Home
http://www.faz.net/-gbt-x5pn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Fünfundzwanzig Jahre „Tatort“ (1994) Das allmähliche Verschwinden der Aufklärer

19.05.2008 ·  Landmarken des deutschen Kriminalgenres: Ein Essay über Ermittler und ihre Eigenheiten in Film und Fernsehen, von Fritz Langs Film „M - Eine Stadt sucht einen Mörder“ bis zu den „Tatort“-Folgen der Gegenwart (1994).

Von Lorenz Engell und Wolfgang Kissel
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Am 26. Oktober 1969 strahlte die ARD den Kriminalfilm „Exklusiv“ aus. Es war der erste Auftritt des Fernsehkommissars Trimmel und der Auftakt zur Sendereihe „Tatort“, die jetzt, fünfundzwanzig Jahre nach diesem damals unterschätzten Kulturereignis, auf die dreihundertste Folge zuläuft. Bis heute ist ein Kennzeichen des „Tatort“ die sorgfältige Zeichnung der Ermittlerfiguren: Der Fernsehkommissar ist die mediengerecht vereinfachte Ausfertigung des Aufklärers schlechthin.

Trimmels Spur führt weit zurück. Eine frühe Landmarke des deutschen Kriminalgenres ist Fritz Langs Film „M - Eine Stadt sucht einen Mörder“ aus dem Jahre 1931. Die Aufklärung des Verbrechens - ein psychopathischer Kindermörder geht um - gerät zum Wettrennen zwischen den wohlorganisierten Kräften der Unterwelt, die den Störenfried der Lynchjustiz zuführen wollen, und der Polizei, die die staatlich verfaßte Gerechtigkeit im Namen des Volkes durchzusetzen hat. Dem Staat steht eine Art Gegenstaat faschistoider Prägung gegenüber. Die Verbrecher wenden zwar durchschaubare Verfahren an, in die jedermann, bis hinunter zum letzten blinden Bettler, einbezogen ist; das abschließende Tribunal aber ist am Ende genauso finster, unberechenbar und blutrünstig wie die Taten, die es sühnen will.

Eine Mahnung an die Ganoven: Macht „keen Quatsch“

Gegen die falschen Aufklärer aber steht in „M“ der Kommissar Lohmann. Lohmann ist ein lebhafter, untersetzter, altersloser Mann, Zigarrenraucher und Kaffeetrinker, wahrscheinlich Hypertoniker. Er trägt einen Anzug mit zu kurzen Hosenbeinen, in seinem natürlich unaufgeräumten Büro agiert er in Hemdsärmeln, draußen im gedeckten Staubmantel mit unglücklicher Länge bis zum Oberschenkel, die zum Erkennungszeichen geworden ist und von deutschen Fernsehkommissaren bisweilen immer noch bevorzugt wird. Lohmann ist ein Staatsbeamter ohne Fehl. Seine Arbeit hat System: Zeugenbefragung, Spurensuche, Aktenstudium und logische Schlußfolgerung. Entscheidend jedoch sind schließlich Zufall und Intuition, durchaus vernunftlose, nicht erklärbare Erkenntnishilfen.

Aber auch das nicht Erklärbare ist aufgehoben in Lohmanns wohlmeinend väterlicher Autorität. Vor allem sie machte ihn zum Prototyp des deutschen Film- und Fernsehkommissars. Die Ganoven sind seine „Kinder“, die er väterlich ermahnt, „keen Quatsch“ zu machen, und die ihn im Gegenzug mit infantilen „Lohmann, Lohmann“-Rufen begrüßen. Im Zusammentreffen mit ihnen tritt Lohmann grundsätzlich von oben, aus dem Licht her auf und behält so die Übersicht des Aufklärers aus der Höhe.

Im Trachtenjanker zur Drogenparty

Die familiäre und die staatliche Autorität, die in der patriarchalischen Figur des Vater-Beamten zusammenkommen, sind in „M“ Voraussetzungen für die Aufklärung des Verbrechens. Sie stehen jedoch zugleich für Strukturen, die Deutschland wenige Jahre später in die Katastrophe führen sollten. Diesem Zusammenhang widmete Lang vor 1933 zwei weitere Filme, „Dr. Mabuse, der Spieler“ und „Das Testament des Dr. Mabuse“, in denen er aufs neue Kommissar Lohmann ins Feld schickte, dieses Mal gegen die in der Titelfigur Mabuse gebündelten Kräfte des Bösen. Die Anspielung auf Hitler wurde sogleich verstanden. Das größte aller Verbrechen, der irrsinnige Plan zur Weltherrschaft, war nur im Film gerade noch zu verhindern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Teilung Deutschlands verschwand die Figur des aufklärenden Kommissars zunächst. Die Polizisten wurden unter politische Kuratel gestellt; in Film und Fernsehen der DDR hatten sie eher Aufgaben eines Schlichters im Staatsauftrag, weniger die eines Ermittlers wahrzunehmen. Die politische Agitation rückte ins Zentrum, die Aufklärung des Verbrechens an den Rand.

