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Informatik-Studium „Uns fehlen die positiven Vorbilder“

02.03.2009 ·  Im Fernsehen sind die Helden immer Juristen, Ärzte oder Manager, Informatiker die „semi-autistischen Hilfskulis“, beklagt der Vorsitzende des Fakultätentags Informatik. Dabei bemühten sich Unternehmen nach wie vor früh, an Absolventen heranzukommen.

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Die Wahlmöglichkeiten für angehende Informatiker sind groß: Rund 150 Hochschulen in Deutschland bieten grundständige Informatikstudiengänge an, 88 mehr oder weniger unterschiedliche Verästelungen der „Allgemeinen Informatik“ nennt der Hochschulkompass, das Orientierungswerkzeug der Hochschulrektorenkonferenz im Internet - und von Semester zu Semester werden es mehr. Hans-Ulrich Heiß, der Vorsitzende des Fakultätentags Informatik, sieht das mit gemischten Gefühlen.

Herr Professor Heiß, vor einem Jahr jammerte die IT-Branche über den Mangel an qualifiziertem Nachwuchs. Hat die Krise daran etwas geändert?

Bisher nicht, die Nachfrage nach unseren Absolventen ist immer noch viel größer als unser Angebot. Falls die Wirtschaftslage auch auf dem Arbeitsmarkt für Akademiker eine Delle bringen sollte, dann wird es die Informatiker am wenigsten treffen. Denn auch in schlechten Zeiten müssen die Unternehmen in Innovationen investieren, und Informatik ist zurzeit nunmal der Kern der allermeisten Innovationen.

Wie macht sich das für Ihre Studenten bemerkbar?

Die Unternehmen bemühen sich nach wie vor früh, an Absolventen heranzukommen. Rund 70 Prozent der höheren Semester arbeiten während des Studiums schon als Informatiker, sie werden nach dem Abschluss auch übernommen. Und hinter den von vielen Unternehmen angebotenen Diplomarbeiten steht oft das Interesse an einer späteren Rekrutierung.

Dennoch ist das Interesse am Informatikstudium gering, seit dem Platzen der Internet-Blase 2001 sinken die Studentenzahlen. Woran liegt das?

Zum einen daran, dass der Computer zum Alltagsgegenstand geworden ist, von dem keine Faszination mehr ausgeht. Dabei übersehen viele, dass Informatik heute viel mehr ist als nur der Computer; das bringen die Informatiklehrer an den Schulen aber offenbar nicht rüber. Zum anderen fehlen die positiven Vorbilder, die Jugendliche dort abholen, wo sie sind: In Fernsehserien zum Beispiel sind die Helden immer Juristen, Ärzte oder Manager, während die Informatiker nur mit allen Klischees als semi-autistische Hilfskulis dargestellt werden. Auch die großen Verbände müssen sich stärker engagieren, um das zu ändern.

Die Berufsaussichten für Ihre Absolventen mögen rosig sein. Aber ist auch das Informatikstudium an deutschen Hochschulen ein Vergnügen?

Die Politik macht uns oft zum Vorwurf, dass wir fast 50 Prozent unserer Erstsemester im Lauf der Jahre verlieren. Aber es ist eben so, dass man Talent mitbringen muss, vor allem ein hohes Abstraktionsvermögen und gute Kommunikationsfähigkeiten. Sonst wird man vielleicht ein akzeptabler Web-Programmierer, aber kein wirklich guter Informatiker. Wer über die nötigen Voraussetzungen verfügt, der findet in Deutschland sehr gut ausgestattete Informatikfakultäten, sowohl was die Geräte als auch was das Personal angeht.

Gilt das vor allem für die in der Exzellenzinitiative ausgezeichneten Hochschulen? Sind deren Ausbildung und Abschlüsse jetzt mehr wert als andere?

Nein, das glaube ich nicht. Zumindest für das Bachelor-Studium sind Graduiertenschulen und Zukunftskonzepte ziemlich irrelevant. Über die Qualität der Grundlagenausbildung sagt es wenig aus, ob eine Universität ein Informatik-Cluster hat oder nicht.

Genügt ein Bachelor-Abschluss denn für den Einstieg in den Beruf?

Für manche Stellen mag das sein, für anspruchsvolle Entwicklungsaufgaben gilt es sicher nicht. „Bachelor welcome“, das ist eher ein Slogan aus der Personalabteilung, die Abteilungsleiter sehen das meist anders. Im Grunde empfehlen wir deshalb allen Bachelor-Absolventen, auch noch den Master zu machen.

Dabei wollte die Politik mit der Bologna-Reform das gerade vermeiden.

Insgesamt hat die Reform den Studieninhalten gut getan, aber dieser Vorstellung sind wir wohl nicht ganz nachgekommen. In sechs Semestern lässt sich kaum die nötige Wissenstiefe vermitteln, die für das Verständnis und den Bau hochkomplexer Informatiksysteme erforderlich ist. Informatiker sollen ja nicht nur Produktwissen über das Betriebssystem X und die Datenbank Y haben; sie sollen verstehen, wie ein Betriebssystem und eine Datenbank grundsätzlich funktionieren. Das methodische Grundlagenwissen, das an unseren Universitäten vermittelt wird, hat eine hohe Halbwertszeit und ist die beste Voraussetzung für lebenslanges Lernen.

Mit welchem der vielen verschiedenen Bachelor-Studiengänge als Ausgangspunkt erreichen Anfänger am besten dieses Ziel?

Ich empfehle zum Einstieg breit angelegte, gut eingeführte Studiengänge, über deren Inhalte später auch die Unternehmen Bescheid wissen. Denn ob die vielen neu eingerichteten und oft mit modischen Namen versehenen Bindestrich-Studiengänge nachher tatsächlich zu einem klaren Profil führen, das für die Wirtschaft interessant ist, bleibt abzuwarten. Eigentlich müsste das bei der Akkreditierung neuer Studiengänge auch überprüft werden. Aber bei manchen Nischenangeboten frage ich mich schon, ob es dabei mit rechten Dingen zugegangen ist.

Hans-Ulrich Heiß ist Professor am Institut für Telekommunikationssysteme der TU Berlin und in diesem Jahr Vorsitzender des Fakultätentags Informatik.

Das Gespräch führte Sebastian Balzter

Quelle: F.A.Z.
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