27.07.2009 · Das vergangene Jahr hat gigantische Vermögen vernichtet. Das trifft besonders die Reichen. Manche von ihnen fühlen sich schon als neue Mittelschicht. Tatsächlich hat die Krise etwas bewirkt, das man ihr gar nicht zugetraut hätte: Sie hat die Gesellschaft wieder ein bisschen gleicher gemacht.
Von Lisa NienhausHellmut Wempe weiß sofort, wenn den Wohlhabenden des Landes nicht wohl ist. Der 77 Jahre alte Seniorchef der Juwelierkette Wempe kann das an den Zahlen ablesen, die seine Geschäfte liefern. Geht es den Besserverdienern gut, geht es auch Wempe gut. Derzeit scheint die Stimmung in der Oberschicht gedämpft zu sein. "Der Umsatzrückgang ist spürbar", sagt Wempe. In Deutschland rechnet er in diesem Jahr mit knapp zehn Prozent Minus, in Amerika mit minus 30 Prozent, in Madrid sieht es noch schlechter aus.
Während die Wempe-Läden in gewöhnlichen Innenstadtlagen noch gut laufen, haben sie in Luxuslagen Probleme. An der Frankfurter Goethestraße, der Flaniermeile der Investmentbanker, sank der Umsatz im ersten Halbjahr 2009 um 17 Prozent, an der Düsseldorfer Königsallee sogar um 27 Prozent. Der Befund ist eindeutig: Die Reichen der Welt haben zu sparen begonnen. "Die Übermutkäufe bleiben aus", sagt Wempe, "wer schon lange eine schöne Uhr haben wollte, der kauft sie auch jetzt noch. Aber die dritte Uhr, die ausgefallene mit dem grünen Ziffernblatt, die will jetzt keiner mehr."
Lange galt der Luxusmarkt als krisensicheres Geschäft
Das trifft alle Luxusmarken. Bulgari meldete im ersten Quartal des Jahres 23 Prozent weniger Umsatz, der Gewinn sank um beinahe 30 Prozent. De Beers, der größte Diamantenhersteller der Welt, stellte seine Produktion zeitweise fast ganz ein. Auch Chanel, Gucci und Tiffany's erleben schlechte Zeiten. Den Wohlhabenden sitzt das Geld nicht mehr so locker wie in den vergangenen Jahren. Sie sind vorsichtiger geworden, überlegen länger, schauen auf den Preis.
Das ist erstaunlich, galt doch der Luxusmarkt lange als krisensicheres Geschäft. Doch in dieser Krise ist alles anders. Sie hat Milliardenvermögen zu Millionenvermögen dezimiert. Und sie hat zunächst die Oberschicht getroffen: diejenigen, die über ein nennenswertes Vermögen verfügen und nicht bloß 20.000 Euro auf dem Tagesgeldkonto horten.
Viele dieser ganz Reichen sind im vergangenen Jahr deutlich ärmer geworden - zumindest auf dem Papier. Denn ihre Unternehmen und ihre Beteiligungen haben an Wert verloren. Nach dem Global Wealth Report der Unternehmensberatung Capgemini und der Bank Merrill Lynch ist die Zahl der Millionäre weltweit erheblich geschrumpft. Hatten 2007 noch rund 10 Millionen Menschen ein Vermögen von einer Million Dollar oder mehr zur freien Verfügung, so waren es 2008 nur noch 8,6 Millionen.
Die Forbes-Milliardärsliste ist deutlich kürzer
Auch die Milliardärsliste des amerikanischen Magazins Forbes ist jetzt deutlich kürzer (siehe: Bildergalerie: Arme Milliardäre). Im März 2008 führte sie noch 1125 Milliardäre auf. Ein Jahr später waren es nur noch 793 - damit waren sagenhafte 1,4 Billionen Dollar aus der Liste verschwunden. Die Verluste Einzelner waren dabei gigantisch: Warren Buffett beispielsweise soll im März 2009 ganze 25 Milliarden Dollar weniger besessen haben als im Jahr zuvor. Familie Schaeffler soll um immerhin fünf Milliarden Dollar erleichtert worden sein.
Während die Reichen auch in Deutschland ärmer wurden, hat die Krise die Armen hierzulande bisher kaum getroffen. Denn viele von ihnen beziehen Sozialleistungen, die genauso weiter gezahlt werden wie zuvor. Ein nennenswertes Vermögen besitzen sie ohnehin nicht. Auch die Mittelschicht ist nur teilweise belastet. Kurzarbeit lässt zwar die Einkommen in der Industrie schrumpfen und auch bescheidenere Aktiendepots haben natürlich an Wert verloren. Die große Entlassungswelle aber, die den Abstieg vieler Mittelschichtler in die Unterschicht bedeuten könnte, ist bislang ausgeblieben.
