichsten Menschen der Welt zuletzt mit einem Vermögen von 2 Milliarden Dollar geführt.

Ein beunruhigendes Signal

Aber jetzt hat Bechtolsheim aufgehört, Gründern finanziell unter die Arme zu greifen. „Es ist einfach schwer geworden, Investitionen zu Geld zu machen“, sagt er. Die Wirtschaftskrise hat jungen Unternehmen die traditionellen Wege versperrt, die den frühen Investoren sonst einen Zahltag bescheren und sie für ihr Engagement belohnen. Börsengänge oder der Weiterverkauf einer jungen Firma ist im derzeitigen Umfeld schwierig. Bechtolsheim hat das Investieren vor rund einem Jahr eingestellt, als sich der Abschwung immer mehr abzeichnete. Er konzentriert sich heute lieber auf das von ihm mitgegründete Netzwerkunternehmen Arista Networks, mit dem er dem Technologiekonzern Cisco Konkurrenz machen will.

Es ist ein beunruhigendes Signal, wenn einer der prominentesten Investoren des Silicon Valley den Geldhahn zudreht. Zumal es noch gar nicht lange her ist, dass in der Region Goldgräberstimmung herrschte. Erfolgsgeschichten wie Google und Aufsteiger wie die Online-Gemeinde Facebook sorgten für eine Euphorie, die noch bis ins vergangene Jahr andauerte. Aber nun ist eine ernüchternde Erkenntnis eingekehrt: Das Silicon Valley ist voll von der Wirtschaftskrise erfasst worden.

Sogar Google strich 100 Stellen

„Bis zum letzten Quartal 2008 sah es so aus, als ob das Silicon Valley die globale Finanzkrise und die Rezession besser als der Rest des Landes durchsteht. Das ist nicht mehr der Fall“, heißt es in der kürzlich veröffentlichten Studie „2009 Index of Silicon Valley“. So musste die Region im Dezember zum ersten Mal seit langem einen Verlust von Arbeitsplätzen hinnehmen. Viele Unternehmen wie Ebay und Yahoo haben einen deutlichen Personalabbau eingeleitet, sogar Google sah sich gezwungen, 100 Stellen zu streichen. „Man hat im Moment das Gefühl, ständig Leuten über den Weg zu laufen, die gerade entlassen worden sind“, sagt Patricia Roller, eine im Silicon Valley lebende gebürtige Deutsche, die in junge Unternehmen investiert.

Die rapide Eintrübung zeigt sich auch an Indikatoren aus der Investorenwelt, die zwar landesweit gelten, aber im gründungsfreudigen Silicon Valley eine besondere Aussagekraft haben. Die Investitionen von Wagniskapitalgebern in junge Unternehmen schrumpften im vergangenen Jahr um 8 Prozent auf 28,3 Milliarden Dollar, berichtet der Branchenverband National Venture Capital Association. Dabei gab es im vierten Quartal sogar einen regelrechten Absturz um 33 Prozent auf 5,4 Milliarden Dollar. Im ganzen vergangenen Jahr sind gerade einmal sechs Unternehmen, die vorher mit Wagniskapital finanziert waren, an die Börse gegangen. Sequoia Capital, eine der bekanntesten Wagniskapitalgesellschaften im Silicon Valley, machte vor einigen Monaten in einer vielbeachteten Präsentation eine düstere Prognose. Sie zeigte ein Bild mit einem Grabstein, auf dem „R.I.P. Good Times“ („Ruhet in Frieden, gute Zeiten“) geschrieben stand. Die Investoren stellten die Jungunternehmen aus dem eigenen Portfolio damit auf eine lange Durststrecke ein - und forderten sie gleichzeitig zu verstärkter Kostendisziplin auf.

Weniger Geld, mehr Einfluss

Für Gründer wird es im gegenwärtigen Umfeld immer schwerer, Geld aufzutreiben, und wenn sie doch Investoren finden, dann stehen sie unter strengerer Aufsicht als bisher. Das gilt nicht nur bei Wagniskapitalgesellschaften, sondern auch bei einzelnen Privatinvestoren, die Unternehmen in der Startphase mit Geld aus dem persönlichen Vermögen unterstützen. Das beobachtet Patricia Roller, die zu einem Kreis solcher Business Angels gehört. Das Geld fließt auch hier nicht mehr so reichlich wie früher: So habe die durchschnittliche Investition vor einem Jahr noch bei 500.000 bis einer Million Dollar gelegen, nun seien es 250.000 bis 500.000 Dollar.

Gleichzeitig wollen die Investoren mehr Einfluss bei der Verwendung des Geldes nehmen. Auch die Ansprüche werden höher. Früher habe eine gute Idee ausgereicht, um Finanzhilfen zu bekommen. Jetzt sei es wichtig, ein Geschäftsmodell zu haben, das bald Umsätze abwirft, meint Roller. Weit abgerutscht in der Gunst von Geldgebern sind Unternehmen, die sich ausschließlich über Werbung finanzieren. Diesen Weg gehen zum Beispiel viele Online-Gemeinden. „Facebook würde sich heute schwertun, Investoren zu finden“, sagt Roller. Das größte Interesse von Investoren richte sich auf Unternehmen, die sich mit umweltfreundlichen Technologien beschäftigen.

„Die Krise räumt die Branche auf

Guillaume Cohen ist froh, dass er noch vor dem Abschwung eine Finanzierungsrunde für sein im Jahr 2006 gegründetes Unternehmen Veodia hinter sich gebracht hat. Vor gut einem Jahr bekam der Anbieter von Videodiensten für Unternehmen mehr als 8 Millionen Dollar von Investoren. Aber Cohen sieht sich gezwungen, mit dem Geld hauszuhalten. Eigentlich wollte er mittlerweile 30 Mitarbeiter für sein in San Mateo ansässiges Unternehmen haben, aber er hat Neueinstellungen verschoben und will erst einmal weiterhin mit 20 Beschäftigten auskommen. „Das Geld muss heute einfach länger reichen, und jeder versucht, die Kosten zu drücken.“ Überlebensgarantien könne es in der derzeitigen Lage aber nicht geben: „Das Problem ist die Unberechenbarkeit dieser Krise. Selbst wenn ich jetzt Geld für drei Jahre in der Kasse habe, weiß ich nicht, ob das am Ende genug sein wird.“

Es gibt Unternehmer, die der Krise etwas Positives abgewinnen können. „Die Gehälter sind hier im Silicon Valley völlig ausgeartet. Das hat sich jetzt erst einmal wieder gelegt“, sagt Martin Roscheisen, Gründer und Vorstandschef des Solarzellenherstellers Nanosolar aus San Jose. Das ist für den gebürtigen Münchner wichtig, denn Nanosolar gehört zu den wenigen Unternehmen im Silicon Valley, die noch Mitarbeiter einstellen, wenn auch in vermindertem Tempo. Im vergangenen Jahr hat Nanosolar die Zahl der Beschäftigten auf 300 verdoppelt. Zumindest „ein paar Dutzend“ weitere Mitarbeiter sollen in diesem Jahr hinzukommen, vor allem Materialwissenschaftler und Chemiker. Roscheisen meint auch, dass die derzeitigen Turbulenzen eine notwendige Bereinigung in der Solarindustrie vorantreiben: „Die Krise räumt die Branche auf.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent in New York.

Jüngste Beiträge