27.02.2009 · Vorbild Kalifornien: Hollywood, Apple und Google - die Dynamik der amerikanischen Westküste ist ungebrochen. Es muss an der vielen Sonne liegen und an den tollen Menschen. Das hat jetzt auch die Cebit entdeckt.
Von Patrick BernauDass es für einen Kalifornier mal erholsam sein würde, nach Hannover zu kommen, hätte sich bis vor wenigen Wochen niemand träumen lassen. Für den kalifornischen Gouverneur Arnold Schwarzenegger wird das am nächsten Wochenende so sein. Zu Hause musste er seinen Bundesstaat vor der Pleite retten, in Hannover aber darf er die Computermesse Cebit eröffnen - und die Deutschen werden an seinen Lippen hängen. Haushaltskrise hin oder her, der kalifornische Unternehmergeist gilt immer noch als vorbildlich, und deshalb haben die Cebit und der IT-Branchenverband Bitkom Kalifornien zum Partnerland erkoren - als ersten Teilstaat überhaupt.
Für die IT-Fans auf der Cebit ist Kalifornien sowieso das große Vorbild: Google, Apple und sein iPhone, ja sogar der Personal Computer („PC“) - sie alle stammen von der Westküste der Vereinigten Staaten. Doch Kalifornien ist mehr als Computer. Dort eröffneten auch die Brüder Dick und Mac McDonald ihren ersten Hamburger-Stand, Levi Strauss aus Bayern erfand dort die Jeans, und nahe Hollywood baute der Oberschwabe Carl Laemmle die Studiostadt „Universal City“. So wurde der amerikanische Bundesstaat Kalifornien zur achtgrößten Volkswirtschaft der Welt.
Gleiche Zutaten wie in den Jahrzehnten zuvor
Bei diesen Erfolgen bleiben die Kalifornier noch lange nicht stehen. Immer wieder schicken sie etwas Neues in die Welt, zuletzt zum Beispiel den Internet-Kurznachrichtendienst Twitter. Sie haben aber auch ihren Wein aus dem Napa Valley auf ein Qualitätsniveau mit den Franzosen geführt. Sie analysieren Gene für Privatverbraucher und entwickeln neue Therapien gegen Alzheimer. Und seit sich die Kalifornier entschieden haben, umweltfreundlicher zu werden - früher als der Rest der Vereinigten Staaten -, holen sie auch darin kräftig auf. Deutschland fördert Solarstrom seit Jahren, Kalifornien baut mal eben die größte Solaranlage der Welt.
Das Erfolgsrezept hat heute noch die gleichen Zutaten wie in den Jahrzehnten zuvor. Erstens: Es braucht gute Universitäten wie Stanford und Berkeley, auch die Universität in Los Angeles gehört nicht zu den schlechtesten. Dort entstehen neue Ideen. „Gerade hat wieder einer meiner Kollegen einen Ruf nach Harvard abgelehnt“, berichtet Ulrike Malmendier, die nach ihrer Volkswirtschafts-Doktorarbeit in Kalifornien geblieben ist und jetzt in Berkeley lehrt.
Weltoffene Gesellschaft
Die zweite Zutat: ein funktionierendes Netzwerk von Leuten, die waghalsige Geschäftsideen mit den neuesten Entwicklungen finanzieren - die „Risikokapital-Geber“. Und die dritte: eine weltoffene Gesellschaft, die Zuwanderer aus vielen Ländern aufnimmt. Wenn es diese Zutaten gibt, strömen immer mehr Menschen aus der ganzen Welt nach und mischen sich mit den alten - und zwar solche Menschen, wie es sie in Kalifornien schon viele gibt: schlaue, kreative und wagemutige.
„Kalifornien hat auch so viele Unternehmer in Technik und Unterhaltung angezogen, weil es ein offener Staat ist“, sagt der Regionalökonom Stephen Levy. Deutsche Unternehmer bestätigen das gerne: „Ich als Hamburger habe mich leichter in der ,Bay Area' um San Francisco eingelebt als in München. In der Bay Area hat jeder einen anderen Akzent“, sagt Konstantin Guericke, der seit 20 Jahren in Kalifornien lebt und in San Francisco das Geschäftsleute-Netzwerk LinkedIn mitgegründet hat.
Gelungen ist es nur wenigen
Dieses Rezept wollten schon viele Ministerpräsidenten, Landräte und Bürgermeister nachkochen. Gelungen ist es nur wenigen. Meist fehlt es ihnen schon am Wetter oder an der Landschaft. Denn der Strand Kaliforniens mit seinen warmen Sommern lässt sich nicht so einfach nachbauen - und im Winter sind die Berge zum Skifahren nur ein paar Stunden weg.
Einiges kann sich Deutschland trotzdem abschauen, findet der Österreicher Martin Roscheisen, der inzwischen in San Jose Solarpanels baut. Zum Beispiel die Haltung zu neuen Ideen. „In Deutschland wird es als Zeichen von Intelligenz gewertet, kritisch zu sein. In Kalifornien lernt man erst einmal, dass zu viel kritisches Denken alle Ansätze erstickt.“
Grund für die Finanzkrise
Kalifornier machten sich halt wenig Gedanken über Widerstände, findet auch Roscheisens Kollege Konstantin Guericke. Doch genau dort sieht Guericke auch einen Grund für die Finanzkrise. Die Kalifornier seien zu idealistisch - mit einem bisschen mehr Pragmatismus würde auch die Politik besser funktionieren. Derzeit gebe es zu viele Volksentscheide, die Kalifornien unregierbar machen. Darum hatte es auch Arnold Schwarzenegger in seinen fünf Gouverneursjahren nicht geschafft, den Staatshaushalt wieder in Ordnung zu bringen.
Und das wurde zum Problem, als die Immobilienkrise kam: Als wirtschaftlich erfolgreicher Bundesstaat hatte Kalifornien zuvor besonders hohe Häuserpreise - und besonders viel zu verlieren. Auf diese Weise stürzten zwei gute Eigenheiten Kaliforniens den Staat jetzt doppelt in die Krise.