Reifenquietschende Verfolgungsjagden im Polizeikäfer

Aber auch im Westen machten sich die Kommissare rar. In der Fernsehserie „Stahlnetz“, die 1958 erstmals ausgestrahlt wurde, stand rasche, planvolle und professionelle Polizeiarbeit im Mittelpunkt. Der Versuch, die reifenquietschenden Verfolgungsjagden amerikanischer Serienkrimis mit biederen Polizeikäfern auf leeren Pflasterstraßen zu imitieren, wirkte freilich ein bißchen seltsam. Überhaupt erschienen Actionszenen im deutschen Serienkrimi, in dem mindestens soviel gegrübelt wie gehandelt wird, bis in die neunziger Jahre wie Fremdkörper. Der Privatdetektiv Peter Strohm wurde zum ersten einigermaßen stimmig ausgestatteten Action-Ermittler im deutschen Fernsehen, entworfen übrigens vom „Trimmel“-Autor Friedhelm Werremeier.

Eine andere Lösung war, Deutschland und damit die Erinnerung an die Katastrophe völlig auszublenden. Deutsche Krimis werden ins Ausland verlegt; im Groschenroman nach Amerika, im frühen Fernsehkrimi bevorzugt nach England. Der schlanke, sportive und kantige, zurückhaltende und korrekte Heinz Drache wurde als englischer Inspektor in einen echten Trenchcoat mit doppelter Knopfreihe und Wadenlänge gesteckt - ganz ähnlich war der Ansatz in den aufsehenerregenden Francis-Durbridge- Fernsehspielen.

Ein schwerer und bisweilen lauter Zigarrenraucher mit Hochwasser

Nur gelegentlich wurde die Lohmann-Tradition wiederaufgenommen: als Polizistenparodie in Erich Engels „Natürlich die Autofahrer“ mit Heinz Erhardt in der Hauptrolle des Dobermann; als Wiederbelebung des autoritären Vater-Polizisten in Langs unglücklichem „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“, einer frühen Filmvision vom Überwachungsstaat. Das Scheitern dieses Films zeigte auch, daß die Zeit noch nicht reif war, an dieser Figur weiterzuarbeiten.

Das änderte sich im Jahr 1969. Nahezu gleichzeitig betraten der Hauptkommissar Trimmel und sein ZDF-Gegenspieler, Kommissar Keller aus „Der Kommissar“, die Szene, dicht gefolgt von den väterlichen Ermittlern des „Polizeiruf 110“ im DDR- Fernsehen. Trimmel ist Lohmann dabei in der äußeren Erscheinung wie im Charakter am nächsten; auch er ein schwerer und bisweilen lauter Mann, auch er Zigarrenraucher, auch er mit zu kurzen Hosenbeinen und zu kurzem Mantel. Wie sein Vorbild ist er ein harter Arbeiter, ein erfahrener und dickköpfiger Polizist, der keiner Gefährdung aus dem Weg geht. Neu allerdings war, daß Trimmels Eigensinn auch vor den eigenen Karrierechancen nicht haltmachte.

Das fraglose Vorrecht des Patriarchen

Trimmel handelt in allem aus Pflichtbewußtsein; Bis zur Unerträglichkeit verletzt er seine Umgebung mit dem fraglosen Vorrecht des Patriarchen. Immerhin: Während Lohmann fast ausschließlich im Dienst und in seinen Diensträumen auftrat, bekam Trimmel, ein erster Schritt in Richtung zivile Normalität, ein bescheiden kleinbürgerliches Zuhause. Kommissar Keller wirkt da eher zurückgenommen - er ist klein und keineswegs übergewichtig; die Geste des Haareraufens, die sich Lohmann und Trimmel bei schwerer Arbeit als Streßableitung angewöhnt haben, kann er schon mangels Haarwuchs nicht nachahmen.

