19.04.2009 · Das diesjährige Partnerland auf der Hannover Messe ist stolz darauf, mehr Aussteller präsentieren zu können als der ewige Rivale Japan. Südkorea hält auch in der Krise am Freihandelsprinzip fest und will über den Export gesunden.
Von Patrick WelterErst zum dritten Mal seit 1971 wird die Wirtschaft Südkoreas in diesem Jahr schrumpfen. Von solch einem Schicksalsschlag lassen die temperamentvollen Südkoreaner sich jedoch nicht beirren. „Korea sieht die Krise als Chance, unseren Export zu steigern“, erklärt der Minister für Wissenswirtschaft, Lee Youn-ho, dieser Zeitung. Eine gute Möglichkeit dazu sieht die politische Führung in der Hannover Messe, auf der sich Korea in diesem Jahr als Partnerland präsentiert.
Zielstrebig nutzt die Korea AG diese Gelegenheit. 210 Aussteller kommen nach Hannover, 161 mehr als im vergangenen Jahr. „Die starke Zunahme unterstreicht unseren Willen, die Ausfuhr zu fördern“, erklärt Lee. Mit Genugtuung wird in Seoul angesichts der ewigen Konkurrenz mit Japan auch registriert, dass das Land rund doppelt so viele Unternehmen und Forschungsinstitute nach Hannover schickt als im vergangenen Jahr das Messe-Partnerland Japan.
Erfolg untrennbar mit den Erfolgen an den Weltmärkten verbunden
Der Fokus der Regierung auf den Export kennzeichnet die Stärke und zugleich den Schwachpunkt der südkoreanischen Wirtschaft. Der jahrzehntelange Aufstieg, der das Land – gemessen an der Wirtschaftskraft – von Rang 27 im Jahr 1980 auf Rang 15 im vergangenen Jahr geführt hat, ist untrennbar mit den Erfolgen an den Weltmärkten verbunden. Ebenso aber ist der jüngste ökonomische Absturz ein Spiegelbild der Weltwirtschaft. Nachdem sich im vergangenen Herbst die globale Finanz- zur Wirtschaftskrise wandelte, stürzte auch Koreas Wirtschaft. Im Jahresschlussquartal sank der Export deutlich, die verschreckten Unternehmen reduzierten ihre Investitionen noch stärker und die Wirtschaftsleistung schrumpfte um 5,1 Prozent. Zum Vergleich: Deutschland stöhnte damals über ein Minus von 2,1 Prozent.
Trotz der schwierigen Lage bleiben die Koreaner hoffnungsfroh. Die ersten Anzeichen, dass die Wirtschaft in der Rezession den Boden gefunden hat, werden intensiv wahrgenommen. Der Export schrumpfte im Februar und März mit etwa 20 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat weniger stark als zuvor, der Außenhandelsüberschuss stieg als Folge des noch drastischeren Importrückgangs auf den höchsten Wert seit der Asien-Krise 1998. Dazu trägt im Vergleich mit anderen exportlastigen Nationen auch bei, dass der Won sich schon seit dem vergangenen Jahr trotz großer Interventionen der Bank von Korea am Devisenmarkt drastisch abgewertet hat. Der Index der Frühindikatoren verbesserte sich im Februar sogar leicht. Dies fördert die Erwartung, dass die Rezession womöglich bald ihren Boden finden wird. Lee geht im Einklang mit anderen Beobachtern davon aus, dass die Wirtschaft schneller als in anderen Ländern (spätestens im zweiten Halbjahr) zurückkomme – wobei die Unsicherheit groß ist. Die Bank von Korea prognostiziert, dass die Wirtschaft im Gesamtjahr um 2,4 Prozent schrumpfen werde. Damit ist sie eher auf der optimistischen Seite; der IWF erwartete zuletzt ein Minus von 4 Prozent.
