22.10.2004 · Im deutschen Fernsehkrimi herrscht annähernd Geschlechtergleichheit. Das war lange Zeit ganz anders. Eine Ausstellung huldigt den Kommissarinnen des deutschen Fernsehens - von Lena Odenthal bis Bella Block.
Von Andreas KilbWenn der Eßtisch leergeräumt, das Geschirr gespült, das Telefonat erledigt, das Kinderbuch vorgelesen ist, kommt ihre Zeit. Während draußen die Nacht auf die Straßen sinkt und drinnen die Heizungen laufen, tragen sie einen Traum von Gefahr und Gewalt in die Wohnzimmer, ins schützende Karree der Stehlampen und Polstermöbel.
Sie sind alle vom gleichen Schlag und doch so verschieden - mild und brutal, blitzschnell und träge, einfühlsam und kalt. Die eine weint, die andere nicht, die eine schießt selten, die andere nie. Fast alle tragen Hose, die wenigsten Rock, und fast allen fehlt, was jenen, die ihr Schicksal mit der Fernbedienung verfolgen, am wichtigsten ist: Kinder, Familie, ein Heim.
Sie leben in Provisorien, sie entwickeln sich weiter, und mit ihnen die Form, die sie ausfüllen: der deutsche Fernsehkrimi, ein Genre mit ganz eigenen Gesetzen, vielfach vernetzt und doch einzig auf der Welt, ein Erzählformat als Nationalkunstwerk. Gäbe es ihn nicht, sie müßten ihn erfinden, damit Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern herrscht im Olymp des Scheins, wo die Familienserien noch immer die patente Mama, die Liebesmelodramen das Weibchen propagieren.
Verdienstvolle Ausstellung
Sie sind Kommissarinnen. Das sagt sich leicht, und inzwischen erscheint es auch ganz selbstverständlich, aber der Weg dorthin, den das Berliner Filmmuseum in einer verdienstvollen Ausstellung dokumentiert, war lang. Nach Emely Reuer, die als Assistentin im Dienstzimmer des "Kommissars" Erik Ode saß und die floralen Kleidermuster der frühen siebziger Jahre vorführte, kam lange nichts.
Dann betrat Nicole Heesters als Oberkommissarin Marianne Buchmüller die Bühne des "Tatorts". Mit Baskenmütze und Bobfrisur spielte sie die Küchenvariante von Emma Peel, aber selbst das war den Programmverantwortlichen noch zuviel; nach nur drei Folgen verschwand die Figur in der Versenkung. Erst mit Karin Anselm als Hanne Wiegand und vor allem mit Ulrike Folkerts als Lena Odenthal, der mittlerweile dienstältesten "Tatort"-Ermittlerin, wurde die Kriminalkommissarin zur ständigen Erscheinung auf dem Bildschirm.
Die Pistole züchtig unterm Mantel
Im Berliner Filmmuseum sieht man Ausschnitte aus dem Odenthal-Debüt "Die Neue": Der mordverdächtige Michael Mendl führt Lena beim Sportbogenschießen die Hand und nennt sie gönnerhaft "Penthesilea"; die Pistole, die sie später in höchster Not zücken darf, bleibt züchtig unter ihrem Mantel verborgen. "Die öffentlich-rechtlichen Krimiserien waren (und sind) Truppenübungsplätze zur Ausbildung legitimer Autorität maskuliner Ausprägung", resümiert Gabriele Dietze in ihrem klugen Katalogaufsatz. Erst Folkerts, deren Figur in fünfzehnjähriger Dienstzeit immer mehr zum Alter ego der Schauspielerin wurde, stieß die Tür zum Allerheiligsten des "Tatorts" so weit auf, daß ihre Kolleginnen hindurchgehen konnten, Sabine Postel, Eva Mattes, Andrea Sawatzki, Maria Furtwängler.