Aber auch er ist eine autoritäre, freilich schon etwas kultivierte Vaterfigur. Wo die anderen gewitzt sind, ist er weise; er hat nicht nur kriminalistische, sondern auch psychologische Erfahrung. Seine Menschenkenntnis versetzt ihn in die Lage, mit Verdächtigen aus höheren Kreisen ebenbürtig zu verkehren und die Lösung des Rätsels oft intuitiv zu erfassen, ohne den Lösungsweg erklären zu können: beinahe die Erkenntnisweise eines Aristokraten. Keller ist von Befehlsempfängern der jüngeren Generation umgeben, die seine Eingebungen in Handeln umsetzen; sie dürfen auch schon einmal anstelle des Kommissars in kurzem Sprint einen Verdächtigen verfolgen und stellen. Ihr „Ist gut, Chef“ meint „Jawohl, Papa“.

Föderale Pluralität: Schon der dritte „Tatort“ zeigt einen überraschenden Ermittler

Zum Typus des aufklärenden Patriarchen gehörte als Unikum auch der Inspektor Franz Josef Wanninger mit seinen „seltsamen“ Methoden, der, fast schon als Großvater gestaltet, mit seinem viel jüngeren Assistenten Fröschl noch bis zum Anfang der achtziger Jahre die volkstheaternahe Vision vom verdeckt arbeitenden Ermittler darbieten durfte. Wanninger nahm man sogar ab, daß er als fast Sechzigjähriger im Trachtenjanker an einer LSD-Party im Schwabinger Milieu teilnehmen konnte, ohne Verdacht zu erregen.

Die föderale Struktur der ARD begünstigte von Beginn des „Tatort“ an die Pluralität. Bereits die dritte Folge präsentierte eine neue Figur von bisher ungekanntem Zuschnitt: den Zollfahnder Kressin. Kressin ist sportlich - und er hat, wahrhaft ein Novum, Sinn für Frauen. Er zeigt sich mit offenem Hemd und engen Hosen, er trägt Goldschmuck: eine nahezu mediterrane Erscheinung. Er hat keine Familie und auch keinen Assistenten als Sohn-Ersatz. Schnelle Autos zieht er dem Dienstkäfer vor.

Jedenfalls kein Erzieher-Typ im traditionell moralischen Sinne

Daß Kressin in der deutschen Fernsehkritik sogleich als „anarchistisch“ eingestuft wurde, verdeutlicht aufs neue, wie staats- und autoritätsgebunden der Aufklärer verstanden wurde. Selbstverständlich war Kressin kein Anarchist, sondern marktkonform nach angelsächsischen Vorbildern gearbeitet, auf die sein Erfinder Wolfgang Menge allemal ein Auge hatte. Im deutschen Fernsehen waren sie durch Serien wie „Mit Schirm, Charme und Melone“ oder „Simon Templar“ bekannt. Die oft völlig phantastischen Fälle wurden hier zum bloßen Anlaß für ein leichtes, ironisches Spiel; die Ermittler, in der Regel keine regulären Polizisten, sondern nicht näher legitimierte Agenten, hielten kühle Distanz zu den Vorgängen. Menschliche Tiefe war nicht gefragt, die Vorliebe fürs Oberflächliche und den Konsum war ablesbar an der allzeit perfekten äußeren Erscheinung und Ausstattung der Ermittlerfiguren.

Der Zollfahnder Kressin ist, neben Percy Stuart aus der gleichnamigen Vorabendserie des ZDF, vielleicht der einzige Versuch, Anklänge an diese Motive in deutschen Serienprodukten zur Geltung zu bringen. Kressin ist kein normaler Polizist, sondern nur Zollfahnder und als solcher eigentlich für wirtschaftliche Vergehen zuständig und nicht für Verbrechen aus Leidenschaft. Seine lockeren Sprüche und seine Vorliebe für Erotik der leichten und käuflichen Art sprechen die Sprache des Konsums; Kressin ist eher ein Geschmacksmuster, jedenfalls kein Erzieher-Typ im traditionell moralischen Sinne, wie er zur selben Zeit den ostdeutschen „Polizeiruf 110“ dominiert.