So hat die Krise etwas bewirkt, das man ihr gar nicht zugetraut hätte: Sie hat die Gesellschaft wieder ein bisschen gleicher gemacht. Die Kluft zwischen Arm und Reich, die sich in den vergangenen Jahren immer weiter öffnete, ist schmaler geworden - auch wenn der Abstand von ganz oben nach ganz unten immer noch enorm ist.
Ein Schock für Wohlhabende
Für manchen Wohlhabenden ist das ein Schock. Es scheint, als hätten einige Reiche vergessen, dass man auch aus der Oberschicht absteigen kann. Schon benehmen sich die Ersten, als gehörten sie zur Mittelschicht. Madeleine Schickedanz etwa, die einst schwerreiche Karstadt-Erbin, beklagt in einem Interview ihren Milliardenverlust durch die Insolvenz ihres Unternehmens. Sie beschreibt ihr neues, eingeschränktes Leben, das mit Einkaufen beim Discounter und Essen beim günstigen Italiener um die Ecke nach typisch deutscher Mittelschicht klingt.
Doch noch sind die Deutschen skeptisch, wenn sie so etwas lesen. Sie glauben nicht, dass die Reichen tatsächlich massenhaft aus ihren höheren Gefilden hinabsteigen werden zum gewöhnlichen Volk. Mindestens einmal ist das allerdings schon geschehen. Die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre hatte zusammen mit dem Zweiten Weltkrieg einen solchen Effekt. Auf der ganzen Welt verkleinerten sich die Einkommensabstände deutlich - und sie blieben noch Jahrzehnte danach sehr gering.
Kaum ein Wirtschaftskenner erwartet aber, dass die jetzige Krise ähnlich stark wirkt. "Die oberen 300 haben doch bisher fast nur Buchverluste gemacht", sagt Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Das mache gar nichts. "Sie können es sich leisten, die Krise auszusitzen. Wenn es der Wirtschaft bessergeht, lösen sich ihre Verluste in nichts auf." Schon jetzt erholen sich die Börsen, und die Vermögensverluste schmelzen dahin.
Die Reichen und ihre großen Sorgen
Der Vermögensberater einer Bank in Frankfurt, der anonym bleiben will, sieht das ähnlich. "Noch im Frühjahr hatten die Wohlhabenden Angst vor einem Zusammenbruch der Marktwirtschaft und damit auch vor dem Totalverlust ihres Vermögens." Doch die Politik habe das System gerettet. "Damit sind die Reichen ihre größte Sorge los."
Schwierig wird der Vermögensverlust nur dort, wo ein Abwarten, bis die Zeiten besser werden, nicht möglich ist und Buchverluste zu echten Verlusten werden. Das erwartet Wirtschaftsforscher Grabka allerdings eher in der Mittelschicht als unter den oberen Zehntausend. "Bald werden mehr Menschen ihre Jobs verlieren. Sie sind dann genötigt, auf ihr privates Vermögen zurückzugreifen - egal, wie der Kurs steht." Das trifft die Vermögenden kaum, denn ihr Wohlergehen hängt nur selten an einem Job. Um für die Reichen gefährlich zu werden, müsste die Krise viele Jahre dauern oder der Staat müsste stärker umverteilen. Grabka hält es deshalb für bedenkenswert, die Steuern für Besserverdiener und Vermögende zu erhöhen.
Ob das zurzeit sinnvoll ist, ist tatsächlich äußerst fraglich. Denn viele der Wohlhabenden sind Unternehmer und besitzen eigene Firmen. Wenn die in der Krise kaum Gewinn abwerfen und die Banken mit Krediten knausern, dann ist das private Vermögen überlebenswichtig. Häufig kann nur noch daraus der nächste Aufschwung finanziert werden.
„Albern und unreif“
Trotzdem jammern die wenigsten Wohlhabenden nun öffentlich über ihre Lage. Im Gegenteil. Sie wissen, dass es den meisten anderen immer noch deutlich schlechter geht. Viele empfinden die Klagen von Madeleine Schickedanz eher als peinlich. Juwelier Wempe nennt sie beispielsweise "albern und unreif". Er sagt: "Wir haben ein paar sehr gute Jahre hinter uns, in denen wir vom Kasinokapitalismus profitiert haben. Jetzt ist diese Zeit vorbei. Als Bürger bin ich froh darüber."
Und in der Realität?
frank heinze (herzchakra)
- 27.07.2009, 09:13 Uhr
Mir kommen echt die Tränen, Frau Nienhaus,
Frank Seidel (WehrDich)
- 27.07.2009, 11:45 Uhr
Wieviel Geld soll man in der Bank haben, um aus den Zinsen wie ein Sozialhilfe-
Sophia Orti (rum)
- 27.07.2009, 11:53 Uhr
zynische Überschrift
Fritz Vandermöhlen (FritzV)
- 27.07.2009, 12:33 Uhr
Typische Reaktion
L. Richard (LarsenI)
- 27.07.2009, 12:44 Uhr
Lisa Nienhaus Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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