Schließlich erschienen, neben den "postfeministischen" (Dietze) Polizistinnen der Privatsender, die Krimi-Galionsfiguren des ZDF, Hannelore Hoger als Bella Block, Iris Berben als Rosa Roth, zuletzt Ulrike Kriener als "Kommissarin Lucas" und das "Duo" aus Ann-Kathrin Kramer und Charlotte Schwab. Inzwischen herrscht annähernd Geschlechtergleichheit im deutschen Fernsehkrimi. Nur durch den zunehmend untoten "Fall für zwei" weht noch der Männerdunst von gestern; aber nicht mehr lange.
Visuelle Steckbriefe
Der schönste Raum der Berliner Ausstellung zeigt die visuellen Steckbriefe von fünfzehn der wichtigsten Fernseh-Ermittlerinnen, fotografiert von Herlinde Koelbl: Profil, Frontalansicht, Porträt mit Dienstwaffe, Großaufnahme der Schuhe. Gerade die Pistolenfotos verraten viel über das Verhältnis der Aktricen zu ihren Rollen, mehr noch als die beigefügten Selbstaussagen. Ann-Kathrin Kramer steckt die Waffe lässig in den Hosenbund, Andrea Sawatzki richtet sie gegen sich selbst. Corinna Harfouch hält sie wie einen Kleiderbügel, Ulrike Folkerts wie ein Erbstück. Charlotte Schwab versteckt sie hinter ihrem Rücken, Hannelore Hoger in ihrem Mantel. Iris Berben zielt auf das Auge des Betrachters, Ulrike Kriener auf seinen Bauch.
Nur eine hält die Pistole wie einen schweren, furchtbaren, todbringenden Gegenstand. Das ist die sechzehnte Kommissarin: die echte. Marion Wieczorek, Leiterin der Potsdamer Kripo-Außenstelle Neuruppin, steht ernst und breitbeinig vor Koelbls Kamera, wie es der Wirklichkeit ihres Berufs entspricht. "Wenn ich im Außendienst bin und den ganzen Tag die Pistole trage, habe ich am Abend Kreuzschmerzen." Diesen Satz könnte sich kein Drehbuchautor ausdenken, und gute Quoten brächte er vermutlich auch nicht; Kreuzschmerzen haben die Zuschauerinnen schon selbst genug.
Öffentlich-rechtliche Frauen
Wenn man durch die Räume der von Gerlinde Waz und Peter Paul Kubitz konzipierten, von Hans Dieter Schaal gebauten Berliner Schau geht, fällt einem nicht auf, wie dünn der Firnis der kriminalistischen Gleichstellung ist, wie jung das Phänomen, das hier dokumentiert wird. Man muß es nachlesen. Die meisten der gezeigten Kommissarinnen sind erst seit den späten neunziger Jahren im Dienst, viele der heute noch aktiven sogar erst seit drei oder vier Jahren. Der "warenförmige Feminismus", die Mischung aus nackter Haut, coolen Sprüchen und gezielten Schlägen, die Gabriele Dietze in den Krimiproduktionen des Privatfernsehens ausmacht, ist auf den Monitoren des Medienraums unterrepräsentiert. Statt dessen dominieren die öffentlich-rechtlichen Zugpferde: Rosa Roth, Bella Block, die "Tatort"-Frauen.
Aber gerade an den Rändern, da, wo das Genre aufweicht, liegt vielleicht seine Zukunft. Seit dem "Greifer" des Hans Albers war der väterliche Kommissar eine feste Größe im deutschen Bildergedächtnis. Jetzt haben ihn die mütterlichen Kriminalerinnen beerbt; Söhne und Töchter werden folgen. Aber die Hierarchie ist dabei, zu zerbrechen, "Sokos" und Teams rücken an die Stelle der Patriarchen und Patriarchinnen. Die Kommissarin ist eine Abschiedsfigur. Das Filmmuseum entbietet ihr den gebührenden Gruß.