Aber auch im Westen wurde Aufklärung nicht dauerhaft an Kaufkraft gebunden. Kressin wurde 1974 abgelöst durch Heinz Haferkamp, einer Figur ganz aus dem Geiste des Sozialstaats deutscher Prägung. Haferkamp ist ein Aufklärer ohne Eigenschaften. Er ist nicht sonderlich soigniert oder gar modisch aufgeschlossen; er tritt leise auf und ohne väterliches Gehabe etwa gegenüber seinem Assistenten Willi Kreuzer, in den seinerseits einige Elemente der Lohmann-Tradition eingeflossen sind, von der Physis und der Zigarre bis zur Sicherheit im Milieu, in dem er ermittelt. Haferkamp ist in seiner sachwalterischen Art und seiner lakonischen Menschlichkeit ein bescheidenes Ideal der frühen Schmidt- Ära, ein Sympathieträger ohne Machtinstinkte und Arroganz. Der Haferkamp-Tatort „Der Feinkosthändler“ aus dem Jahre 1978 geriet gar zur Abrechnung mit einem Haustyrannen.

Diskretion in Förstersgrün und im Kadett

Dazu fügt sich Haferkamps Privatleben; er trifft sich oft mit seiner geschiedenen Frau, einer klugen und gut beschäftigten Fotografin: Sie fragt er um Rat, statt sich ungeklärten Inspirationen hinzugeben. Die persönliche Situation, die ihn gleichermaßen von Libertinage und Patriarchat trennt, ist nicht konfliktfrei, wird aber von den Partnern vergleichsweise kühl gehandhabt. Allenfalls das Interieur seiner Dachwohnung ist es, das Haferkamp, der Shellack-Jazzplatten sammelt und auf einem alten Grammophon anzuhören pflegt, doch noch mit persönlicher Kontur ausstattet.

War es Zufall, daß zur selben Zeit der deutschen Polizei ihre traditionelle dunkle Uniform samt langem Mantel abgenommen wurde? Amtsautorität sollte nicht mehr optisch unterstrichen werden. Heinz Oestergaard, der Hausdesigner des Modeversenders Quelle, der den Geschmack der Kundenschicht einer ganzen Generation prägte, entwarf die noch heute gültige grün-sandfarbene Uniform mit grünen oder weißen Schirmmützen, eine Art Tarnanzug, der den Polizisten unauffälliger und etwa dem Förster ähnlicher machte (ein Revier hatte er ja schon traditionell innegehabt). Immer noch fuhr die Polizei, nicht nur im Fernsehen, statt auffälliger Porsches lieber diskret und langsam mit dem Kadett.

Der mittlere Kriminelle als Polizist

Und dann kamen Horst Schimanski und sein Partner Christian Thanner. Schimanski ist mit Eigenschaften geradezu aufgeladen, was ihn zum unwahrscheinlichsten aller „Tatort“- Aufklärer macht. Seine Unbeherrschtheit und Unberechenbarkeit; seine Unfähigkeit zur Reflexion, ja bisweilen sogar zum vernünftigen Sprechen; sein Handlungszwang und seine vollkommen chaotisierte Lebensführung stehen jeglicher regulären Einordnung in den deutschen Polizeikosmos im Wege, weswegen auch er flugs zum Anarchisten erklärt wurde. Von familienähnlichen Bindungen keine Spur. Seine Ermittlungen verlaufen planlos und führen jedesmal zu erheblichen Verwicklungen, aus denen ihn Thanner oder sein Vater-Vorgesetzter, mit dem er per du verkehrt, befreien müssen. Schimanski ist überhaupt nicht dem Bild des Polizisten nachgebildet, sondern dem des mittleren Kriminellen. Die fiktive Biographie, mit der Schimanski wohl als einziger „Tatort“-Kommissar ausgestattet ist, weist ihn denn auch als zum Polizisten konvertierten, vaterlos aufgewachsenen ehemaligen Automaten- und Autoknacker aus. In „Grenzgänger“ begegnet Schimanski seinem Gegenstück, einem kriminell gewordenen Kriminalisten.

In den amerikanischen Polizeiserien, von „Kojak“ bis „Miami Vice“, war der klare Unterschied zwischen den Guten und den Bösen schon länger im Schwinden begriffen. Kojak etwa arbeitete inmitten des Milieus mit der einen Hälfte der Kleinkriminellen gegen die andere zusammen und prügelte Aussagen aus seinen V-Leuten heraus, als sei er selbst ein Mann des Syndikats. Seine Diensträume waren in erbärmlich heruntergekommenem Zustand; es herrschte dasselbe Chaos wie draußen auf den Straßen. Später, in „Miami Vice“, sollten die Ermittler regelrechte Doppelexistenzen führen. Ähnlich wie in vielen Schiman ski-Fällen ist der Kampf gegen das Verbrechen, ist das Unternehmen der Aufklärung aussichtslos geworden. Ohne Drogengelder und Waffengeschäfte würde die Wirtschaft kollabieren, immer wieder decken und fördern die vorgesetzten Behörden das Verbrechen.

