Herr Brabeck, in der jüngsten Biographie über Sie schreiben Sie einleitend über Ihre Erlebnisse am knapp 7000 Meter hohen Aconcagua in den Anden. Was bedeuten Ihnen die Berge?
Ich habe mein ganzes Leben lang ein enges Verhältnis zu den Bergen gehabt. Dort reifen viele meiner Gedanken und Entscheidungen. In den Bergen kann man sich auf sich selbst konzentrieren. Es gibt für gute Entscheidungen keinen schlechteren Platz als den Schreibtisch.
Und dennoch treffen wir Sie auf dem „Rummelplatz“ WEF in Davos.
Es kommt darauf an, was man daraus macht. Natürlich kann man sich auf Cocktailpartys tummeln. Aber Davos bietet eine einmalige Plattform, um wichtige Anliegen voranzubringen. Als ich dort 2008 das Wasser-Thema lancierte, waren vielleicht zehn Leute im Saal. Heute ist es zu einer Art „Menschheitsprojekt“ geworden. Dies wäre nicht möglich gewesen ohne die einmalige Plattform Davos, auf der Entscheidungsträger aus der ganzen Welt anwesend sind.
Wie kommen Sie mit der Wasser-Initiative, die Sie mit der Weltbank und McKinsey lanciert haben, voran, oder sind Ihren Ansprechpartnern andere Themen wichtiger?
Im vergangenen Jahr haben wir aus 154 Wasserreservoirs Projekte in drei Ländern – nämlich in Indien, Jordanien und Mexiko – ausgewählt. Die Analyse der dort in den Blick genommenen Gewässer bildet die wissenschaftliche Basis für politisches Handeln. Die Untersuchungsergebnisse werden wir auf dem diesjährigen WEF vorlegen. Wir sind damit von der Theorie zu konkreten Studien gelangt und haben das Interesse weiterer Länder geweckt. Insgesamt begleiten inzwischen 14 Staaten – von Südafrika bis zur Mongolei – unsere Bemühungen.
Welche weiteren Schwerpunkte setzen Sie in Davos?
Neben der Nutzung von Wasser werde ich mich intensiv mit der künftigen Nahrungsmittelversorgung vor dem Hintergrund der besorgniserregenden Preissteigerungen vieler Rohstoffe und mit der veränderten Rolle von Unternehmen befassen.
Was ist damit gemeint?
Ich denke, wir sollten intensiver über den „Profit“ nachdenken. Nur auf die Ziffern zu schauen halte ich nicht mehr für ausreichend. Vielmehr geht es vermehrt darum, zwischen bloßem Gewinn unabhängig von dessen Zustandekommen und einem Gewinn zu unterscheiden, der sozialen Nutzen stiftet. Dies können Arbeitsplätze sein, ein besserer Schutz der Umwelt oder auch die Förderung der Gesundheit. Wer so denkt, muss zum Beispiel die Nutzung von Feldfrüchten für die Gewinnung von „Biodiesel“ für absoluten Wahnsinn halten. Den Gewinn hieraus zahlen die Ärmsten der Armen. Im Übrigen läuft diese Produktion nur über hohe Subventionen, und es wird das Ziel der Kohlendioxidverminderung verfehlt, wie wissenschaftliche Studien heute belegen.
„Sozialer Gewinn“ klingt gut. Machen wir den Praxistest. Sind Pizzas von Nestlé gesundheitsfördernd?
Dieser Einwurf ist so nicht berechtigt. Ernährungswissenschaftler betonen immer wieder, wie gesund mediterrane Küche ist, und dazu gehören Pizzas. Dort werden Sie nichts Gesundheitsschädliches finden. Unbeschadet solcher Beispiele ist die allgemeine Richtung wichtig. Bisher haben sich verantwortungsvolle Unternehmen darauf beschränkt, geschäftliche Ziele zu verfolgen, die Rechtsnormen zu beachten und nachhaltig zu wirtschaften. Jetzt geht es darum, zusätzlich auf eine gemeinsame Wertschöpfung mit ihrem sozialen Umfeld zuachten.
Das wird den Aktionären nicht gefallen.
Die Aktionäre müssen darunter nicht leiden. Es geht nicht um weniger Profit, sondern um alternative Wege zum selben Niveau. Die verantwortungsvolle Art der Gewinnerzielung muss Teil der Unternehmensstrategie werden.
