05.03.2009 · An der Garderobe der Messe Hannover bleiben drei Viertel aller Kleiderhaken leer. Die Cebit verzeichnet weniger Aussteller und weniger Besucher. Dennoch gibt es gute Fachgespräche und die Erkenntnis, dass dies die wichtigste Cebit der vergangenen 20 Jahre ist.
Vor einem Jahr war vieles sehr viel größer: die Zahl der Aussteller, die der Besucher und die Aufmerksamkeit. Heute fällt auf der Cebit alles zwei Nummern kleiner aus. Das hat Heinz-Paul Bonn neu verhandeln lassen - mit seinem Hotel in Hannover. „Wenn Sie wollen, dass wir auch im kommenden Jahr noch zu Ihnen kommen, lassen Sie sich etwas einfallen“, hat er dem Mann auf der anderen Seite der Rezeption gesagt. Der hat erst nachgedacht und dann gehandelt. Jetzt zahlen Herr Bonn und seine Mitarbeiter von der GUS Group AG aus Köln 50 Euro je Nacht weniger für jedes Zimmer. Hannover in Zeiten der Cebit. Es hat sich etwas verändert.
Der Buchungsservice HRS bot am Eröffnungstag der Messe noch Zimmer für mehrere Tage in 10 Hotels ab 190 Euro die Nacht. Jetzt noch ein Zimmer bekommen? Kein Problem! Das war noch vor einem Jahr völlig undenkbar. Damals drängten sich fast eine halbe Million Besucher an die 5800 Stände. In diesem Jahr sind noch 4300 Aussteller in den Messehallen. Die Messegesellschaft mag keine Prognose für die Zahl der Besucher abgeben. An der Garderobe des Kongresszentrums bleiben allerdings drei Viertel aller Kleiderhaken leer. Finanz- und Wirtschaftskrise habe die weltgrößte Elektronikmesse in diesem Jahr auf Schrumpfkurs gebracht.
Kein Interesse an Privatkunde
Große Unternehmen wie Samsung und Toshiba blieben weg, NEC und Sony machen sich an einem Gemeinschaftsstand ganz klein. Auch Trend Micro hat in diesem Jahr keinen eigenen Stand mehr. „Wir sind an Geschäftskunden interessiert. Im vergangenen Jahr wollten wir unseren Stand daher am Samstag und Sonntag schließen. Das hat die Messe nicht erlaubt. In diesem Jahr haben wir keinen Stand mehr“, sagte Raimund Genes von Trend Micro.
Die Zurückhaltung der Aussteller zieht auch Spuren durch den Dienstleistungssektor der niedersächsischen Landeshauptstadt. So zeigt sich Mehmet Ötzürk enttäuscht. Der Taxifahrer aus Hannover hatte vor zwei Jahren in einer Nacht während der Cebit mit seinem Mercedes noch 300 bis 400 Euro eingefahren, heute sind es im besten Fall noch 160 Euro. Damals saßen Chinesen, Japaner und Saudis auf seiner Rückbank, heute sind es vorwiegend Bayern, Franken und Westfalen. Damals liefen die Geschäfte gut, heute gehen sie schleppend. „Ich will nicht klagen, aber ich hätte allen Grund dazu“, sagt er.
Kaum Rückgänge und dennoch der Tritt auf die Bremse
Das hätte wohl auch Jan Geldmacher, der Geschäftskundenvorstand von Vodafone Deutschland. Doch er stemmt sich mit einer Portion Berufsoptimismus gegen den Strom. Und das mit Erfolg: „Wir haben während der Cebit in diesem Jahr 2000 fest vereinbarte Kundengespräche. Das würde ich nicht gerade Desinteresse nennen.“ Stefan Riedel, Manager des amerikanischen Technologieriesen IBM, erklärt: „Dass weniger Aussteller und Besucher auf der Messe sind, ist offensichtlich. Das hat aber auch einen Vorteil. Man tauscht nicht nur schnell Visitenkarten aus und vertagt sich auf unbestimmte Zeit auf Telefonate und E-Mail. Man kommt wieder mehr ins Gespräch, rückt näher an Interessenten heran.“ Auch Frank Schönefeld von T-Systems Multimedia Solutions sieht in dem Besucherrückgang keinen Nachteil: „Es ist weniger los; dadurch werden wir aber gut wahrgenommen. Auch die Verzahnung zwischen Kongress und dem Stand funktioniert gut“, sagt er, der mit seinem Stand auf der Webciety vertreten ist. Webciety ist der erstmals unternommene Versuch der Messe, Internetunternehmen mit einem Kongress zur Messe zu holen. Allzu groß ist das Projekt allerdings nicht ausgefallen.