Schimmi quittiert den Dienst

So wird die in „M“ angelegte Grundidee von Schimanski vom Kopf auf die Füße gestellt. Stand dort die Unterwelt für die illegitime Parallelpolizei, so wird nun der Aufklärer zum legitimierten Kriminellen, der sich an den Methoden seiner Gegner orientiert und ihnen auch in seiner Denkungsart immer näher kommt. Zu den Unschärfen gehört auch, daß ausgerechnet Schimanski mit Eigenschaften und Verhaltensweisen belegt wird, die die Trivialkultur normalerweise für Frauen bereithält. Er ist nervlich belastenden Situationen nicht gewachsen und vernünftigen Argumenten nicht zugänglich, er ist moralisch und emotional engagiert, er wird begehrt, er weint. Schimanski ist damit, wie später Sonny Crockett aus „Miami Vice“, ein She-Man .

Dem deutschen Fernsehen gelang mit Schimanski erstmals, was sonst nur das amerikanische versucht hat: eine trivialkulturelle Ikone zu erzeugen, vergleichbar dem Schokololli und der Glatze Kojaks. Die Schimmi-Jacke, ein zunächst völlig nebensächliches Accessoire, wurde zum Modeartikel und, mehr noch, zum Element persönlicher Identitätsbildung, ja zum Bekenntnis. Konsequent endet der letzte Schimanski-“Tatort“ mit einer langen Einstellung auf die vom Dach geworfene Jacke: Schimanski quittiert den Dienst.

Von der Chronik zum Nebeneinander

Inzwischen war das Fernsehmonopol der öffentlich-rechtlichen Anstalten aufgehoben worden. Der Autoritätsverlust der Sender, deren Nachrichtensprecher im Bewußtsein der Zuschauer einst den Rang regierungsamtlicher Auskunftsbeamter hatten, ist nicht reparierbar. Der Auftrag, das Publikum aufzuklären und zu bilden, erweist sich zunehmend als unverkäuflich. Die Vermehrung der Kanäle von drei oder vier auf drei- oder vierundzwanzig hat das Fernsehen völlig verändert. Die unentwegten Wiederholungen führen dazu, daß ältere Fernsehsendungen, und bevorzugt ältere Kriminalserien, in Nachspielkanälen und Dritten Programmen immer wieder aufs neue zu sehen sind.

Alle Ermittler und Kommissare, die abgelegten wie die noch aktuellen, stehen dem Zuschauer ungeachtet ihrer Zeitgebundenheit und ihrer Stellung in der Entwicklungsreihe in wahlfreiem Zugriff zur Verfügung. Sogar die alten Ermittler aus „Polizeiruf 110“, oft eine Mischung aus Gottvater und Parteisekretär, können derzeit in drei bis vier Programmen begutachtet werden. Schimanski war für diese neuen Verhältnisse, in denen es keine Aufklärer von Format und Anspruch mehr geben kann, eine Nummer zu groß geworden; er war der vorerst - und vermutlich auf lange Zeit - letzte Kommissar seines Kalibers: ein Emblem.

„Du bist kein Sozialarbeiter, du bist Kriminalist

Dennoch kam es bereits während der Schimanski-Ära zu erstaunlichen Neuorientierungen. Die erste Frau trat auf: Kommissarin Buchmüller, auf die eine zweite und eine dritte folgten; in „Polizeiruf 110“, der zur Zeit neu konzipiert wird, soll es ein halbes Dutzend sein. In einer Art Zeitverschränkung kehrte Heinz Drache als Berliner Hauptkommissar Bülow vorübergehend ins aktuelle Ermittlungsgeschehen zurück. Mit zart homoerotischen Motiven wurde die Partnerschaft zwischen den Hamburger Hauptkommissaren Paul Stoever und Peter Brockmöller untermalt. Aus Anlaß des zweihundertsten Tatorts schnitt man einen Nonsense-Film aus alten Folgen zusammen, der nur notdürftig mit nachgedrehtem Material verbunden war, „Blutrausch“, in dem Inge Meysel an der Seite der Polizeisau Luise ermittelte. Der Saarbrückener Max Palu wurde unter der Regie von Hans Christoph Blumenberg zeitlich und örtlich präzise in die Toskana-Fraktion versetzt: Als Wein- und Literaturliebhaber war er da an der richtigen Stelle, mit seinen billigen Hemden, dem alten Mantel, dem Rennrad und den Boxer shorts benahm er sich freilich herb daneben.