Dieses Jahr wird die Marke von sieben Milliarden Menschen in der Welt überschritten. Verblasst vor dieser Herausforderung nicht auch die Finanz- und Wirtschaftskrise?
Das weltweite Bevölkerungswachstum sollte uns zweifellos am stärksten beschäftigen. Die demographische Kurve stellt schließlich keine Schätzung, sondern eine Tatsache dar. Unter den drei Themenkreisen Energieversorgung, Finanz- und Wirtschaftskrise und Nahrungsmittelproduktion hat die Lebensmittelversorgung aber zuletzt die geringste Beachtung gefunden. Dabei sollte es genau umgekehrt sein. Die Entwicklung ist alarmierend. Jede Sekunde wächst die Weltbevölkerung um vier Menschen, zugleich gehen 0,3 Hektar Agrarfläche verloren. Und nach einem zwischenzeitlichen Rückgang ist die Zahl der Hungernden in der Welt seit 2008 wieder auf mehr als eine Milliarde angestiegen. Das ist inakzeptabel. Hinzu kommt der besorgniserregende Anstieg der Lebensmittelpreise.
Ist die Lage anders als im Vergleich zu 2008, als die Nahrungsmittelpreise ebenfalls in die Höhe schossen?
2008 hat die Finanz- und Wirtschaftskrise die Preissteigerungen abrupt beendet. Dieses Mal, so fürchte ich, könnte der Anstieg von Dauer sein. Gerade deshalb ist es ein absoluter Wahnsinn, Agrarflächen zur Erzeugung von Biodiesel zu verwenden, auch wenn die Ziele für den Einsatz dieser nachwachsenden Rohstoffe nicht zuletzt in den Vereinigten Staaten reduziert worden sind.
Müssen die Spekulanten aus den Agrarmärkten vertrieben werden?
In einigen Lebensmitteln sind Fonds bis zu 40 Prozent engagiert. Ein Verbot brächte aber wenig bis gar nichts. Hedge-Fonds verstärken ja nur bestehende Trends. Das Problem hoher Lebensmittelpreise bekommen Sie nur mit anderen Maßnahmen in den Griff. Die erste lautet, wie erwähnt, „no food for fuel“. Zweitens müssen die Investitionen in die Landwirtschaft verstärkt werden. Mit dem heutigen Stand der Technik, hierzu gehört im Übrigen auch die Gentechnik, könnte man bis 9,5 Milliarden Menschen ernähren. Aber in den vergangenen zehn Jahren blieb der Produktivitätszuwachs im Agrarsektor hinter dem Bevölkerungswachstum zurück. Drittens muss die Infrastruktur verbessert und die Ressourcenvergeudung durch die heutigen Abfallberge vermindert werden. Viertens benötigen wir gesicherte freie Märkte statt willkürlicher politischer Entscheidungen, wenn zum Beispiel Russland plötzlich die Ausfuhr von Weizen und Indien den Export von Zucker beschränkt.
Sollte man vor diesem Hintergrund nicht die lokale Produktion wieder mehr fördern?
Damit können Sie die Welt letztlich nicht ernähren. Wo liegen denn die großen Land- und Wasserreserven? Letztlich könnten fünf bis sechs Länder das Getreide für den ganzen Globus liefern. Ähnlich sieht es mit anderen Agrarrohstoffen aus. Doch was geschieht? In Spanien zum Beispiel wird die Landwirtschaft mit Beträgen subventioniert, welche nahezu der gesamten Wertschöpfung des Sektors entsprechen.
Stehen in der Lebensmittelversorgung nicht auch Konzerne wie Nestlé in der Pflicht?
Natürlich können wir zur Nachhaltigkeit der Lebensmittelversorgung beitragen. Wir kaufen beispielsweise mehr und mehr Rohstoffe direkt bei Bauern ein: Über die nächsten fünf Jahre werden wir die Menge von direkt bei Produzenten eingekauftem Kaffee verdoppeln und damit pro Jahr 180.000 Tonnen Kaffee von rund 70.000 Produzenten direkt beziehen. Weitere Beispiele finden Sie in unserem Sozialbericht. Dort stehen viele Angaben über den verantwortungsvollen Umgang mit Rohstoffen. Aber obwohl Nestlé der größte Lebensmittelkonzern der Welt ist, spielt er nur eine vergleichsweise kleine Rolle.
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