Koreaner bringen Produkte und Ideen sehr schnell auf den Markt
„Die deutsche Exportwirtschaft leidet unter der Investitionszurückhaltung in Korea“, sagt Jürgen Wöhler, der Geschäftsführer der Deutsch-Koreanischen Industrie- und Handelskammer in Seoul. Schon im vergangenen Jahr ist die deutsche Ausfuhr nach Korea kaum noch gewachsen, während der koreanische Export nach Deutschland um 9 Prozent sank. Korea rangiert als Handelspartner für Deutschland um Rang 20. Aus koreanischer Sicht ist Deutschland wichtiger. In der Import- und Export-Rangliste des Landes lag Deutschland im vergangenen Jahr auf Platz 7 – mit deutlichem Abstand vor anderen europäischen Ländern. „Deutschland ist seit langer Zeit stark im Maschinenbau, und Korea ist ein entstehendes Kraftzentrum der Informationstechnologie“, erklärt Lee. In der Kooperation beider Stärken sieht er eine Chance, die Krise zu überwinden. Der Minister betont, dass Korea seit 1884 diplomatische Beziehungen mit Deutschland pflege. Dies belegt nicht nur das große Geschichtsbewusstsein im Land, sondern auch die große Verbundenheit vieler Koreaner mit Deutschland.
Wöhler sieht die Stärke der Koreaner darin, Produkte und Ideen deutlich schneller als die vorsichtigen Deutschen an den Markt zu bringen. Deutsche Investoren in Korea könnten vor allem von hochspezialisierten Arbeitskräften in der Forschung und Entwicklung profitieren. „Korea ist kein Billigstandort, kein Produktionsplatz für den Export“, sagt Wöhler. Nach Korea gehe als Investor, wer bei den Kunden präsent sein oder forschen wolle. Trotz der Krise sei das Interesse deutschen Investoren in Korea vorhanden.
Werben für den Freihandelsvertrag mit der EU
Die Antwort der Regierung in Seoul auf den Wirtschaftseinbruch folgt in vielem klassischen Mustern. Geschäftsbanken erhalten Garantien und Kapital, der Staatshaushalt für dieses Jahr ist deutlich gewachsen und ein erster großer Nachtragshaushalt beschlossen. Hilfen für die Automobilindustrie sind in Planung. Die Regierung achtet darauf, dass viele der höheren Ausgaben für Infrastruktur schnell getätigt werden. Korea richtet die Konjunkturprogramme – auch hier in Konkurrenz mit Japan – am Ziel aus, zur führenden „grünen Nation“ in der Welt zu werden. Erneuerbare Energien, Produktion von Led-Leuchten und energiesparende Fahrzeuge lauten die Stichwörter. Im Unterschied zu anderen Staaten aber verfolgt die Regierung zugleich ihre Politik der Steuersenkungen und Privatisierungen weiter. Der liberale Impetus hat nicht so stark gelitten wie anderswo. Deutlich wird dies vor allem in der Handelspolitik. Schon früh in der Krise rief Korea alle Regierungen auf, keine neuen protektionistischen Maßnahmen zu ergreifen. „Koreas Politik ist es, auch in wirtschaftlich unruhigen Zeiten am Prinzip des Freihandels festzuhalten“, erklärt Lee.
Werben wird Korea deshalb in Hannover auch für den Abschluss des Freihandelsvertrags mit der Europäischen Union. Wöhler sieht nur noch wenige Überbleibsel, die den freien Handel zwischen Deutschland und Korea stören. Beispielhaft nennt er den Ärger der Automobilindustrie über koreanische Standards, die sich zu sehr an amerikanischen Normen orientierten, oder die Schwierigkeiten von Pharmaunternehmen, weil Korea die Zertifikate ausländischer Testlabors nicht anerkenne. Lee erklärt dazu, in beiden Bereichen habe es in den Gesprächen große Fortschritte gegeben. Für die Automobilindustrie diskutierten die EU und Korea, internationale Sicherheitsstandards der Europäischen Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen als gleichwertig anzuerkennen. Im Pharmabereich werde mehr Transparenz im Zulassungsprozess auf beiden Seiten angestrebt.
Die Chefunterhändler der EU und Koreas haben sich im März bis auf einige wenige Details über den Vertrag geeinigt, und Lee erwartet bald positive Endergebnisse. Er hält ein Inkrafttreten des Freihandelsvertrags zum Jahresbeginn 2010 für möglich. In Europa und in Deutschland aber rührt sich schon der Widerstand der Autobauer, die sich vor noch mehr preiswerten Fahrzeugen von Huyndai oder Kia fürchten.