Überall siegt nun das Ungewohnte: In der Folge „Das Duell“ des „Polizeirufs 110“ spielt erstmals die Familie des Kommissars Beck eine Rolle; Becks Sohn gerät 1989 in die Unruhen in Ost- Berlin und in die Versuche der Polizei, sie mit irregulären Mitteln niederzuschlagen. Auch in der Regie setzen sich gegen die festen Handschriften der älteren Meister variable, offene Formen durch, etwa bei Ilse Hofmann, die am Entwurf fast aller jüngeren Aufklärerfiguren mitgewirkt hat. So erweist sich die Kriminalserie als Medium der neuen Unübersichtlichkeiten und der Vielfalt der Aufklärungsmuster. Der ins wiedervereinigte Deutschland übernommene Dresdner Kommissar mit dem sprechenden Namen Ehrlicher führt, bedächtig und wortkarg, die Tradition des väterlichen Aufklärers fort. Sein wendiger Assistent Kain hilft ihm, sich in den Ungewißheiten des neuen Ostens zurechtzufinden: „Du bist kein Sozialarbeiter, du bist Kriminalist.“ Kain hat recht. Von den sozialpflegerischen Idealen der Milieustudie und der Rückführung des Strafgefährdeten in die Gesellschaft ist der heutige Aufklärer weit entfernt. Er muß erkennen, daß das Verbrechen bereits in die Gesellschaft integriert ist, daß die Verbrechermilieus sich atomisiert haben und auch die wohlmeinendste Pädagogik von oben ihr Ziel verfehlt.

Oft springt der Porsche dann nicht an

In einem West-Berliner Hinterhof hat sich unterdessen der Franz Biberkopf von heute die teure Kleidung des amerikanischen Großstadtgangsters der dreißiger Jahre übergeworfen und als Kommissar Markowitz jegliche sichtbare Ermittlungstätigkeit eingestellt. Und ausgerechnet dem Münchner Außenseiter Ivo Batic mit seinem Sinn für die Deklassierten wird in Franz Laitmayr ein Kollege beigegeben, dessen Gehabe der Schickeria entlehnt ist, auch wenn sein Porsche oft nicht anspringt. Eher konkurrierend als kooperierend kommen sie dennoch gemeinsam in den vielgestaltigen großstädtischen Gefährdungswelten der neunziger Jahre zurecht.

Völlig heterogen ist das Team des Düsseldorfer Kommissars Flemming; er selbst lebt, bisweilen mit seinem heftig adoleszierenden Sohn, auf dem Land; seine ausgesprochen gut gekleidete Assistentin, studierte Soziologin aus besserem Hause und eine scharfzüngige Ermittlerin, hat vor ihrem Einsatz bei der Mordkommission im Bereich der Straßenkriminalität gearbeitet; der zweite Assistent, in angedeuteter Schimanski-Tradition etwas fahrig und für Action-Passagen zuständig, hat finanzielle Probleme und arbeitet deshalb nebenbei als Kellner.

Jeder Polizist ein Zivilist

Der Teilzeit-Aufklärer ist die zur Zeit avancierteste Variante. Jeder Polizist ein Zivilist, lautet die Devise. Während der amerikanische Serienkrimi in den neunziger Jahren weitgehend stagniert oder zum patriarchalischen Muster der Aufklärung im höheren Auftrag zurückkehrt wie in „In the Heat of the Night“ oder, hochraffiniert, in „Twin Peaks“ , hat das deutsche Fernsehen der Orientierungslosigkeit eine positive und unterhaltsame Seite abgewonnen: Das Verschwinden des traditionellen Aufklärers erlaubt es jedem Mann und jeder Frau, Aufklärung zu spielen, wenigstens eine Zeitlang.

Die Realität beeilt sich, dem nachzukommen. In Brandenburg gehen zivile Hilfspolizisten bereits auf Streife. Das neue Dienstfahrrad ist nicht etwa ein hochtechnisiertes Gefährt, sondern ein ganz normales Tourenmodell, das auch die Post verwenden kann, wenn es die Polizei nicht mehr brauchen sollte. Dienstfahrzeuge werden nicht mehr eigens lackiert, sondern als weiße Normalautos erworben und durch Folien zeitweilig zu Polizeiautos gemacht. Das erhöht ihre Wiederverkäuflichkeit nach Dienstende. Das spätere Verschwinden wird schon mitbedacht. Das senkt die Kosten der Aufklärung.

Quelle: F.A.Z. vom 22. Oktober 1994
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen