02.03.2009 · Auf der Computermesse Cebit heißt das große Schlagwort in diesem Jahr „Cloud Computing“. Das alte Modell, Softwarelizenzen zu verkaufen, funktioniert nicht mehr. Cloud Computing dagegen hat das Zeug, die Softwarewelt auf den Kopf zu stellen.
Von Holger SchmidtParadigmenwechsel vollziehen sich in der Computerwelt viel schneller als in anderen Branchen. Auf der Computermesse Cebit ist es mal wieder so weit: Cloud Computing heißt das große Schlagwort in diesem Jahr. Kein großer Anbieter, der sich das Internet in den Wolken nicht auf die Fahnen schreibt – auch weil es so perfekt in die aktuelle Wirtschaftslage passt: Informationstechnik wird einfach, variabel und vor allem billig. Statt teurer Software, die auf eigenen Computern läuft, sollen Unternehmen künftig die gewünschte Software als Dienstleistung günstig und nur nach Bedarf bei einem Cloud-Betreiber mieten. Die Programme laufen in riesigen Rechenzentren, auf die dank schneller Internetverbindungen zugegriffen werden kann, als stünde der Computer unter dem Schreibtisch. Das versprechen zumindest die Unternehmen, die mit Cloud Computing auf das große Geschäft hoffen. Dazu gehören Konzerne wie IBM, Google, Microsoft, Amazon oder Salesforce, aber auch viele mittlere und kleine Unternehmen der Informationstechnik.
Wer Gmail, das E-Mail-Programm von Google nutzt, weiß die Vorteile des Cloud Computings schon zu schätzen. Die E-Mails werden nicht mehr auf dem heimischen Rechner gespeichert, sondern lagern in einem der riesigen Rechenzentren des Unternehmens. Wer auf sein kostenloses Postfach zugreifen möchte, kann dies von jedem Internet-Rechner oder Handy aus tun. Und wer viele E-Mails bekommt, wird die Geschwindigkeit lieben, mit der Google auch Zehntausende E-Mails in wenigen Sekunden durchsucht.
Die Platzhirsche sehen ihr Modell bedroht
Cloud Computing hat das Zeug, die Softwarewelt auf den Kopf zu stellen. Das wissen inzwischen auch die alteingesessenen Anbieter wie Microsoft, SAP oder Oracle, die mit dem Verkauf der Softwarelizenzen groß geworden sind. Sie sehen ihr Modell bedroht. Zu Recht, denn wer kauft noch teure Lizenzen, wenn es die Programme für weniger Geld im Internet gibt – zumal in Krisenzeiten, in denen natürlich auch an der Informationstechnik gespart werden muss. Und wer mag auf Dauer einen Großteil seiner IT-Abteilung damit beschäftigen, Standardanwendungen wie E-Mail-Systeme am Laufen zu halten. Damit lassen sich keine Wettbewerbsvorteile erschließen, keine neuen Kunden gewinnen. Schließlich kommt auch heute kaum noch ein Unternehmen auf die Idee, den Strom selbst zu produzieren. Das können Spezialisten besser und billiger – auch wenn es nicht über Nacht passiert. Bis 2011, schätzen Marktforscher, werde schon jede vierte Geschäftsanwendung in der Cloud laufen. Bis 2015 werde sich das Internet in den Wolken breit durchsetzen.
Wie ernst die Softwareanbieter ihr altes Modell dadurch in Gefahr sehen, lässt sich leicht daran erkennen, dass viele inzwischen eigene Cloud-Strategien ausgerufen haben. Besonders stark gefährdet ist der Marktführer Microsoft. Dessen Brot- und Buttergeschäft, die Bürosoftware, lässt sich nämlich vergleichsweise leicht in die Cloud übertragen. Entsprechend schnell hat Microsoft reagiert und im vergangenen Sommer seine Strategie ganz auf das Cloud Computing ausgerichtet. Milliarden Dollar Investitionen in Rechenzentren, in denen die Anwendungen laufen, sollen Microsoft in die erste Liga der Cloud-Anbieter katapultieren. Aber natürlich wollen auch die anderen Branchenschwergewichtige wie IBM oder Dienstleister wie Hewlett-Packard/EDS und T-Systems dabei sein, wenn der neue Markt verteilt wird, in dem die Internet-Konkurrenten wie Google, Amazon oder Salesforce schon präsent sind.
Die Kunden sind noch skeptisch
Da an Cloud Computing kein Weg vorbeigeht, springen sehr viele IT-Unternehmen jetzt auf den Zug auf, versprechen dabei den Himmel auf Erden – und verprellen damit erst einmal viele Interessenten. Die Anwender haben – zumindest aus wirtschaftlichen Gründen – zwar großes Interesse am Cloud Computing, doch noch überwiegt die Skepsis unter den Technikchefs. Sind die Daten wirklich sicher? Sind die neuen Anbieter zuverlässig? Und auch in fünf Jahren noch am Markt? Wie können die Cloud-Dienstleistungen in die sonstige Informationstechnik im Haus integriert werden? Sind die Umstellungskosten nicht höher als die Ersparnisse des laufenden Betriebs? Dazu kommen rechtliche Aspekte: Dürfen die Daten überhaupt in einem Rechenzentrum im Ausland gespeichert werden?
Kein verantwortungsvoller Technikchef wird daher seine gesamte Software mit lautem Hurra in die Cloud auslagern. Stattdessen werden die kommenden beiden Jahre von Pilotversuchen, mühsamen Verhandlungen und sicher einigen Enttäuschungen geprägt sein. Wie bei einem typischen Hype-Zyklus wird die Begeisterung über das Cloud Computing nach dem ersten Höhepunkt erst einmal wieder sinken, bevor sich auf der Seite der Anbieter die Spreu vom Weizen getrennt hat und bevor die Unternehmen sicher sind, was geht und was vielleicht auch nicht, denn bevor sich Technikchefs von unternehmenskritischen Anwendungen trennen, könnte noch einige Zeit vergehen. Doch bei aller Vorsicht: Der Zug in die Wolke fährt jetzt ab. Zumindest die Anbieter müssen jetzt aufspringen, wenn sie in zwei Jahren nicht abgehängt sein wollen.
Neigung zu Übertreibungen
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