Andreas Klein, Managing Director von Techconsult, sagt: „Was wir dieses Jahr auf der Cebit beobachten, ist sehr viel Vorsicht. Seitens der Unternehmen heißt es, man spüre noch keine oder kaum nennenswerten Rückgänge im täglichen Geschäft, tritt aber schon mal auf die Bremse. Denn die Unsicherheit darüber, was die kommenden Monate bringen werden, sei einfach zu groß, als dass man unverhohlen Optimismus verbreiten kann.“ Auch bei SAP heißt es, die Messe in Hannover sei immer eines der wichtigsten Ereignisse für das Unternehmen gewesen. Das werde wohl auf absehbare Zeit auch so bleiben.
„Wichtigste Cebit der vergangenen 20 Jahre“
Jonney Shih von Asus sieht das ähnlich. Ihm dient die Cebit in diesem Jahr als ganz große Bühne. Der Chairman des taiwanischen Computerherstellers hat für die Präsentation seiner neuen Produkte keine Kosten und Mühen gescheut, einen der größten Stände auf der Cebit aufbauen lassen und Deutschlands einstiges „Next Top-Model“ Carol für seine Show gebucht. Die Fotografen schossen ein Blitzlichtgewitter auf das in leichtem Rosa gehüllte Mädchen und die von ihr in wohlmanikürten Händen gehaltenen Computer ab.
Die Auslöser klickten, die Kameras schnurrten, Jonney Shih war zufrieden. Trotz Krisengeflüster sieht er Asus Marktanteile erobern und „die Messe auf gutem Weg“. Gar „als wichtigste Cebit der vergangenen 20 Jahre“ bezeichnet Achim Berg, Geschäftsführer der Microsoft GmbH, die diesjährige Messe und begründet seinen Superlativ damit, dass die wirtschaftliche Lage eine Krisenbewältigungstechnologie erforderlich mache. Unter diesem Aspekt sieht er die Chance, in Hannover Innovationen, Produkte und Kostensenkungen aufzuzeigen. Microsoft habe denn auch seinen Hauptstand um zehn Prozent auf 3300 Quadratmeter erweitert. „Die Cebit soll sein, wie sie ist“, lautet sein Fazit.
Welchen Weg geht die Messe?
„Die Cebit ist und bleibt für uns die wichtigste Veranstaltung des Jahres, da Aufwand und Nutzen in einem gesunden Verhältnis stehen und wir hier unsere Geschäftspartner treffen“, betont auch Johannes Nill, Geschäftsführer von AVM. „Ein Blick in meinen Terminkalender überzeugt mich von dem Wert der Cebit“, sagt er. „Die Messe ist nach wie vor der ideale Kontaktpunkt für Unternehmen der Computer-IT.“ Das Statement von Ulrich Kemp, dem für das operative Geschäft zuständige Vorstand der LG Electronics Deutschland GmbH, ist eindeutig. Seines Erachtens wird der Besucherschwund Firmen, die sich auf der Cebit auf das Partnergeschäft konzentrieren, nicht so treffen wie die, die das Messeumfeld vor allem für Endkundenkontakte nutzen.
Die maßgebliche Zukunftsfrage der Cebit ist für Kemp: „Welchen Weg geht die Messe?“ Und er gibt auch gleich die Antwort: „Die Cebit sollte ein glasklares Businesskonzept verfolgen und Informationstechnologie in allen Geschäftsbereichen präsentieren. Das Segment der Unterhaltungselektronik wird bereits ausreichend von anderen Messen, beispielsweise der IFA, abgedeckt. Für die Endkunden brauchen wir keine Cebit mehr. In Hannover sollte es deswegen heißen: Back to the roots.“ „Messen stehen im Zeitalter von Internet und Datenfluss vor großen Herausforderungen“, ergänzt Leo Apotheker, Vorstandsvorsitzender von SAP. „Die Frage ist: Was können Messen noch leisten? Da ich kein Messechef bin, muss ich das nicht beantworten.“
Arrogante Hersteller / Messeveranstalter vergessen die Endkunden wieder
Michael Heiß (veryhot88)
- 05.03.2009, 13:19 Uhr
Genau falsch.
Dominik Mayer (dominikator)
- 05.03.2009, 14:53 Uhr